Vortrag brachte Licht in Hannovers dunkles Kriminalkapitel

Schrift- und Bilddokumente sowie das in einem Garten gefundene, angebliche Tatwerkzeug, das „Haarmannsche Hackebeil“ (Foto), sind in der Burgdorfer Ausstellung „Polizeimuseum“ zu besichtigen. (Foto: Georg Bosse)

„Fall Haarmann“ im Burgdorfer „Polizeimuseum“ dokumentiert

BURGDORF (gb). 1924 erregte eine Mordserie unter jungen Männern die Gemüter der Hannoveraner. Die Akte „Friedrich “Fritz“ Haarmann“ gehört nach heutigen Erkenntnissen zum dunkelsten Kapitel der norddeutschen Kriminalhistorie. Details sowie Erfahrungen und Folgen, die sich aus diesem Fall ergaben, trug Dr. Dirk Götting vom Polizeimuseum der Polizeiakademie Niedersachsen in Nienburg am vergangenen Schneesonntag rund 20 Interessierten im Burgdorfer Stadtmuseum vor. Der Vortrag zu den Haarmannschen Verbrechen war ein Segment der Burgdorfer Ausstellung „Polizeimuseum“, die noch bis zum Sonntag, 27. Januar 2013, zu besichtigen ist.
Fritz Haarmann (1879-1925), der wohl infolge einer Gehirnhautentzündung an Epilepsie litt, schlug sich in der damaligen Altstadt Hannovers als Polizeispitzel und Altwarenhändler durch und führte eine homosexuelle Beziehung mit Hans Grans. Spielende Kinder fanden im Mai 1924 in der Abwässer führenden Leine einen menschlichen Schädel. Es sollten im Flussbett der Leine noch etliche menschliche Knochenfunde und Schädel geborgen werden. Nach schleppenden bzw. verschleppten Ermittlungen der Polizei und Justizbehörden konnten Haarmann und Grans mit dem Verschwinden von etwa 27 jungen Männern in Verbindung gebracht werden. Im Mordprozess gelangte das Gericht zu der Auffassung, dass Fritz Haarmann zwischen 1918 und 1924 mindestens 24 Morde begangen hatte. Untersuchungen ließen vermuten, dass der Serienmörder seine Opfer durch Bisse in Hals und Kehlkopf malträtierte, was zum Tod durch Ersticken führte und ihm den Beinamen „Vampir von Hannover“ einbrachte. Danach hatte er die Leichen, die er als „Puppenjungs“ (männl. Prostituierte) bezeichnete, mit einem Beil zerstückelt und in die Leine geworfen.
Haarmann, der zuletzt in einer ärmlichen Mansardenwohnung in der „Roten Reihe 2“ hauste, wurde in 24 Mordfällen zum Tode verurteilt und im April 1925 durch das Fallbeil enthauptet. Hans Grans` Todesstrafe wegen Beihilfe wurde nach Bekanntwerden des so genannten „Haarmannschen Testaments“ in lebenslange Haft umgewandelt. Davon saß er 12 Jahre ab und starb 1975 in Hannover/Ricklingen.
1926 ging die Polizei Hannover auf der ersten großen Polizeimesse in Berlin mit dem „Fall Haarmann“ an die Öffentlichkeit. In dieser Zeit begann dann auch der Wandel von der unbeschränkten Polizeigewalt eines Obrigkeitsstaates hin zu einer den rechtsstaatlichen Grundsätzen verpflichteten (Bürger-)Polizei. „Langsam vom Kaiserreich in der Republik angekommen“, so Dirk Götting zum Schluss.
Der deutsch-jüdische Philosoph und Publizist Theodor Lessing (1872-1933) hatte den Prozess als Berichterstatter für eine Schweizer Zeitung beobachtet und auch die dubiose Rolle der hannoverschen Polizei in seinem Buch „Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs“ veröffentlicht. Lessings Aufzeichnungen erregten seinerzeit große Aufmerksamkeit und gelten heute als ein seriöses zeitgenössisches Werk.