Vom Rathaus in den Hörsaal

Alfred Baxmann freut sich jetzt auf mehr Zeit für Familie und Freunde, Reisen, ausgedehnte Besuche in Kunstmuseen und sein zweites Geschichtsstudium.

Im Interview blickt Alfred Baxmann auf seine Amtszeit als Bürgermeister zurück und spricht über sein zweites Geschichtsstudium und andere Zukunftspläne

BURGDORF (fh). Nach 23 Jahren als Burgdorfer Bürgermeister - ab 1996 zunächst ehrenamtlich und ab 2004 hauptamtlich - ist Alfred Baxmann jetzt in den Ruhestand gegangen. An seinem vorletzten Arbeitstag hat er mit dem Marktspiegel über seine politischen Erfolge, kleine Sünden und seine Pläne für die Zukunft gesprochen.

War Ihre Abschiedsfeier im Stadthaus für Sie nach so vielen Jahren ein runder Abschluss Ihrer Amtszeit?

Es hat mir sehr gut gefallen, dass es nicht so bitterernst war. Man hat gemerkt, dass man da nicht jemanden beerdigen wollte, sondern jemanden verabschiedet hat, der hoffentlich noch etwas Restlaufzeit hat. Der Erste Stadtrat Michael Kugel hat mit seiner humorvollen Rede zum Auftakt die Melodie schon gut vorgegeben.

À propos "Restlaufzeit". Was haben Sie sich für Ihren Ruhestand vorgenommen?

Ich freue mich darauf, meine privaten Kontakte wieder intensiver zu pflegen. Im Dezember erwartet meine Tochter ein kleines Mädchen. Dann habe ich drei Enkelkinder, mit denen ich gern Zeit verbringen möchte. Und auch gemeinsam mit meiner Frau habe ich viel vor. Wir wollen zum Beispiel reisen. Und weil wir beide ein Faible für Kunstgeschichte haben, stehen schon einige Museen auf unserer Liste, unter anderem das Barbarini in Potsdam und die aktuelle Van-Gogh-Ausstellung im Städel in Frankfurt. Zu meiner Verabschiedung habe ich mehrere Gutscheine geschenkt bekommen, die wir jetzt erst einmal abreisen werden. Und dann möchte ich auch wieder mehr Sport machen und öfter Tennis spielen, um mich fit zu halten.

Das klingt so, als ob Ihnen nicht so schnell langweilig werden wird.

Stimmt. Und es gibt da noch etwas. Ich schreibe mich gleich für dieses Semester auch noch mal für ein Geschichtsstudium an der Leibniz-Universität Hannover ein. Das habe ich mir zusammen mit meinem ehemaligen Lehrerkollegen Gerd Meier vorgenommen, der lange stellvertretender Schulleiter in Lehrte war. Wir freuen uns vor allem darauf, wieder Seminare bei unserem früheren Professor Hans-Heinrich Nolte zu besuchen, der zwar im Ruhestand ist, aber noch einzelne Kurse anbietet. Die weltpolitische Gemengelage wird ja immer unübersichtlicher. Von dem Studium erhoffe ich mir, für mich selbst ein bisschen Struktur in meine Welterkenntnis zu bringen.

Sie selbst haben ja immer wieder die große Bedeutung der Ehrenamtlichen für Burgdorf betont. Bei Ihrer Abschiedsfeier hat Matthias Paul Sie mit einem Augenzwinkern gefragt, ob Sie das, was Sie immer eingefordert haben, jetzt auch selbst einlösen wollen. Was antworten Sie darauf?

Kurz vor Ende meiner Amtszeit wurde ich zuletzt natürlich sehr oft nach meinen Plänen für die nächsten Jahre gefragt. Meine Antwort: Ich freue mich darauf, erst einmal eine ganze Zeit lang planlos zu sein. Mit einem möglichen Ehrenamt lasse ich mir deshalb Zeit. Aber ich kann mir das ein oder andere Engagement gut vorstellen.

In Ihren Schlussworten bei der Abschiedsfeier haben Sie gesagt, dass man aus dem Amt des Bürgermeisters nicht ohne Sünden herauskommt. Welche waren das bei Ihnen?

Naja, bei Besuchen zu runden Geburtstagen musste ich mir die ein oder andere Notlüge einfallen lassen, um nicht noch ein Stück Kuchen essen zu müssen. Aber keine großen Sünden in dem Sinne, dass ich etwas getan habe, was ich nicht hätte verantworten können.

Gibt es trotzdem etwas, das Sie im Nachhinein anders gemacht hätten?

Da fällt mir aus dem Stegreif nichts ein. Vielleicht hätte ich einiges noch besser vorbereiten und besser kommunizieren können. Aber ich habe keine Fehlentscheidungen getroffen, die ich im Nachhinein bedauere.

Bei der Bürgermeisterwahl im Mai konnten Sie nicht mehr antreten, weil die Niedersächsische Kommunalversfassung für Kandidaten eine Altersgrenze von 67 Jahren vorschreibt. Hätten Sie sonst gern noch weiter gemacht?

Das Amt hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber ich habe das Gefühl, dass jetzt mit 70 Jahren die Zeit gekommen war, aufzuhören. Schon bei der vorherigen Wahl 2011 hatte ich mit 62 Jahren das Ruhestandalter erreicht und hätte mich zurückziehen können. Aber damals war mir das zu früh, auch weil ich noch einige wichtige Pläne hatte: Allen voran habe ich mir für Burgdorf eine Integrierten Gesamtschule (IGS) gewünscht. Darauf haben wir fast 20 Jahre lang hingearbeitet - vor vier Jahren wurde sie dann gegründet und im vergangenen Jahr hat der Rat die Einrichtung einer Oberstufe und den erforderlichen Neubau beschlossen. Jetzt ist dieses Projekt auf einem guten Weg.

Warum liegt Ihnen die IGS so am Herzen?

Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei ein Gegner des Gymnasiums. Das ist Bödsinn. Ich war ja selbst Gymnasiallehrer. Aber ich finde wichtig, dass wir vor Ort eine vielfältige Schullandschaft haben. Früher war der Weg zum Abitur verdammt schwer. Das habe ich selbst erlebt - und zwar auch im Wortsinn. Denn für mich als Dorfkind war das allein schon praktisch eine Herausforderung. Weil es in Burgdorf noch kein Gymnasium gab, musste ich von Dachtmissen aus mit dem Bus in einem riesigen Bogen durch die umliegenden Ortschaften zur Schule in Uetze fahren. Ich bin froh, dass das heute anders ist. Und mit der IGS kommt jetzt noch eine weitere attraktive Möglichkeit hinzu, in Burgdorf die Allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Was im Umkehrschluss natürlich nicht bedeutet, dass jeder unbedingt ein Abitur braucht.

Was waren außer der IGS weitere wichtigste Meilensteine Ihrer Amtszeit?

Beim Bau der Umgehungsstraße B188 kann ich mir, denke ich, schon selbst auf die Schulter klopfen. Und mit der Umgestaltung der Marktstraße haben wir damals einen guten Kompromiss zwischen Erreichbarkeit und Aufenthaltsqualität erzielt, auch wenn jetzt wieder die Rufe nach einer Fußgängerzone laut werden. Auch die Schaffung der Stadtwerke, an der die Stadt eine Mehrheit von 51 Prozent hält, werte ich als großen Erfolg. Aber all das ist natürlich nicht allein mein Verdienst.

Sie waren also kein Einzelkämpfer?

Als Bürgermeister muss man definitiv ein Team-Player sein, Solisten haben da keine Chance. Ich war immer gut damit beraten, mit und nicht gegen die Verwaltung zu arbeiten und auf den Sach- und Fachverstand der Kollegen zu hören. Und wenn es darum geht, was der Bürgermeister alleine entscheiden kann, wird das Amt ohnehin oft überschätzt. Die politischen Weichen stellt immer der Rat. Wenn ich in den sozialen Medien als König von Burgdorf bezeichnet wurde, ist das blanker Unfug. Wobei es ja schon in Preußen das Sprichwort gab: Unser König absolut, solang' er unsern Willen tut.

Wenn die wichtigen Entscheidungen im Rat getroffen werden, was konnten Sie dann als Bürgermeister dazu beitragen?

Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die politischen Beschlüsse umgesetzt werden können. Ein Beispiel: Der Bau der neuen B188 drohte daran zu scheitern, dass ein Bio-Bauer in Sorgensen eine wichtige Fläche nicht verkaufen wollte, weil der übliche Grundstückspreis zu niedrig war. Wir sind dann einen unkonventionellen Weg gegangen und haben nach langen Verhandlungen schließlich eine Einigung erzielt, indem wir ihm zusätzlich zu einem deutlich höheren Preis eine Fläche für ein Neubaugebiet abgekauft haben. In der Mischkalkulation hat sich das für ihn gelohnt - und die Stadt hat mit der Vermarktung des Baulandes noch eine Millionen Euro Gewinn gemacht. Aber auch bei der Umgehungsstraße waren natürlich viele andere mit am Erfolg beteiligt, allen voran Adolf W. Pilgrim und Kurt-Ulrich Schulz.

Sie haben eben gesagt, dass man als Bürgermeister ein Team-Player sein muss. Welche Eigenschaften sind für das Amt außerdem wichtig?

Ohne Freude an der politischen Gestaltung und am Umgang mit Menschen geht es nicht. Aber auch wer nicht gern feiert und nicht gern mal an der Theke steht, ist in dem Amt fehl am Platz.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft Burgdorfs?

Vor allem, dass die Stadt so lebendig, offen und tolerant bleibt, wie sie es in den vergangenen Jahren war und dass sie damit auch weiterhin vielen Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen eine Heimat ist.