Standhaft für das Grundgesetz

Etwa 500 Teilnehmer sind zu der Kundgebung "Burgdorf steht auf" auf den Spittaplatz gekommen.
 
Auch eine Gruppe der Lebenshilfe Burgdorf-Peine ist zu der Kundgebung auf dem Spittaplatz gekommen und macht besonders auf Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes aufmerksam: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Etwa 500 Teilnehmer kommen zur Kundgebung "Burgdorf steht auf" auf den Spittaplatz

BURGDORF (fh). Eine Viertelstunde vor dem offiziellen Beginn ist der Spittaplatz am Donnerstagnachmittag noch fast leer; nur einzelne Grüppchen stehen am Rand. Doch während der Minutenzeiger zur Musik der Burgdorfer Band "Elephant Walk" langsam in Richtung fünf Uhr vorrückt, strömen immer mehr Menschen herbei. Als Initiator Dieter Rohles schließlich die Bühne betritt, kann et bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen etwa 500 Teilnehmer zu der Kundgebung "Burgdorf steht auf" begrüßen.
Mit lauter Stimme und in kämpferischem Tonfall umreißt er seine Motivation für die Veranstaltung. "Heute ist der 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes. Das ist nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch Anlass, um die darin verankerten Werte zu verteidigen", appellierte er an seine Zuhörer. Die Kundgebung richte sich gegen Populismus und trete für Menschen- und Grundrechte ein.
"Wir dürfen Attacken gegen unsere Verfassung nicht dulden. Ich bin nicht bereit, ihrer Demontage von interessierter Seite tatenlos zuzusehen", betonte der Vorsitzende des Kulturvereins Scena Matthias Schorr, der an diesem Nachmittag die Moderation übernahm. Nacheinander traten dann der ehemalige hannoversche Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, der noch amtierende Burgdorfer Bürgermeister Alfred Baxmann, Superintendentin Sabine Preuschoff und als Hauptredner der frühere Landtagspräsident Jürgen Gansäuer ans Mikrofon.
Das Grundgesetz sei kein dröges Gesetzeskonvolut, betonte Gansäuer. Es definiere vielmehr ein Menschenbild, begründet auf den christlichen Werten, der Erkenntnis der Aufklärung und den Erfahrungen der deutschen Geschichte. Er forderte eine intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. "Einen Schlussstrich kann man unter eine Bilanz ziehen, aber nicht unter die Geschichte", so sein Plädoyer. Erinnerung sei wichtig, müsse aber auch Konsequenzen haben, forderte er und warnte zugleich vor dem Gerede von "guten alten Zeiten". Denn die könne er in der Vergangenheit  nicht verorten. "Wir hatten nie so viel Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und auch Wohlstand wie heute", gab Gansäuer zu bedenken.
In früherer Zeit habe die Kirche geschwiegen, wenn Menschenrechte verletzt wurden, leitet Superintendentin Sabine Preuschoff ihren Redebeitrags ein. "Aus dieser Erkenntnis leiten wir die Pflicht ab, heute als Kirche für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzustehen. Und zwar auch hier vor Ort in Burgdorf", betont sie.
Bürgermeister Alfred Baxmann betonte die Veranstwortung jedes einzelnen. Zwar würden auch die Richter des Bundesverfassungsgerichtes das Grundgesetz schützen. "Aber die wichtigsten Hüter der Verfassung sind wir - als Bürger dieses Staates", betonte er. Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen dürfe sich aber nicht auf Sonntagsreden zum Geburtstag des Grundgesetzes beschränken, sondern sei eine Aufgabe für das tägliche Leben, angefangen bei Diskussionen am Stammtisch. "Das wird Ihnen nicht nur heute, sondern auch in Zukunft viel Stehvermögen abverlangen", prophezeite Baxmann.
Zumindest an diesem Nachmittag stellen die Anwesenden unter Beweis, dass es ihnen daran nicht mangelt. Insbesondere einige Kinder vom Mehrgenerationenhaus zeigten einen langen Atem und hielten während der Reden unermüdlich ihre selbst gebastelten Schilder aus buntem Tonkarton hoch.
"Ich bin beeindruckt, wenn ich in die Runde gucke", sagte denn auch der ehemalige hannoversche Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg und ergänzte: "Das ist all den Burgdorfern zu verdanken, die heute gekommen sind, um gemeinsam für das Grundgesetz aufzustehen, aber auch Dieter Rohles, der den Mut hatte, diese Veranstaltung auf den Weg zu bringen."
Als Rohles noch einmal auf die Bühne stieg, um die Kundgebung offiziell zu beenden, war ihm seine Begeisterung über die gelungene und gut besuchte Veranstaltung und all die anerkennenden Worte deutlich anzumerken. "Ich habe am Anfang gesagt, dass es nicht nur darum geht, zu feiern, sondern auch die Verfassung zu verteidigen", erinnerte er noch einmal und fügte dann gut gelaunt hinzu: "Aber Grund zum Feiern gibt es eben auch." Vor allem natürlich den Geburtstag des Grundgesetzes. Und fügte dann vergnügt hinzu: "Außerdem ist Hannover 96 vor genau 75 Jahren, am 23. Mai 1954 Deutscher Meister geworden und am 23. Mai 1992 haben sie das DFB-Pokalfinale gegen Borussia Mönchengladbach gewonnen. Auf dass wir nicht nur aufstehen, sondern auch wieder aufsteigen", spannte er einen unerwarteten Bogen.