Wir brauchen wieder mehr „Langeweile“ im Leben

Bevor die Podiumsdiskussion mit Johanna Martens, Volker Schneider, Hilke Stelzer und Matthias Möller (v. li.) unter Einziehung des Publikums begann, nahm Dr. Thies Gundlach (re.) aus theologischer Sicht Stellung zu den heutigen Leistungsanforderungen und dem daraus resultierenden „Burn out“-Symptomen. (Foto: Georg Bosse)

Ermutigungs- statt Demütigungskultur gegen chronische Erschöpfungssymptome

BURGDORF (gb). Über 100 Besucher wollten sich am vergangenen Freitag den Themenabend „Wieviel geht noch - Flexibel bis zur Selbstausbeutung? Leistungsdruck in Partnerschaft, Familie, Schule und Beruf“ in der Burgdorfer St. Pankratiuskirche nicht entgehen lassen. Angesprochen wurde das derzeit allgegenwärtige „Burn out“, das, wenn man den Nachrichten der letzten Wochen und Monate Glauben schenkt, das Zeug zu einer Volkskrankheit hat.
Eingeführt wurde die Podiumsdiskussion, zu der der Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands, Dr. Thies Gundlach, der Geschäftsführer und Finanzvorstand einer Dax notierten Aktiengesellschaft, Volker Schneider, sowie die bald wieder berufstätige Hilke Stelzer, die Studentin Johanna Martens und Familientherapeut Matthias Möller von der Erziehungsberatungsstelle Burgdorf erschienen waren, mit einer kleinen Spielszene, die dem Publikum die Übel unserer Zeit, Arbeitgeber-, Termin-, und Zeitdruck, Überstunden und Vereinsamung, vor Augen und Ohren führte. „Früher war nicht alles besser, aber man hatte viel mehr Zeit“, zitierte Diakonie- und Pankratiuspastor Rainer Müller-Brandes, dem die Moderation anvertraut war, einen älteren Herrn.
Aus theologischer Sicht sei Leistung an sich nichts Böses, so Thies Gundlach, der bei Gelegenheit vor der teilweise vorherrschenden, unseriösen Leistungsskepsis in der evangelischen Kirche warnte. „Aber die steigenden Leistungsanforderungen von innen und außen müssen unter Ambivalenz-Gesichtspunkten betrachtet werden. Sie können konstruktiv oder destruktiv sein. Und wer sich allein im Beruf verwirklichen will, „kauft“ die Überforderung gleich mit,“ gab Gundlach zu Bedenken. Mit dem Hinweis auf den Bibelpsalm 147 „Der Herr baut Jerusalem, die Verjagten Israels wird er sammeln. Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und lindert ihre Schmerzen...“, beendete der Kirchenmann seine einschätzende Stellungsnahme.
Matthias Möller begann seinen Kommentar zu einer immer komplexer werdenden Welt mit einem kritischen Blick auf die Schlagworte „Globalisierung“ und „Umstrukturierung“. Er erinnerte an etwa 100.000 Krankschreibungen wegen „chronischer Erschöpfung“ im Jahr 2010. „Jeder zehnte Arbeitnehmer arbeitet mehr als 60 Wochenstunden. So ist Zeit für Familie und Kinder, für Freunde, Freizeit und Partnerschaft zu einem knappen Gut geworden“, erklärte Möller. Wenn schon die Menschen an einem Punkt angekommen sind, an dem ihre berufliche Tätigkeiten für sie keinen Sinn und keinen (mehr) Spaß mehr machen und nur noch dem Zweck des Gelderwerbs dienen, um den monatlichen finanziellen Verpflichtungen Genüge zu tun, braucht man sich über die zunehmend abgegebenen „Inneren Kündigungen“ („Burn out“) nicht wirklich wundern. „Wir brauchen endlich wieder mehr „Langeweile“, d. h. längere Zeit für Kinder und Kreativität, für soziale Bindungen und Zugehörigkeit“, forderte der Familientherapeut. Eine wichtige Rolle als Schutzmechanismus vor chronischen Erschöpfungszuständen könnte auch eine bestärkende Ermutigungskultur statt einer beschämenden Demütigungskultur spielen, ließ Matthias Möller seinen Appell nachklingen.
Die gut zweistündige Veranstaltung wurde von der St. Pankratius-Kirchengemeinde im Rahmen des Jahresthemas 2011 „Achtung Mensch“ durchgeführt.