Wohin mit dem Klärschlamm?

Cord Behrens (von links) von der Stadt Burgdorf, Klaus Conerding und Heidrun Lemke diskutieren über unterschiedliche Verfahren zur Klärschlammverwertung.

Stadt hat eine umfangreiche Studie in Auftrag gegeben / Bei einem Infoabend von SPD, Grünen, WGS und Freien Burgdorfern diskutieren Experten über unterschiedliche Verfahren

BURGDORF (fh). Soll der Burgdorfer Klärschlamm weiterhin als Dünger aufs Feld kommen? Ist es besser, ihn zu verbrennen? Oder gibt es vielleicht noch ganz andere Alternativen? Um diese Fragen ging es bei einer Informations- und Diskussionsveranstaltung am Montagabend im Jürgen-Rodehorst-Haus. Dazu hatten SPD, Grüne, WGS und Freie Burgdorfer eingeladen, um die Debatte über den Klärschlamm mit mehr Fakten zu unterfüttern.
Zuletzt waren die Rufe nach einem Ausstieg aus der landwirtschaftlichen Verwertung immer lauter geworden – aus der Sorge, dass mit dem Klärschlamm nicht nur wichtige Nährstoffe, sondern auch Rückstände von Medikamenten, Mikroplastik und andere Schadstoffe in den Boden und dann auch in den Nahrungskreislauf gelangen könnten. Im Juni beschlossen die Politiker im Verwaltungsausschuss daraufhin, den Einsatz in der Landwirtschaft zumindest zurückzufahren.
Die Stadt lässt deshalb zur Zeit von einem Planungsbüro rund ein Dutzend unterschiedliche Verfahren zur Behandlung und Entsorgung des Klärschlamms prüfen. Dabei sollen die Machbarkeit, die Auswirkungen auf die Umwelt und die Wirtschaftlichkeit vergleichen werden. „Mit den Ergebnissen rechnen wir Ende Februar. Wir werden sie dann öffentlich vorstellen“, kündigte der Leiter der städtischen Tiefbauabteilung Rainer Herbst bei der Podiumsdiskussion am Montagabend an. Falls das von den Politikern gewünscht werde, solle der Ausstieg aus der landwirtschaftlichen Verwertung dann Ende 2020 erfolgen.
Das Planungsbüro soll auch untersuchen, bei welchen Verfahren auf ein Klärschlammlager verzichtet werden könnte. Denn vor allem dagegen regt sich Widerstand: Eine Gruppe um den Initiator Reinhard Engelhardt sammelt Unterschriften, um einen Bürgerentscheid zu diesem Thema herbeizuführen. Zum einen weil sie fürchten, dass das geplante Lager neben der Kläranlage am Dachtmisser Weg zusätzlichen Gestank verursachen könnte. Zum anderen, weil sie verhindern wollen, dass sich Burgdorf damit indirekt doch auf die landwirtschaftliche Verwertung des Klärschlamms festlegen würde. Die Stadt vertritt hingegen die Position, dass auch bei anderen Verwertungswegen ein solches Zwischenlager nötig sei, um Entsorgungsengpässe zu vermeiden. Auch darüber soll die Studie des Planungsbüros Klarheit bringen.
Bei der Diskussion am Montagabend saßen vier Fachleute auf dem Podium: der Leiter der Tiefbauabteilung Rainer Herbst, Cord Behrens, der bei der Stadt für Kläranlage und Kanalisation zuständig ist, der Agraringenieur und CDU-Ortsratsherr aus Hänigsen Klaus Cording sowie Heidrun Lemke aus Isernhagen, die sich in ihrer Gemeinde im Umweltschutzverein engagiert und für die Grünen im Rat sitzt. Sie haben über einige der möglichen Verfahren ausführlich diskutiert: Dabei kritisierten sie, dass die Verbrennung von Klärschlamm noch nicht ausgereift sei und verteidigten erstaunlich einmütig gerade den Einsatz als Dünger, der zuletzt besonders in der Kritik stand. Im folgenden stellen wir die vier Verfahren vor, die bei der Podiumsdiskussion im Fokus standen.

Klärschlamm als Dünger in der Landwirtschaft

Bei der Dikussion im Jürgen-Rodehorst-Haus haben die Podiumsgäste für den Einsatz des Klärschlamms als Dünger eine Lanze gebrochen. „Das ist sicherlich nicht der falscheste Weg“, sagte der Leiter der städtischen Tiefbauabteilung Rainer Herbst. Für diese Aussage bekam er spontanen Applaus von Heidrun Lemke, die sich im Umweltschutzvereins Isernhagen engagiert und für die Grünen im Rat ihrer Gemeinde sitzt.
„Die Menschen bringen seit Jahrhunderten Fäkalien auf die Felder, weil sie wertvollen Phosphor enthalten. Er ist für uns lebensnotwendig und seine Vorräte sind begrenzt. Es wäre Irrsinn, darauf zu verzichten“, argumentierte sie. Und der Diplom-Agraringenieur Klaus Cording, der die CDU im Ortsrat Hänigsen vertritt, fügte hinzu: „Der Burgdorfer Klärschlamm hat eine gute Qualität. Es macht deshalb durchaus Sinn ihn weiter landwirtschaftlich zu verwerten.“
Gibt es also keine Probleme mit den Schadstoffen? Zweimal im Laufe von 20 Jahren habe der Burgdorfer Klärschlamm bisher erhöhte Quecksilberwerte aufgewiesen und musste deshalb zunächst aufbereitet werden, bevor er auf die Felder kam. Bei anderen Schadstoffen habe es keine Auffälligkeiten gegeben.
Allerdings: Auf Medikamentenrückstände und Mikroplastik wird der Burgdorfer Klärschlamm nicht untersucht. „Das ist bisher nur Gegenstand der Forschung und nicht der Routineuntersuchungen vor Ort“, so Behrens. Es bestehe aber kein Grund zur Panik. „Der weitaus größte Teil des Mikroplastiks wird durch Reifenabrieb erzeugt. Im Vergleich dazu sind die Mengen im Klärschlamm gering“, argumentierte der Leiter der Tiefbauabteilung Herbst.
Außerdem gelangten die Schadstoffe aus dem Abwasser nicht eins zu eins in den Klärschlamm und erst recht nicht in die Nahrungskette, ergänzte Cording. „In der Kläranlage wird ja schon vieles eliminiert, auch im Boden passiert noch mal etwas. Und Pflanzen nehmen organische Verbindungen normalerweise sowieso nicht wieder auf“, sagte er.
Um das Risiko noch weiter zu reduzieren, sei es verboten, Klärschlamm auf Felder mit Futterpflanzen oder mit Gemüse aufzubringen, das zum direkten Verzehr bestimmt sei. Bei Getreide dürfe er nur bis zur Knöchelhöhe aufgebracht werden.


Klärschlamm in der Verbrennung


Besonders viel Kritik erntete die Verbrennungsmethode. „Dabei wird viel Kohlenstoffdioxid frei mit entsprechend negativen Folgen für unser Klima und auch die Anwohner leiden unter den Emissionen“, sagte Heidrun Lemke von der Umweltschutzinitiative Isernhagen. Außerdem sei das Verfahren noch nicht ausgereift. „Die Idee dahinter ist eigentlich, aus der Asche das Phosphor zurückzugewinnen. Doch das ist kompliziert und teuer“, monierte sie.
Das bestätigte der Agraringenieur Klaus Cording und kommentierte: „Es ist schon ein Stück aus dem Tollhaus.“ Damit hob er auf folgenden Sachverhalt ab: In Niedersachsen müssen größere Kommunen bald aus der landwirtschaftlichen Verwertung aussteigen: Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern haben dafür bis 2029 Zeit; Städte zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnern bis 2032.
Danach werden viele zur Verbrennung übergehen. „Der Gesetzgeber verpflichtet sie dazu, das Phosphor anschließend zu recyclen“, sagt Cording. Die Crux: Das müsse nicht sofort passieren, sondern in einer Frist von 30 bis 35 Jahren. „Man setzt also auf den technischen Fortschritt und hofft, dass es irgendwann in der Zukunft billige Methoden dafür gibt“, so Cording.


Vererdung von Klärschlamm in Schilfbeeten

Auch die sogenannte Vererdung in Schilfbeeten, wie sie beispielsweise Lehrte praktiziert, kam bei den Podiumsgästen nicht gut weg: Das sei keine Lösung, sondern eine Verschiebung des Problems. „Auch wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, handelt es sich noch immer um Klärschlamm, der den gleichen Regeln unterliegt wie vor der Behandlung“, erläuterter Agraringenieur Klaus Cording. Er müsste danach ebenfalls landwirtschaftlich verwertet oder verbrannt werden.
Ziel ist es, dem Klärschlamm möglichst viel Wasser zu entziehen und so die Masse zu reduzieren, um Transport- und Entsorgungskosten zu reduzieren. Ähnliches könnte durch die Trocknung in einer technischen Anlage erreicht werden.


Pyreg-Verfahren zur Eliminierung von Schadstoffen


Heidrun Lemke von der Umweltschutzinitiative Isernhagen warb an dem Abend im Jürgen-Rodehorst-Haus mit viel Leidenschaft für ein neues Verfahren der Firma Pyreg. Dabei wird nach Darstellung des Unternehmens der Klärschlamm thermisch und hygienisch behandelt, um Hormone, Keime, Arzneimittelrückstände, Mikroplastik und ähnliches zu eliminieren. Anschließend entstehe ein Dünger, der Pflanzen mit Phosphor versorge. Im Wesentlichen wäre dieses Verfahren also eine modifizierte landwirtschaftliche Verwertung.
Der Haken an der Sache: In Deutschland steht das Pyreg-Substrat noch nicht auf der Liste der erlaubten Düngemittel. Da es in Schweden bereits zugelassen ist, könnte es nach EU-Düngerecht auf den Markt gebracht werden. Cord Behrens von der Stadtverwaltung kommentierte: „Für uns als Betreiber ist es wahrscheinlich noch zu früh, um auf dieses Pferd zu setzen. Es gibt auch noch keine Erfahrungen zur Wirtschaftlichkeit des Verfahrens.“
Aus Sicht von Lemke ist gerade das noch ein Argument dafür, in Burgdorf erst einmal bei der landwirtschaftlichen Verwertung zu bleiben. Da die Kläranlage am Dachtmisser Weg für 35.000 Einwohner ausgelegt ist, wäre das gesetzlich weiterhin zulässig. „So könnte die Stadt Zeit gewinnen und weitere Forschungsergebnisse abwarten“, schlug die Grünen-Politikerin vor.