Totholz erwacht zum Leben

Thomas Degro (von links) und Stefan Auerbach vom Nabu zeigen Bürgermeister Armin Pollehn die neue Benjes-Hecke aus aufgeschichtetem Totholz.
 
Große Steinhaufen am Rand der Streuobstwiese bieten unter anderem dem Mauswiesel Unterschlupf.

Die Nabu-Ortsgruppe hat auf Burgdorfer Streuobstwiese eine Benjes-Hecke angelegt

Burgdorf (fh). Wenn im Laufe der nächsten Wochen die Apfelbäume erblühen, ist die Streuobstwiese an der Eseringer Straße nahe dem Stadtpark wieder ein ganz besonderer Blickfang. Vor allem an warmen Frühlingstagen lädt die kleine Sitzgruppe am Rand der Fläche Fußgänger und Radfahrer dann zum Verweilen und Genießen ein. Aber auch abseits der Obstbäume hat die Wiese einiges zu bieten: In den Stein­haufen im hinteren Teil nahe der Aue finden beispielsweise Mauswiesel und andere Kleintiere Unterschlupf. Wer Glück hat, entdeckt vielleicht auch eine Eidechse, die sich dort sonnt. Und in einem großen Insektenhotel können Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten sich im Winter verkriechen und im Sommer ihre Eier ablegen.
Kürzlich ist nun noch ein neues Element hinzugekommen: eine sogenannte Benjes-Hecke. Sie besteht nicht aus eingepflanzten Büschen und Sträuchern, sondern aus aufgeschichteten Ästen und Zweigen, die beim Schnitt der Obstbäume und der Gehölze auf der benachbarten Fläche anfallen. Thomas Degro und Stefan Auerbach vom Nabu Burgdorf, Lehrte, Uetze haben sie kürzlich angelegt. „Ich wohne ganz in der Nähe. Deshalb kümmere ich mich um die Streuobstwiese und schaue regelmäßig nach dem Rechten“, so Degro.
Er habe schon länger darüber nachgedacht, dass es eigentlich zu schade sei, den Obstbaumschnitt als Grüngut zu entsorgen. Schließlich biete das sogenannte Totholz vielen Tieren, Pilzen und Kleinstlebewesen einen Lebensraum, sei also alles andere als tot. Und so machte er sich kürzlich zusammen mit Stefan Auerbach an die Arbeit. „Man muss ehrlicherweise sagen dass die Corona-Epidemie das wohl etwas beschleunigt hat, weil jetzt viele andere Aktivitäten ausfallen und wir dadurch die nötige Zeit hatten“, sagen die beiden.
Zuerst haben sie im Abstand von etwa einem Meter zwei Reihen aus dicken Ästen in den Boden gesteckt. Zwischen diese Pfosten flochten sie dann dünne biegsame Zweige. Innerhalb dieser Begrenzungen schichteten sie dann den Baum- und Strauchschnitt auf, der auf der Obstwiese und auf der benachbarten Fläche angefallen war. Etwa vier halbe Tage haben die beiden Nabu-Mitglieder damit zugebracht – und ihr Einsatz hat sich offenbar gelohnt. „Kaum dass sie angelegt ist, kommen auch schon die ersten Vögel und nehmen sie in Beschlag“, hat Degro beobachtet.
Und im Laufe der nächsten Monate werde das Totholz dann mehr und mehr zu neuem Leben erwachen. „Im Innern werden sich schon bald Käfer, Wildbienen und viele andere Insekten, aber auch Spinnen und Würmer tummeln und sich an die Zersetzungsarbeit machen“, beschreibt Auerbach. Das Holz beginne dann zu verrotten und falle zusammen. „Oben können wir mit der Zeit neue Zweige und Äste nachlegen“, sagt der Naturschützer. Gleichzeitig würden auch allerhand Samen vom Wind und von den Tieren herangetragen, sodass sich neue Pflanzen ansiedelten und die Totholzhecke nach und nach begrünten. „Später besiedeln Amphibien, Reptilien, Igel und Haselmäuse die Hecke“, erläutert Degro und fasst zusammen: „Nach einigen Jahren wird so eine artenreiche Tier- und Pflan­zengesellschaft am Rande der Obstbaumwiese entstehen.“
Der Nabu hat die Fläche an der Eseringer Straße 2014 von der Stadt Burgdorf bekommen und dort eine Streuobstwiese angelegt. Insgesamt wurden auf dem Gelände seitdem rund 150 Obstbäume gepflanzt, unter anderem alte Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumensorten. Um das finanzieren zu können, hat der Nabu 15-jährige Baumpatenschaften vergeben, die jeweils die Anschaffungskosten von 75 Euro decken.
Großzügige Unterstützung kam außerdem immer wieder von der Bingo-Umweltstiftung, die nicht nur die Anpflanzung der Streuobstwiese bezuschusst hat, sondern beispielsweise auch die großen Lehrtafeln am Rand und die Bewässerung. „Insgesamt hat sie uns bei der Streuobstwiese im Laufe der vergangenen sieben Jahre mit etwa 30.000 Euro unter die Arme gegriffen“, sagt Bernd Rose vom Nabu Burgdorf, Lehrte, Uetze. Er selbst kümmert sich schwerpunktmäßig um die Fledermäuse im Altkreis und tatsächlich hat er auch im hinteren Teil der Streuobstwiese einen Fledermaus-Nistkasten aufgestellt.
Die Stadt stellte indes nicht nur die Fläche zur Verfügung, sondern dem Nabu bei Bedarf auch ganz unbürokratisch geholfen. „Die Bauhofmitarbeiter haben uns zum Beispiel das Material für die drei großen Steinhaufen gebracht, in denen jetzt das Mauswiesel und andere Tiere Unterschlupf finden“, lobt Rose.
2017 fiel noch einmal eine größere Investition an. Der Nabu ließ einen Brunnen bohren und verlegte Tropfschläuche zu den einzelnen Bäumen. „Wenn wir das vier Stunden laufen lassen, bekommt jeder Baum rund 100 Liter Wasser. Das ist sehr effizient, weil wir damit ganz punktuell gießen“, erläutert Rose. In den zurückliegenden heißen und trockenen Sommern hat sich das besonders ausgezahlt. „Ohne dieses System hätten wir da wahrscheinlich fast einen Totalausfall gehabt. So sind hingegen alle Bäume durchgekommen“, sagt der Naturschützer. Die nächsten vier bis fünf Jahre müsse noch bewässert werden, danach reichten die Wurzeln weit genug nach unten, um die Bäume aus der Tiefe zu versorgen.
Außerdem bildeten die Bäume von Jahr zu Jahr mehr Früchte. „Bisher war die Ernte noch sehr überschaubar, aber im siebten oder achten Jahr dürfte es jetzt bald deutlich mehr werden“, so Rose.