"Wissen steigert Wertschätzung"

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) spricht beim Junglandwirtetag im Stadthaus. (Foto: Wiebke Molsen)
 
Vor Beginn ihrer Tagung nehmen sich die Junglandwirte die Zeit, um vor dem Stadthaus mit den Tierschützern der Albert Schweitzer Stiftung zu sprechen. (Foto: Wiebke Molsen)

Junglandwirte aus ganz Niedersachsen treffen sich in Burgdorf / Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner erläutert ihre Agrarpolitik

BURGDORF (wim). „Massentierhaltung abschaffen“ – mit diesem und anderen Plakaten begrüßten Tierschützer von der Albert-Schweitzer-Stiftung die Junglandwirte am Dienstag vor dem Stadthaus in Burgdorf. Und was machen die Landwirte? Sie reden bis einige Minuten vor Veranstaltungsbeginn mit ihnen, hören sich ihre Sicht auf die Landwirtschaft an und laden sie auf ihre Höfe ein. „Ich kenne die Tierhaltung nur aus dem Fernsehen“, gibt Andrea Hellwig-Gerhard zu, die extra aus Hannover angereist ist. Sie freut sich, dass die Junglandwirte auf sie zugegangen sind und mit ihr über die moderne Landwirtschaft gesprochen haben.
Damit haben sie auch schon eine wesentliche Forderung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) beim Junglandwirtetag erfüllt: „Sie müssen rausgehen aus ihrer Filterblase“, ruft sie den Hofnachfolgern im vollbesetzten Saal zu. Bauern müssten sehen, wie sich die Gesellschaft verändert habe und hinhören, was Verbraucher wollten.
Auf der anderen Seite nimmt sie auch die Verbraucher in die Pflicht, ein größeres Verständnis für die Landwirte aufzubringen. „Es ist wichtig, dass der Verbraucher weiß, dass seine Anforderungen an die Landwirtschaft Geld kosten“, sagt Klöckner. Und diese Mehrkosten könne nicht alleine der Landwirt tragen. „Wer am Sonntag höhere Standards fordert, muss in der Woche auch anders einkaufen“, fordert sie. Zudem prüfe eine Kommission gerade eine mögliche Finanzierung neuer Standards in der Tierhaltung über eine Tierwohlabgabe.
„Die Wertschätzung wächst, wenn das Wissen da ist“, ist Klöckner sich sicher. Damit Kinder schon in Kindergärten lernen, wo ihr Essen herkommt, wie es angebaut und gekocht wird, hat sie am Dienstag 200.000 Euro an Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) für die Vernetzungsstelle Kitaverpflegung übergeben. Außerdem will sie zusammen mit dem Kultusministerium die Darstellung der Landwirtschaft in Schulbüchern unter die Lupe nehmen, die oftmals nicht zur hochtechnisierten und digitalisierten Wirklichkeit passe.
Neben vielen verständnisvollen Worten wurde aber auch Tacheles geredet: Denn auch beim Insektenschutz spielt die Landwirtschaft neben dem städtischen Leben und der Mobilität eine wichtige Rolle. „Natürlich hat das Auswirkungen, wenn die Hälfte der Landesfläche landwirtschaftlich bewirtschaftet wird“, sagt Klöckner. Aber auch in Naturschutzgebieten ohne landwirtschaftlichen Einfluss sei ein Insektenrückgang festzustellen, wundert sie sich. Um mehr über die Ursachen des Insektenschwunds herauszufinden, will sie nun ein bundesweites Insektenmonitoring einsetzen.
Ein weiteres großes Thema war der Streit um Nitrat im Grundwasser: Deutschland stehe am Ende eines juristischen Prozesses und es drohen hohe Strafzahlungen, so die Bundeslandwirtschaftsministerin. Klar sei, dass die Werte gesenkt werden müssten und dafür mancherorts auch der Einsatz von Düngemitteln zu reduzieren sei. Die Bundesländer seien nun aber in der Pflicht, die Plausibilität der Messstellen zu überprüfen. „Wir müssen zum Verursacherprinzip kommen“, sagte auch Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU). Es müsse in Zukunft genau festgestellt werden, welcher Landwirt der Verursacher von eventuellen Verschmutzungen sei. „Grundsätzlich sind Landwirte Wasserschützer und machen einen super Job“, hob Otte-Kinast aber hervor.
So wie Junglandwirtin Louisa Backhaus aus der Wedemark, deren Betrieb seit mehr als 30 Jahren mit den Stadtwerken kooperiert und sich kontinuierlich im Wasserschutz weiterentwickelt hat. „Trotzdem liegt unser Betrieb im roten Gebiet, das ist für uns nur schwer verständlich“, sagt sie. Einig waren sich die Podiumsgäste darin, dass dieses Thema fachgerecht aufgearbeitet werden muss. „Sonst fahren wir ein ganzes Bundesland an die Wand, in dem immerhin jeder zehnte Arbeitsplatz von der Landwirtschaft abhängt“, macht Otte-Kinast deutlich.
Sie sieht zudem die Zwickmühle, in der Landwirte stecken, wenn sie investieren wollen, um gesetzliche Vorgaben bei neuen Ställen oder Güllebehältern zu erfüllen, es aber nicht können, weil die Genehmigung aussteht. „Landwirte stoßen oft an ihre Grenzen, weil klare Entscheidungen fehlen“, räumt sie ein. Die Ministerin freut sich aber über die vielen praktischen Lösungen, die Landwirte ihr immer wieder anbieten. Anderen zuhören, Meinungen austauschen und Verständnis für sein Gegenüber entwickeln, diesen Zweck hat der Junglandwirtetag auf allen Ebenen erfüllt.