Spurensuche in der Familiengeschichte

Die Schüler der BBS haben Erinnerungsboxen mit Fotos, Briefen, Dokumenten und Gegenständen zusammengestellt.
 
Malte Loos (von links), Felix Plate, Louisa-Sophie Langenberg und Eric Liebrecht zeigen die Erinnerungsstücke aus ihren Familien.

Schüler der beruflichen Gymnasien haben Erinnerungsboxen zum Zweiten Weltkrieg zusammengestellt

Burgdorf (fh). Wie haben die eigenen Groß- und Urgroßeltern den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebt? Im Deutschunterricht hat sich der dreizehnte Jahrgang an den Beruflichen Gymnasien der BBS Burgdorf auf eine ganz persönliche Spurensuche begeben. Ausgangspunkt war das Buch „Unter der Drachenwand“, das Pflichtlektüre für das diesjährige Abitur ist. Es handelt von einem jungen Wehrmachtssoldaten, der sich am Mondsee von einer Kriegsverletzung erholt. „Auf den ersten Blick hat das wenig mit der Lebenswirklichkeit der Schüler zu tun. Es war mir deshalb wichtig, dass sie einen Bezug zur eigenen Familiengeschichte herstellen“, sagt Deutschlehrerin Daniela Rosendahl.
Viele Jugendliche nahmen das zum Anlass, ihre Eltern, Groß- oder Urgroßeltern zu der damaligen Zeit und den Erfahrungen der Kriegsgeneration zu befragen. Und nicht selten fanden sie im Keller oder auf dem Dachboden auch noch alte Schwarz-Weiß-Fotos, Reisepässe oder Briefe aus den 1930er und 1940er Jahren. In Kleingruppen stellten sie daraus Erinnerungsboxen zusammen, die sie den Mitschülern präsentierten.
Weil sich die Geschichten hinter den Objekten nicht immer auf den ersten Blick erschließen, versahen sie einige mit QR-Codes. Wer sie mit dem Handy einscannte, gelangte auf eine Internetseite mit Hintergrundinfos und Erläuterungen. Immer wieder stellen die Schüler dabei auch Verbindungen zu den Figuren und Ereignissen im Roman „Unter der Drachenwand“ her.
Einer der Codes ist an einer kleinen Suppenkelle angebracht, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt. Der 20-Jährige Ole hat sie in der Küchenschublade seiner Oma gefunden und entdeckt, dass auf der Rückseite das Zeichen der Waffen-SS eingraviert ist. „Mein Urgroßvater ist dort im letzten Kriegsjahr eingetreten. Kurz vor Kriegsende ist er dann von seiner Truppe geflohen, um der russischen Gefangenschaft zu entgehen“, so der Dreizehntklässler. Als er seine Großmutter darauf ansprach, habe sie mit den Achseln gezuckt. „Sie sagt, dass die Kelle eine gute Größe für Soßen hat. Die Gravur auf der Rückseite ist ihr egal“, berichtet Ole.
Eine ganz andere Geschichte hat Eric zu erzählen: Er hat für die Erinnerungsbox Orden der Roten Armee fotografiert, mit denen seine Urgroßmutter ausgezeichnet wurde. „Sie war Funkerin. Ihre Einheit hat Warschau befreit und ist schließlich bis nach Berlin vorgerückt“, sagt er. Dort sei 1947 auch sein Opa zur Welt gekommen, bevor die Familie nach Kasachstan zurückkehrte. Erst nach dem Ende der Sowjetunion in den 1990er Jahren siedelte die Familie wieder nach Deutschland über. „Wir sind stolz auf meine Urgroßmutter und feiern jedes Jahr am 8. Mai das Ende des Zweiten Weltkriegs“, sagt Eric.
Über diese und viele weitere Erinnerungen haben sich die Schüler ausgetauscht. „Ich bin froh, dass sie sich darauf eingelassen haben und sehr offen erzählt haben“, sagt Deutschlehrerin Daniela Rosendahl. Durch die Geschichten habe das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen und die Schrecken des Krieges für die Jugendlichen eine persönliche Komponente bekommen. „Es ist wichtig, dass wir darüber reden, auch wenn die Zeitzeugen sterben. Schweigen ist nicht der richtige Umgang damit“, betont Rosendahl.