Von Flensburg bis nach Garmisch

Die mehr als 1200 Kilometer lange Strecke hat Sebastian Kelb viel abverlangt. (Foto: privat)
 
Als sein zwölfjähriger Sohn Silias ihn ein kleines Stückchen begleitet, gibt das Sebastian Kelb einen neuen Motivationsschub. (Foto: privat)

Der Burgdorfer Radsportler Sebastian Kelb ist beim "Race Across Germany" nach 57 Stunden ans Ziel gekommen

Burgdorf (fh). Als Sebastian Kelb mit seinem Rennrad in Garmisch-Partenkirchen ankommt, hat er mehr als 1100 Kilometer und etwa 7200 Höhenmeter in den Beinen. Rund 57 Stunden vorher ist er in Flensburg gestartet, um Deutschland von der nördlichen bis zur südlichen Grenze zu durchqueren. Der Inhaber des Burgdorfer Fahrradgeschäfts Schiwy hat Anfang Juli am „Race across Germany“ teilgenommen – einem Rennen, das auch gut trainierten Radsportlern alles abverlangt.
Die größte Herausforderung dabei? „Der Schlafentzug war brutal“, sagt Kelb. Ursprünglich habe er sich vorgenommen, auf der gesamten Strecke nur zweimal fünf Minuten zu schlafen. Mit diesen sogenannten Powernaps wollte er in kürzester Zeit neue Energie tanken, um dann weiterzufahren. „Aber das war die falsche Strategie. Mein Körper hat das nicht mitgemacht“, sagt er rückblickend. Kurz nach seiner ersten Fünf-Minuten-Schlafpause sei er auf einer Abfahrt im Harz in Sekundenschlaf gefallen. „So etwas ist lebensgefährlich“, macht er deutlich. Deshalb habe er sich dann doch für zwei Stunden zum Schlafen in das Wohnmobil zurückgezogen, mit dem ihn sein Team begleitet hat. Und in der zweiten Nacht plante er von vornherein zwei Stunden Schlaf ein.
Doch auch das habe bei weitem nicht gereicht, um sich angesichts der enormen körperlichen Anstrengung zu regenerieren. „Schlafentzug kann man nicht trainieren, sondern nur versuchen, sich an die extreme Müdigkeit zu gewöhnen“, sagt Kelb. Dafür habe er bei der Vorbereitung viele lange Einheiten und viele Nachtfahrten absolviert. „Ich bin zum Beispiel 300 Kilometer gefahren, habe dann eine Stunde geschlafen und mich danach noch mal für 100 Kilometer aufs Rad gesetzt“, beschreibt er das harte Trainingsprogramm, das er neben seinem Beruf absolviert hat. Insgesamt habe er in den zurückliegenden sechs Monaten rund 13.000 Kilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt. Sobald es die Corona-Lage zuließ, nahm er auch an einem Trainingslager auf Mallorca teil.
Gleich nachdem er sich im vergangenen Herbst für das Rennen angemeldet hatte, habe er mit der Vorbereitung begonnen. „Von Januar bis Ende Juni habe ich dann richtig intensiv trainiert“, sagt der 43-Jährige. Schließlich sei das „Race-Across-Germany“ eine ganz neue Herausforderung für ihn gewesen. „Bis dahin war ich bei meinen längsten Radrennen knapp unter 600 Kilometer gefahren. Jetzt war die Strecke etwa doppelt so lang“, betont er. Und es gab noch einen großen Unterschied: „Sonst bin ich immer Gruppenrennen gefahren, bei denen ich auch mal im Windschatten bleiben konnte. Jetzt war ich auf mich allein gestellt“, sagt er.
Moralische Unterstützung bekam er aber zumindest am Streckenrand von seinem achtköpfigen Team, das ihn die gesamte Zeit über mit dem Wohnmobil begleitete. Mit dabei waren seine Freundin und sein zwölfjähriger Sohn Silias. Die beiden hätten ihm gerade auf den schwierigen Etappen des Rennens und in der anstrengenden Schlussphase Kraft gegeben. „Mein Sohn hat mich sogar ein kurzes Stück mit seinem Rennrad begleitet. Das hat mir noch mal einen unglaublichen Motivationsschub gegeben“, sagt Kelb.
Das Team hat ihm aber nicht nur psychisch neue Energie gegeben, sondern auch dafür gesorgt, dass er physisch seinen enormen Nährstoffbedarf decken konnte. In den zweieinhalb Tagen habe er insgesamt 27.000 Kilokalorien verbraucht, die er vor allem über hochkalorische Sportlergels, Riegel und spezielle Getränke zu sich genommen habe.
Viele Gegenden, durch die das Rennen führte, kannte Kelb vorher noch nicht. „Aber während der Fahrt habe ich kaum etwas von der Landschaft mitbekommen. Man ist irgendwann komplett fertig und nimmt die Welt um sich herum gar nicht mehr richtig wahr. Das merkt man auch an meinem komplett leeren Blick auf einigen Fotos“, beschreibt er. Erst wenn er sich die Bilder von der Tour angucke, könne er sich an einige Gegenden wieder vage erinnern.
Das Wetter habe er hingegen sehr bewusst erlebt. „Es war alles dabei: von 4 Grad und dichtem Nebel im Harz, über extreme Hitze bis hin zu Starkregen kurz vor dem Ziel in Garmisch“, zählt er auf. Diese rasanten Wechsel hätten die Fahrt noch anstrengender gemacht.
Auch rund zehn Tage danach hat Kelb sich noch nicht wieder ganz von den Strapazen erholt. „Mein Körper ist noch immer erschöpft und ich habe zum Beispiel Probleme mit den Fingern“, nennt er Beispiele. Hat er jetzt also erst einmal genug vom Radsport? Er schüttelt lachend den Kopf. „Ich will das ‚Race Across Germany‘ auf jeden Fall noch mal machen und meine Zeit verbessern und irgendwann will ich auch mal am ‚Race Across America‘ teilnehmen“, sagt er mit leuchtenden Augen. Das sind über 4800 Kilometer und 52.000 Höhenmeter. Genau das mache für ihn den Reiz des Radsports aus: „Man kann daran arbeiten, seine persönlichen Grenzen, immer noch ein Stückchen weiter zu verschieben“, sagt er.