Viel Auslauf für elf Schweine

Ganz entspannt legt sich das Schwein auf die Seite und lässt sich von dem jungen Otzer Landwirt Jannik Knebel am Bauch kraulen.
 
2500 Quadratmeter Platz haben die elf Schweine der Rasse Bunte Bentheimer in ihrem Auslauf und können die Erde dort nach Herzenslust durchwühlen.
 
Der 22-jährige Henrik Narten absolviert gerade seine zweijährige Fachschule Agargwirtschaft und kommt regelmäßig nach Otze, um die Schweine zu füttern und nach dem Rechten zu sehen.

Schüler der Justus-Liebig-Schule haben in Otze ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen und wollen dabei auch Erfahrungen in der Direktvermarktung sammeln

OTZE (fh). Vorsichtig stupst das Schwein mit der Nase gegen seine Hand: Als Jannik Knebel sich hinhockt, legt es sich zufrieden auf die Seite und lässt sich den Bauch kraulen. "Das ist ganz neu. Bisher haben sie sich meistens nur im Stehen streicheln lassen", sagt der der junge Landwirt aus Otze und lächelt. Der 21-Jährige besucht die Justus-Liebig-Schule in Hannover und absolviert dort die zweijährige Fachschule Agrarwirtschaft. Zusätzlich zum regulären Unterricht hat er mit seinen zwölf Mitschülern ein freiwilliges Projekt zur Aufzucht von Freilandschweinen ins Leben gerufen. "Das haben wir uns selbst eingebrockt, im Lehrplan ist das nicht vorgesehen", betont Knebel.
Der etwa 2500 Quadratmeter große Auslauf befindet sich in Otze, an der Burgdorfer Straße am Ortsausgang Richtung Ramlingen. Die Fläche gehört zum Hof Sievers, den Jannik Knebels Vater betreibt. Bevor die elf Ferkel dort einziehen konnten, gab es für die Schüler noch eine Menge zu tun: Sie haben das Areal eingezäunt, zwei Hütten aufgestellt und Wassertränken sowie Futtertröge besorgt. Außerdem galt es, den rechtlichen Rahmen abzuklären, Versicherungen abzuschließen - und natürlich geeignete Schweine finden.
Letztlich entschieden sich die Schüler für die alte Rasse "Bunte Bentheimer" und kauften die Ferkel von einem Bioland-Betrieb in der Nähe von Paderborn. "Für die Freilandhaltung brauchen wir robuste Tiere, die auch den Winter gut überstehen", erläutert Knebel. Das normale Hausschwein komme mit Temperaturwechseln und Kälte hingegen nicht so gut klar. Und noch ein anderer Grund sprach für die Bunten Bentheimer: "Mit ihren Punkten sehen sie einfach schön aus, wenn sie hier draußen rumlaufen."
Ende September sind die Ferkel dann nach Otze gekommen. Seitdem wechseln sich die Schüler ab: Jeden Tag schaut jemand nach dem Rechten und füllt frisches Futter in die Tröge. Auch der 22-jährige Henrik Narten aus Garbsen kommt regelmäßig vorbei. Durch diesen engen Kontakt sind die Schweine immer zutraulicher zu den Menschen geworden. Eines dürfe man dabei aber nicht vergessen, betonen die jungen Landwirt immer wieder: "Es bleiben natürlich trotzdem Nutztiere, die am Ende geschlachtet werden. Wir wollen sie auf keinen Fall vermenschlichen."
Deshalb freut es sie, dass in den vergangenen vier Monaten nicht nur das Vertrauen der Tiere zugenommen hat, sondern auch ihr Gewicht. Zu Beginn wog jedes Ferkel etwas 30 bis 40 Kilogramm - jetzt bringen sie 80 bis 90 Kilogramm auf die Waage. Klar ist aber auch: Sie wachsen deutlich langsamer als im Stall und weil sie durch die Bewegung mehr Energie verbrauchen, ist pro Kilogramm Fleisch auch deutlich mehr Futter nötig. Erfahrungswerte gebe es für die Freilandhaltung kaum. "Wir haben anfangs gehofft, dass die Schweine bis März auf etwa 160 Kilogramm kommen, inzwischen wären wir froh, wenn sie die 130 knacken", so Narten.
Und nicht nur was das Futter und den Flächenverbrauch angeht, sei der Aufwand bei der Freilandhaltung deutlich größer. "Auch die täglichen Kontrollen schlucken viel Zeit", betont der Knebel. Im Stall habe man viel schneller einen Überblick, um zu überprüfen, ob alle Tiere gesund sind. "Hier draußen muss man gucken, ob vielleicht eines noch in der Hütte oder hinter dem Strohhaufen liegt. Das dauert einfach länger", sagt er.
Doch der schwierigste und zeitraubendste Part sei die Direktvermarktung. "Wir machen auf vielen Wegen auf unser Projekt aufmerksam", so Knebel. An dem Auslauf zur Burgdorfer Straße hin haben sie ein großes Plakat angebracht. Außerdem gibt es im Internet Auftritte bei Facebook und bei Instagram. Zusätzlich haben die Schüler Flyer entworfen, die sie jetzt verteilen. Die Werbung im Bekanntenkreis und die Mund-zu-Mund-Propaganda spielten ebenfalls eine große Rolle.
Letztlich sei das Projekt auch ein Testballon: "Wir wollen einfach mal ausprobieren, ob sich der Mehraufwand am Ende bezahlt macht und die Kunden tatsächlich bereit sind mehr zu bezahlen, wenn sie wissen, wo das Fleisch herkommt und die Bedingungen weit über den gesetzlichen Bestimmungen liegen", erläutert Narten. Wenn es gut laufe, könnten sich beide vorstellen, die Freilandhaltung auch in Zukunft im kleinen Rahmen fortzuführen.
Doch selbst wenn nicht, habe sich das Projekt in jedem Fall gelohnt. "Es ist eine gute Möglichkeit, um mit den Verbrauchern ins Gespräch zu kommen, sowohl vor Ort, wenn jemand mit dem Auto anhält, als auch in den Sozialen Medien", betont Narten. Das wollten die Schüler auch nutzen, um aufzuklären. Denn mit ihrem Freiland-Projekt wollen sie die konventionelle Stallhaltung nicht schlecht machen - ganz im Gegenteil. "Es kursieren viele Gerüchte und Vorurteile, die wir geraderücken möchten. Denn auch den Schweinen im Stall geht es gut", versichert Knebel, der selbst seine Ausbildung bei einem herkömmlichen Schweinebetrieb absolviert hat.
Dort habe er auch sein Faible für diese geselligen Tiere entdeckt. "Selbst wenn ich nur kontrolliert habe, ob es allen gut geht und noch genug Spielzeug in den Buchten ist, hat es mir Spaß gemacht, sie zu beobachten", erinnert sich Knebel und fügt hinzu: "Und wenn ich sie dann mal an der Nase gekrault und an meiner Hand nibbeln gelassen habe, dann waren die Schweine glücklich - und ich auch." Diese Erfahrung hat ihn sogar so sehr begeistert, dass er und seine Freundin sich vor drei Jahren sogar drei Minischweine als Haustiere angeschafft haben - die selbstverständlich nicht auf dem Teller landen sollen.
Die Freilandschweine aus dem Projekt sollen hingegen Ende März oder Anfang April bei einem regionalen Betrieb geschlachtet werden. Schon jetzt können sich Interessierte gemischte Fleischpakete à 5 Kilogramm oder Mettwurst à 500 Gramm reservieren. "Da wir ja nicht genau wissen, wie viel unsere Tiere am Ende wiegen, ist es eine fortlaufende Liste. Wer oben steht, wird zuerst berücksichtigt, die letzten gehen im schlechtesten Fall leer aus", erläutert Knebel. Doch noch gebe es reichlich Kapazitäten. Die Fleischpakete sollen unter anderem Schnitzel, Bauch- und Nackenstücke, Gulasch sowie Grillfleisch enthalten.
Und wie viel Geld soll das Projekt am Ende einbringen? "Unser Ziel ist es, dass wir davon unsere Klassenfahrt finanzieren können", verrät Narten. Wohin es gehen soll, stehe noch nicht fest. "Wir wollen aber auf jeden Fall ins Ausland und uns dort landwirtschaftliche Betriebe angucken", ergänzt Knebel.
Wer etwas bestellen oder sich über Projekt informieren möchte, kann Kontakt aufnehmen unter Telefon (0151) 15243609 oder per E-Mail an freilandschweine-otze@web.de.