Über die Flucht und das Leben davor

Sabriye Dag (von rechts) sowie Claudia Ruhs und ihr Mann Gerd Bohne präsentieren das Buch "Töchter der Sonne".
 
Ravo Ossmann präsentiert eine Auswahl seiner Werke im Antikriegshaus Sievershausen. (Foto: privat)

In dem Buch "Töchter der Sonne" erzählen fünf jesidische Frauen ihre Geschichten

Burgdorf (fh). Ähnlich wie bei einem Batik-Tuch fließen die Farben auf dem Cover des Bild- und Textbandes „Töchter der Sonne“ ineinander. „So wie auch unsere Kulturen und Identitäten ineinanderfließen und vieles enthalten“, beschreibt Sabriye Dag, die das Buch zusammen mit Claudia Ruhs erarbeitet hat. Die beiden Burgdorferinnen haben dafür fünf jesidische Frauen interviewt, die 2014/15 aus dem Irak geflohen sind und jetzt im Altkreis leben.
Dag stammt selbst aus einer jesidischen Familie. 1985, als sie zehn Jahre alt war, seien sie nach Deutschland gekommen. „Im Laufe der Zeit sind meine Erinnerungen verblasst, ich habe die kurdische Sprache verdrängt und wusste kaum etwas über unsere Kultur“, beschreibt sie. Das habe sich erst geändert, als die IS-Terrormiliz 2014 die irakische Stadt Shingal angriff, in der viele Jesiden lebten. „Durch Fernsehberichte, vor allem aber durch Nachrichten und Videos in den sozialen Netzwerken im Internet hatte ich damals das Gefühl, dass Krieg, Gewalt und Leid praktisch in meinem Wohnzimmer waren“, schildert sie. Daraufhin habe sie sich intensiv mit der jesidischen Kultur beschäftigt und sich auch die kurdische Sprache wieder angeeignet.
Einige Jahre später, ab 2018, begann sie, ihre Erfahrungen und Gefühle auch in Gedichten zu verarbeiten, die sie teils auf Deutsch und teils auf Kurdisch geschrieben hat. Acht von ihnen erscheinen nun unter ihrem Künstlernamen Sebra Xalti als Ergänzung zu den Interviews in dem Buch „Töchter der Sonne“. In ihnen spiegelt sich wider, wie Dag den Völkermord an den Jesiden in Shingal von Deutschland aus erlebt hat.
Fast zur gleichen Zeit, als sie ihre ersten Gedichte auf Kurdisch schrieb, habe sie zusammen mit Claudia Ruhs ein Nähprojekt für geflüchtete Frauen angeboten. Und bei der Handarbeit seien sie ganz ungezwungen miteinander ins Gespräch gekommen. „Wenn sie aus ihrer Heimat erzählt haben, von den Handarbeitstraditionen, der Feldarbeit und von dem Leben im Dorf, bin ich selbst noch mal in die Vergangenheit eingetaucht. Ich war wieder das kleine Mädchen, das Schafe in der Wildnis melkt. Manchmal hatte ich Tränen in den Augen“, so Dag.
Für ihren Sohn, der in Deutschland aufgewachsen ist, sei das unverständlich gewesen. Als sie ihm von ihren Kindheitserinnerungen erzählte, habe er sie irritiert angeguckt und gefragt: „Mama, warst du Heidi?“ Gerade das habe sie noch einmal darin bestärkt, weiter an dem Buchprojekt zu arbeiten. Denn damit seien gleich mehrere Zielsetzungen auf einmal verbunden: Einerseits solle es auf das Elend und Leid aufmerksam machen, das den jesidischen Frauen durch den IS zugefügt wurde, andererseits auch die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland mit der jesidischen Kultur bekannt machen und für Toleranz werben.
Doch mindestens genauso wichtig sei es ihr, damit ein Zeugnis für die jüngere Generation der Jesiden zu hinterlassen. „Das liegt auch den Frauen am Herzen, die wir interviewt haben“, betont Dag und führt fort: „Sie wollen, dass ihre Enkel in 50 Jahren nachlesen können, was ihre Oma durchgemacht hat, aber auch wo ihre Familien herkommen und wie ihr Zuhause dort aussah.“ Deshalb gehe es in dem Buch nicht nur um die Erfahrungen des Völkermords durch den IS und die Flucht, sondern auch um ihr Leben davor. „Sie schildern viele Szenen aus dem Alltag in ihrer Heimat“, sagt Ruhs.
Der Bruch zwischen dem Leben vorher und der Katastrophe 2014 spiegelt sich auch in den Gemälden von Ravo Ossmann wider, die in dem Buch das visuelle Gegenstück zu den Interviews und Gedichten bilden. „Als er noch im Irak gelebt hat, waren seine Bilder sehr naturalistisch und farbenfroh: Er hat Dorfszenen gemalt, zum Beispiel Frauen an einem Brunnen oder Menschen auf der Straße“, beschreibt Ruhs‘ Mann Gerd Bohne, der das Buchprojekt ebenfalls begleitet und unterstützt hat. Nach seiner Flucht habe sich der Stil von Ravo Ossmann radikal verändert und komme jetzt eher dem Surrealismus nahe. „Es war ein Glücksfall, dass wir ihn kennengelernt haben und für das Buchprojekt gewinnen konnten“, so Ruhs.
Viele Werke von Ravo Ossmann sind im Original noch bis zum 16. Oktober in einer Ausstellung im Antikriegshaus Sievershausen zu sehen. Doch einige der 42 Bilder, die im Buch abgedruckt sind, fehlen dort. „Sie sind teilweise vom IS zerstört worden und Ravo Ossmann hatte nur noch Fotos davon auf dem Handy. Durch das Buch bewahren wir sie nun vor dem vergessen“, sagt Ruhs. Genau so wie auch die Geschichten der fünf Frauen.
Um sie zu schützen, tauchen in dem Buch übrigens nicht ihre echten Namen auf, sondern Pseudonyme, die sie sich selbst ausgesucht haben. „Viele haben sich für Blumen entschieden, eine hat das kurdische Wort für Hoffnung als Name ausgewählt“, sagt Dag und ergänzt: „Trotz aller Schicksalsschläge blickten sie positiv auf ihr Leben und die Zukunft.“ Dazu passt auch der Buchtitel „Töchter der Sonne“, der sich auf die Sonne als heiliges Symbol der Jesiden bezieht und zugleich hoffnungsvoll und lebensbejahend klingt. Auf dem Cover ist er übrigens gleich in dreifacher Ausführung abgedruckt: auf Deutsch, auf Kurdisch und in arabischer Kalligraphie. „Die Frauen haben in ihren Familien Kurdisch gesprochen, im arabisch geprägten Irak gelebt und sind jetzt in Deutschland angekommen“, begründet Dag. So wie die Farben ineinander fließen, verbinden sich bei ihnen sprachliche und kulturelle Identitäten.
Das Buch „Töchter der Sonne“ ist in deutscher Sprache bei Unibuch im Zu Klampen Verlag erschienen und kostet 28 Euro. Es ist im Buchhandel erhältlich sowie über die Internetseite www.toechter-der-sonne.de. Zum Abschluss der Ausstellung „Farben des Krieges – für den Frieden“ von Ravo Ossmann stellen Claudia Ruhs und Sabriye Dag das Buch bei einer Lesung vor. Die Veranstaltung beginnt am Freitag, 16. Oktober, um 18 Uhr im Antikriegshaus, Kirchweg 4a, in Sievershausen.