Wohnen hinterm Lärmschutz

Mitten auf dem Feld markieren Schilder und gelbe Fähnchen den Verlauf der Gasleitung. Bis zu dieser Grenze soll das Baugebiet reichen. Westlich davon soll eine Grünfläche liegen. Wegen der B188 (im Hintergrund) sind Lärmschutzmaßnahmen erforderlich.
 
Eine Skizze zeigt, wie das Baugebiet später aussehen könnte. Die Aufteilung der Grundstücke und die Anordnung der Häuser kann sich im Verlauf der Planung noch ändern. An der Ecke Weserstraße Salestraße will die Stadt einen kleinen Kreisverkehr einrichten. (Foto: Stadt Burgdorf)

Stadt plant Baugebiet mit Ein- und Mehrfamilienhäusern zwischen B188 und Weserstraße / Baupolitiker vertagen die Abstimmung auf die nächste Ausschusssitzung Anfang November

BURGDORF (fh). Die Stadt Burgdorf will ein neues Wohngebiet nördlich der Weserstraße entwickeln. In der Weststadt zwischen der Umgehungsstraße B188 und dem Baugebiet Heineckenfeld könnten rund 25 Einfamilienhäuser beziehungsweise Doppelhaushälften sowie mehrere Mehrfamilienhäuser entstehen. Die Fläche liegt westlich des E-Centers Cramer jenseits eines kleinen Baumbestandes. Bis Ende 2020 will die Stadt dafür einen Bebauungsplan erarbeiten; anschließend könnte der Verkauf der Baugrundstücke und die Suche nach Investoren für Mehrfamilienhäuser beginnen.
Das Vorhaben ist nicht ganz neu: Schon 2008 hatte die Stadt für diesen Bereich einen Bebauungsplan mit dem Titel "Wohnen in der Landschaft" aufgestellt und ihn auch bereits öffentlich ausgelegt. Ursprünglich wollte damals die J.A.K. Verwaltungs-GmbH das Projekt realisieren. Doch nach langjährigem Stillstand sei der Investor von diesen Plänen wieder abgerückt, heißt es von Seiten der Stadtverwaltung. Stattdessen will die Stadt das Gebiet nun selbst entwickeln. "Darauf haben wir uns einvernehmlich geeinigt", betonte J.A.K.-Geschäftsführer Achim Haacke gegenüber dem Marktspiegel.
Die Stadt knüpft allerdings nicht nahtlos an die Pläne der Investoren an, sondern nimmt einige grundlegende Änderungen vor. Deshalb muss sie einen neuen Bebauungsplan aufstellen. Doch bevor sie damit beginnen kann, müssen die Ratspolitiker jetzt zunächst einmal beschließen, wie sie die künftigen Bewohner vor dem Verkehrslärm von der B188 schützen wollen. Die Stadt schlägt ihnen drei Varianten vor: eine Lärmschutzwand, einen Wall oder die Abschirmung durch Mehrfamilienhäuser, die parallel zur B188 errichtet würden. Je nachdem wofür sich die Kommunalpolitiker entscheiden, wirkt sich das auf die erforderlichen Gutachten, Berechnungen und damit auch auf die Festsetzungen im Bebauungsplan und die Auflagen für die künftigen Bauherren aus.
Bei ihrer jüngsten Sitzung haben die Mitglieder des Bauausschusses die Abstimmung darüber vertagt. CDU und FDP sprachen sich bereits klar für eine Lärmschutzwand aus. Auch die Vertreter der Mehrheitsgruppe aus SPD, Grünen, WGS und Freien Burgdorfern schienen dieser Variante nicht abgeneigt zu sein, wollen das jedoch noch mal in ihren Fraktionen beraten. Dafür haben sie nun bis zur nächsten Sitzung des Bauausschusses am 4. November Zeit.
Auch die Diskussion um die Bäume am östlichen Grundstücksrand könnte dann fortgeführt werden. Es handelt sich dabei um eine ehemalige Baumschule, die aber nicht mehr entsprechend gepflegt und bewirtschaftet wurde, sodass sie mittlerweile offiziell als Wald eingeordnet wird. In Absprache mit dem Eigentümer will die Stadt diesen Bereich nun auf dem Papier von einem Wald in eine private Grünfläche umwandeln. "Real soll alles so bleiben wie es ist; die Bäume sollen nicht gefällt werden. Das hat uns der Eigentümer zugesichert", so Fischer.
Für den Stadt habe diese formale Änderung den Vorteil, dass sie mit den Häusern näher an den Baumbestand heranrücken könne. Zu einem Wald müsse sie einen Abstand von 100 Metern beziehungsweise mit Sondergenehmigung von 35 Metern einhalten. Bei einer Grünfläche gelten solche Vorschriften nicht. "Ich finde das irritierend. Wenn diese Entscheidung dem Eigentümer Tür und Tor öffnet, vielleicht doch die Axt anzulegen und wir dagegen keinerlei Handhabe mehr hätten, würde ich dem nicht zustimmen wollen", kritisierte Simone Heller von den Grünen.
Beim Lärmschutz gab es hingegen keine größere Kontroverse. Und das obwohl die Nachteile einer Wand oder eines Walls auf der Hand liegen: Mit einer Höhe von fast fünf Metern würden sie das Bild am Ortseingang prägen. Außerdem entstünden zusätzliche Kosten, die dann auf die Grundstücke umgelegt werden müssten. Warum ziehen Stadt und Politiker diese Möglichkeiten also trotzdem in Betracht? Vor allem, weil sie im weiteren Verlauf bei der Vermarktung der Grundstücke dann deutlich flexibler wären.
Denn ein Verzicht auf einen solchen zusätzlichen Lärmschutz hätte einen Haken: Die Einfamilienhäuser könnten bei dieser Variante erst dann gebaut werden, wenn die Mehrfamilienhäuser fertiggestellt sind. Denn vorher würden die gesetzlichen Grenzwerte ja noch gar nicht eingehalten. "Wir wissen aber nicht, wie schnell wir dafür Investoren finden, wann sie bauen und ob sie eventuell wieder abspringen. Wenn wir Pech haben, verzögert sich dadurch noch einmal alles um ein bis zwei Jahre", warnt Fischer. Stehe hingegen erst einmal eine Wand oder ein Wall, könne mit dem Bau der Einfamilienhäuser sofort begonnen werden.
Und nicht nur das: Stadt und Investoren hätten dann auch bei der Gestaltung der Mehrfamilienhäuser deutlich mehr Freiheiten und könnten beispielsweise sowohl die Gebäudelänge als auch die Höhe variieren. "Wenn wir hingegen einzig und allein auf die abschirmende Wirkung der Mehrfamilienhäuser setzen würden, müssten sie mindestens drei Stockwerke und eine Länge von jeweils rund 70 Metern haben", erläutert Stadtplaner Andreas Fischer.
Und warum wollen CDU und FDP lieber eine Wand als einen Wall? Da sind zunächst einmal die Kosten: Ein Wall ist mit 1,2 Millionen Euro deutlich teurer als eine Wand mit rund 550.000 Euro. Auf die Stadt würden darüber hinaus höhere Pflegekosten zukommen: Sie betragen laut Verwaltung jährlich 16.500 Euro gegenüber 7.000 Euro bei einer Wand. Außerdem verbraucht ein Wall deutlich mehr Platz, weil mit einer Standfläche von etwa 20 Metern zu rechnen ist. Um den optischen Eindruck einer Wand aufzuwerten und ihre Nachteile somit etwas abzumildern, will die Stadt sie übrigens begrünen.