Warten auf die Erntehelfer

Zwei Erntehelfer sind bereits vor dem Einreisestopp Ende März bei Carsten Lahmann in Otze angekommen. Sie helfen bei den Vorbereitungen für dir Spargelsaison.
 
Der Otzer Landwirt Carsten Lahmann sticht eine der ersten Spargelstange.

Die Corona-Epidemie hat auch Konsequenzen für die Burgdorfer Spargelbauern / Geringere Nachfrage wegen Zwangspause in der Gastronomie

OTZE (fh). Den ersten Spargel erntet der Otzer Landwirt Carsten Lahmann bereits – aber nicht die Mengen, die er im Januar geplant hatte. Nur wenige Dämme auf seinen Spargelfeldern hat Carsten Lahmann schon mit durchsichtiger Thermofolie überzogen. Unter ihnen erwärmt sich die Erde besonders schnell, sodass die Stangen früher gestochen werden können. Doch damit ist der Otzer Landwirt in diesem Jahr bisher deutlich sparsamer als sonst: Wegen der Corona-Epidemie will er die Ernte lieber etwas hinauszögern und setzt deshalb an vielen Stellen noch weiße Folie ein, die Sonnenstrahlen reflektiert und das Wachstum somit verlangsamt. Denn für Spargelbauern gibt es aktuell zwei große Unsicherheitsfaktoren - zum einen die Verfügbarkeit von Erntehelfern und zum anderen die Nachfrage aus der Gastronomie.
Eine Lösung für das erste Problem ist für Lahmann in greifbarer Nähe: Am gestrigen Karfreitag sollten seine Erntehelfer aus Bulgarien eintreffen. Allerdings dürfen sie nicht wie sonst mit dem Bus aus ihrer Heimat anreisen, sondern ausschließlich mit eigens dafür gecharterten Flugzeugen, die nur an bestimmten Flughäfen in Deutschland landen dürfen. Hannover ist nicht darunter und so musste Lahmann nicht nur den Flug selbst bezahlen, sondern auch dafür sorgen, dass die Saisonarbeiter in Hamburg abgeholt und nach Otze gebracht werden. Außerdem sei die Einreise der Erntehelfer in diesem Jahr mit besonders viel Bürokratie verbunden.
Für Meyer's Hof könnte es nach jetzigem Stand etwas einfacher werden. Denn ihre 15 Erntehelfer kommen aus Polen und für dieses Land gelten bisher nicht so strenge Reiseregeln wie für Bulgarien oder Rumänien. Bisher seien sie noch nicht im Verzug, denn so richtig sollte die Spargelernte bei ihnen ohnehin erst nach Ostern anlaufen, sagt Marion Meyer. "Dann brauchen wir allerdings dringend Arbeitskräfte", betont sie. Zwei Saisonarbeiter sind auch bei ihnen bereits seit Februar im Einsatz. "Sie sind zum Pflanzen der Kartoffeln gekommen und wollten danach eigentlich wieder nach Hause. Aber wir haben sie überredet, zu bleiben, weil nicht klar war, ob sie sonst wieder einreisen könnten", so Meyer.
Auch bei Carsten Lahmann waren zwei Saisonarbeiter bereits vor dem Einreisestopp Ende März eingetroffen - doch die brauchen nun dringend Verstärkung. Normalerweise sind auf dem Hof 20 Erntehelfer im Einsatz. Nun will die Bundesregierung im April und Mai doch wieder Erntehelfer ins Land lassen. Ob bei der Anreise gestern alles glatt gegangen ist, stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest. Aber selbst wenn alles nach Plan läuft, kann Lahmann in diesem Jahr höchstens 14 einstellen. Denn eine der Unterkünfte soll in diesem Jahr leer bleiben. Der Landwirt will sie für den Fall vorhalten, dass sich einer der Erntehelfer mit dem Coronavirus infiziert und von den anderen getrennt unter Quarantäne gestellt werden muss.
Um trotzdem das erforderliche Pensum zu schaffen, sollen die Erntehelfer aus Bulgarien in diesem Jahr in erster Linie den Spargel stechen, für die Tätigkeiten an der Schäl- und an der Sortiermaschine will Lahmann hingegen Aushilfen aus Deutschland einstellen. Einige Bewerber gibt es bereits. Denn nachdem Politiker dazu aufgerufen hatten, die Landwirte zu unterstützen, hätten viele bei ihm angefragt. "Wir hatten eine super Resonanz. Innerhalb von zehn Tagen haben sich 60 Personen bei mir gemeldet", freut sich Lahmann. Auch einige Gastronomiebetriebe hätten den Einsatz ihrer Belegschaft angeboten.
Ähnliches berichtet auch Marion Meyer: Auch sie lobt aber, dass sich viele Menschen gemeldet haben, die bei der Ernte unterstützen möchten. "Wir möchten uns aber schon einmal bei allen bedanken, die Ihre Hilfe angeboten haben. Wir haben damit absolut nicht gerechnet und haben uns riesig darüber gefreut.", schreibt die Familie auch auf ihrer Facebookseite. Ob der Hof darauf zurückkomme, hänge von der weiteren Entwicklung ab.
Carsten Lahmann hat bereits gemerkt, dass es trotz der großen Hilfsbereitschaft noch einige Hürden gibt: Denn er braucht die Unterstützung verlässlich bis zum Ende der Spargelsaison am 24. Juni. Doch die Unternehmen hoffen, dass die Zwangspause für sie früher endet. Viele Kurzarbeiter, die gern vorübergehend in der Landwirtschaft mit anpacken würden, wissen deshalb zur Zeit selbst nicht, wie lange sie zur Verfügung stehen würden.
Er hat die 60 Bewerber jetzt über die Rahmenbedingungen informiert und ihnen zwei Probearbeitstage angeboten - zehn hätte sich bereits zurückgemeldet. "Vor allem viele Schüler und Studenten zeigen sich entschlossen", lobt er. Auch Lahmanns Sohn, der jetzt schon seit vier Wochen schulfrei hat, packt kräftig mit an - ob er nun auf dem Hof einen Radlader oder Trecker fährt oder die Spargelschälmaschine bedient. "Er ist im Moment mein wichtigster Mitarbeiter", sagt Carsten Lahmann mit einem Augenzwinkern. Während der Zwangspause in der Gastronomie hilft außerdem sein Küchenchef bei den Vorbereitungen für die Spargelsaison, wodurch ihm Kurzarbeit erspart bleibt.
Doch nicht nur der hofeigene Wellblechpalast, sondern auch alle anderen Restaurants sind zur Zeit geschlossen - und das wirkt sich auf die Nachfrage aus. "Viele Gastronomen wollen Spargelgerichte außer Haus verkaufen. Wir bekommen viele Anfragen, mein Telefon klingelt quasi ununterbrochen", sagt Lahmann. Doch es gehe dabei um viel geringere Mengen als sonst. "Wenn ein Restaurant für ein Wochenende sonst 100 Kilogramm bestellt, fordert es jetzt vielleicht zehn Kilogramm an", erläutert Lahmann. Auch deshalb will er zumindest einen Teil der Ernte hinauszögern, in der Hoffnung, dass Restaurants bald wieder öffnen dürfen und die Nachfrage dann steigt. Er betont aber auch: "Ich bin weder am Jammern noch am Klagen. Anderen Unternehmen insbesondere im Einzelhandel geht es da im Moment sehr viel schlechter."
Insbesondere bei der Einreise der Erntehelfer würde sich Lahmann ein einfacheres Prozedere wünschen. Prinzipiell habe er aber volles Verständnis dafür, dass den Landwirten in dieser Situation Auflagen gemacht werden. "Wir tun alles dafür, um sowohl unsere Erntehelfer vor einer Infektion zu schützen, als auch die Dorfbewohner", betont Lahmann. In den ersten 14 Tagen dürften sich die Arbeiter ohnehin nur in ihrer Unterkunft und auf dem Feld aufhalten. Und auch danach werde für sie eingekauft, damit sie den Hof nicht verlassen müssten.