"Wir arbeiten im Moment für lau"

Inhaber und Mitarbeiter von Reisebüros haben am Mittwoch vor dem Landtag in Hannover demonstriert
 
Anette Honemann und Alexander Mlasowsky richten den Blick auch wieder nach vorn auf die Zeit nach der Krise - auch wenn niemand genau weiß, wann das sein wird.

Reisebüros fordern von der Regierung mehr Unterstützung während der Corona-Epidemie / Ein Ende der Krise ist in der Tourismusbranche nicht in Sicht

BURGDORF (fh). Viele Einzelhändler haben erleichtert aufgeatmet, als sie nach gut vierwöchiger Pause wieder öffnen konnten – die meisten Reisebüros bleiben hingegen weiterhin geschlossen und sind nur telefonisch und per E-Mail zu erreichen. Denn ein Ende der Corona-Krise ist im Tourismus nicht in Sicht. Aufgrund der weltweiten Reisewarnung des Auswärtigen Amtes und vieler Grenzschließungen herrscht Stillstand. „Wir gehen davon aus, dass auch unser Sommergeschäft komplett ausfällt“, prognostiziert Anette Honemann vom gleichnamigen Reisebüro an der Poststraße. Ob es im Herbst wieder losgehe, könne noch niemand sagen.
Existenzbedrohend sei die Krise für das Reisebüro Honemann gegenwärtig nicht. „Wir sind schon seit 30 Jahren hier in Burgdorf, haben viele treue Stammkunden und außerdem Rücklagen gebildet“, sagt sie. Doch das gelte längst nicht für alle Unternehmen der Branche. „Ich kenne viele Kollegen, die es nicht schaffen werden“, sagt sie. Und Haluk Seyhanoglu vom Burgdorfer Reisecenter stellt klar: „Einige Monate lang können wir das durchhalten. Aber wenn das anderthalb Jahre so weiter gehen sollte, müssen wir den Betrieb sicherlich irgendwann einstellen.“
Um auf die gegenwärtigen Probleme der Branche aufmerksam zu machen, haben Inhaber und Mitarbeiter von Reisebüros am Mittwoch bundesweit demonstriert, unter anderem auch in Hannover. „Selbstverständlich mussten wir dabei Abstands- und Hygieneregeln einhalten und die Teilnehmerzahl war begrenzt“, schildert Nicole Schuchhardt. Sie arbeitet als selbständige Reiseberaterin in Burgdorf und hat bei der Organisation der Demo in Hannover geholfen.
„Wir wünschen uns mehr Rückendeckung vonseiten der Bundesregierung“, fasst Anette Honemann die Botschaft des Protests zusammen. Gegenwärtig gebe es viele ungeklärte Fragen, beispielsweise im Hinblick auf eine mögliche Gutscheinregelung für abgesagte Reisen oder Konzepte zur Wiederaufnahme von Flugreisen und Kreuzfahrten.
Die Hauptforderung der Demonstranten am Mittwoch war aber ein Notfallfonds für die Tourismuswirtschaft: Hilfen sollten demnach nach nicht in Form von Krediten, sondern als Zuschüsse bereitgestellt werden. Denn solange niemand wisse, wann es weitergehe, seien neue Schulden für die Unternehmen keine Option. „Wir waren die erste Branche, die von der Krise betroffen war und wir werden die letzten sein, die dort wieder herauskommen“, argumentiert Schuchardt.
Haluk Seyhanoglu macht noch auf eine weitere Besonderheit in diesem Wirtschaftszweig aufmerksam. „Auch in anderen Branchen sind die Einnahmen vorübergehend weggebrochen, aber bei uns ist es noch schlimmer: Wir setzen Arbeitszeit ein, um Verluste zu generieren“, beschreibt er die paradoxe Situa­tion. Denn seine Mitarbeiter seien im Moment ausschließlich damit beschäftigt, Stornierungen und Reiseabsagen abzuwickeln.
Das gleiche berichtet Anette Honemann. „Diese Dienstleistungen bezahlt uns aber niemand. Wir arbeiten quasi für lau“, sagt sie. Denn von den Kunden werde keine Gebühr erhoben und die Provisionen der Veranstalter stünden ihnen nur zu, wenn die Reise stattfindet. Bei Absagen und Stornierungen müssten Reisebüros bereits überwiesene Provisionen sogar zurückzahlen.
Angesichts dessen reichten die bisher gezahlten Soforthilfen von Land und Bund bei weitem nicht aus. Das Reisebüro Honemann hat einmalig 9000 Euro erhalten. Haluk Seyhanoglu und sein Geschäftspartner Halil Acar bekamen für zwei Unternehmen mit insgesamt fünf Filialen, darunter das Burgdorfer Reisecenter, 24.000 Euro. „Das deckt nicht einmal unsere laufenden Kosten für einen Monat, selbst wenn ich die Mieten gar nicht mit einrechne“, so Seyhanoglu.
Um die Ausgaben zu senken, haben sowohl das Reisebüro Honemann als auch das Burgdorfer Reisecenter ihre Arbeitszeiten reduziert und Mitarbeiter zumindest teilweise in Kurzarbeit geschickt. Komplett haben sie den Betrieb aber nicht eingestellt, sondern sind weiterhin montags bis freitags telefonisch und per E-Mail erreichbar. „Wir sind für unsere Kunden da, beantworten ihre Fragen und kümmern uns, wenn es Probleme gibt“, betont Anette Honemann.
Und Haluk Seyhanoglu ist nicht nur selbst weiterhin im Einsatz, auch seine Mitarbeiter hat er nicht zu 100 Prozent in Kurzarbeit geschickt. „Jeder kümmert sich weiterhin an zwei Tagen pro Woche um seine Kunden“, erläutert er sein Konzept. Denn das Geschäft lebe von der persönlichen Bindung zwischen Berater und Kunden.
Gerade in dieser schwierigen Situation zeigten sich deshalb aber auch die Stärken der lokalen Reisebüros. „Kunden wissen es zu schätzen, wenn sie uns auf Anhieb erreichen, anstatt stundenlang in der Warteschleife eines Internetanbieters festzuhängen“, ist Honemann überzeugt und ergänzt: „Wir hoffen, dass viele das honorieren und später wieder bei uns buchen.“
Trotz aller wirtschaftlichen Unsicherheit blickt sie nach vorn und entwickelt bereits Angebote für die Zeit nach der Krise: Unter anderem plant sie zwei Reisen zusammen mit dem Studienreiseleiter Alexander Mlasowsky, auch wenn noch nicht feststeht, wann sie stattfinden können. Eine davon war eigentlich für diesen März vorgesehen: Doch die Romreise mussten sie kurzfristig absagen, als sich die Infektionslage in Italien zuspitzte. „Da steckten schon viele Stunden Arbeit drin und die Teilnehmer hatten sich alle schon sehr darauf gefreut“, sagt Honemann.
Deshalb solle die Reise in jedem Fall nachgeholt werden. „Wenn es die Lage zulässt, vielleicht im November, sonst eben so bald wie möglich im nächsten Jahr“, stellt Mlasowsky in Aussicht, der als selbständiger Reiseleiter ebenfalls massiv von der Krise betroffen ist. Außerdem arbeiten die beiden bereits eine Studienreise nach Namibia aus, die möglichst im nächsten Frühjahr stattfinden soll.