Wasserkanone stoppt erhitzte Fans der „Lords“

„The Lords“ sorgten am 6. Juni 1966 für großen Aufruhr in Burgdorf. (Foto: SMB)

„Burgdorf schreibt Geschichte“: 6. Juni 1966

BURGDORF (r/jk). Das Stadtmuseum zeigt vom 5. Februar bis 27. März 2011 die Ausstellung „Burgdorf schreibt Geschichte“, die Stadtmarketing Burgdorf, der VVV und die Stadt Burgdorf präsentieren. Sie ist ein Höhepunkt des gleichnamigen Themenjahres. Bild- und Textdokumente sowie historische Exponate dokumentieren bedeutende Ereignisse der Auestadt und würdigen Persönlichkeiten aus Kultur und Gesellschaft, deren Lebensweg einen besonderen Bezug zur Stadt Burgdorf aufweist. Im Verlauf des Themenjahres erscheint eine 12-teilige Serie zu diesem Thema. Der heutige zweite Teil befasst sich wieder mit berühmten Gästen der Auestadt. Zu ihnen gehörte die Beat-Band „The Lords“, deren viel bejubelter Auftritt am 6. Juni 1966 zu den Burgdorfer Konzert-Highlights des ganzen Jahrzehnts gehörte.

Größter Hit: „Poor Boy“

Die Namen anderer Beat-Bands sind längst in Vergessenheit geraten. Die 1959 gegründete Musikgruppe „The Lords“, die eine der erfolgreichsten deutschen Beatbands der 1960er Jahre gewesen ist, ist auch in heutiger Zeit noch sehr populär und füllt die Konzertsäle. In den Jahren 1965 bis 1969 hatte sie zwölf Titel in der deutschen Hitparade. Zu ihren bekanntesten Stücken zählen „Have A Drink On Me“, „Shakin’ All Over“ und „Poor Boy“. Im September 1964 erhielten „The Lords“ im Hamburger Starclub die Auszeichnung „Beatformation Nr. 1“ und galten fortan als „die deutschen Beatles“. Als erste Beatband spielten die Musiker hinter dem Eisernen Vorhang.

Autogrammstunde bei Kurt Singelmann
Am 6. Juni 1966 kamen die sechs Musiker auf Einladung der Interessengemeinschaft der Jugend für ein Konzert in den Stadionsaal nach Burgdorf. Um 17.00 Uhr war im Rundfunk- und Fernsehfachgeschäft von Kurt Singelmann (heute Arztpraxis Schedel/Tholen, Spittaplatz 8) eine Autogrammstunde geplant. Schon eine Stunde vorher füllte sich der Spittaplatz mit Hunderten Fans, die sich einen guten Platz sichern wollten. Dichtes Gedränge herrschte. Noch nie hatte es in Burgdorf einen derartigen Tumult vor einer Veranstaltung gegeben. Kopfschüttelnd verfolgten die älteren Burgdorfer das Massenspektakel. Zum Schutz des Geschäfts entschloss sich die Feuerwehr, die Schaufensterfassade des Ladens mit einer Absperrung zu sichern. Die Polizei hatte Mühe, den enormen Verkehrszustrom in der Innenstadt zu regeln.

Fans griffen zu Eiern
Wenig beeindruckt zeigten sich die „Lords“, als sie gegen 18 Uhr endlich vor dem Geschäft eintrafen. Anstatt sofort mit der Autogrammstunde zu beginnen, ließen sie sich zuerst bei einem Sektempfang im Laden verwöhnen. Minute um Minute verstrich. Die draußen ausharrende Menge begann immer unruhiger zu werden. Schließlich drangen die ersten Fans in bedrohlicher Haltung an das Geschäft vor. Es stand zu befürchten, dass die tobenden Jugendlichen die Absperrung niederreißen und größere Schäden an dem Geschäft anrichten würden. Deshalb entschlossen sich die Verantwortlichen der Burgdorfer Feuerwehr, mit der Wasserkanone gegen die vordrängende Menge vorzugehen. Die wütenden Fans griffen daraufhin zu Eiern, die sie den Feuerwehrmännern vor die Füße warfen. Die gespannte Situation drohte, sich zu einer ernsthaften Konfrontation zu steigern. Die beworfenen Feuerwehrmänner beantworteten die Ei-Attacke mit weiteren Wasserstrahlen aus der Kanone ihres Tankwagens. Der Polizei gelang es nach einiger Zeit, das Bombardement der Eierwerfer zu stoppen und eine Eskalation der gefährlichen Lage zu verhindern. Nur einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass es keine Verletzten gab. Als sich die erhitzten Fans abgekühlt hatten, begann endlich die ersehnte Autogrammstunde. Am Schluss flüchteten die Lords in ein Taxi, das sie zu einem örtlichen Friseursalon brachte, der ihre durcheinander geratenen Frisuren wieder richten sollte.

Stadionsaal: starkes Polizeiaufgebot
Auch am Konzertabend sicherte ein 23 Beamte starkes Polizeiaufgebot den Bereich um den Stadionsaal. Zwischenfälle gab es keine mehr. Der Tumult auf dem Spittaplatz war vergessen. Der Beifall im überfüllten Stadionsaal, in dem bei einer Temperatur von über 30 Grad saunaähnliche Verhältnisse herrschten, kannte keine Grenzen. Die vom Beatfieber gepackten Fans riss es von den Stühlen. Viele tanzten auf Tischen im Rhythmus der mitreißenden Musik.
Zweimal kehrten die „Lords“ auf Einladung des VVV nach Burgdorf zurück. Am 5. Oktober 1985 gaben sie ein Konzert beim Stadtfest Oktobermarkt. Hunderte Fans kamen auch am 1. Mai 1993 zur Oldie-Night des VVV und Marktspiegels, bei dem die Lords ihren letzten Auftritt in Burgdorf hatten. 1999 musste die Band einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Ihr Gründer, Ulli Günther, verstarb am 13. Oktober, nachdem er vier Tage vorher bei einem Konzert zusammengebrochen war.