Sorge um die Zukunft der Aue

Noch führt die Aue am Pegel in Steinwedel ausreichend Wasser. Steffen Hipp vom Unterhaltungsverband Fuhse-Aue-Erse hofft, dass das auch nach Abschaltung des Kraftwerkes Mehrum so bleibt.
 
Steffen Hipp vom Unterhaltungsverband Fuhse-Aue-Erse analysiert regelmäßig die Daten, die der Pegel in Steinwedel misst.

Ohne das Kühlwasser aus dem Kraftwerk Mehrum könnte der Pegelstand des Flusses deutlich sinken

Altkreis (fh). Das Steinkohlekraftwerk in Mehrum soll Ende des Jahres komplett stillgelegt werden – und das könnte schwerwiegende Folgen für die Burgdorfer Aue haben. Denn in den siebziger Jahren wurde der Fluss eigens verbreitert und vertieft, um das dort genutzte Kühlwasser aufnehmen zu können. Das Kraftwerk entnimmt es aus dem Mittellandkanal, führt damit überschüssige Wärme ab und leitet es dann in die Aue ein. Damit es den Fluss nicht zu sehr aufheizt, wird zur Verdünnung außerdem kaltes Wasser direkt aus dem Mittellandkanal eingespeist.

„Aue braucht Wasser aus dem Mittellandkanal“

Wie es nach der Stilllegung des Kraftwerks weitergehen soll, ist noch unklar. „Das Horrorszenario wäre, dass die Einleitungen von dem einen auf den anderen Tag gestoppt würden“, sagt Steffen Hipp vom Unterhaltungsverband Fuhse-Aue-Erse. Denn das natürlich Wasser der Aue allein reiche aufgrund des stark ausgebauten Flussbetts nicht mehr aus.
Vor allem bei Trockenheit im Sommer würde der Fluss deutlich weniger Wasser führen und sich deshalb erwärmen. „Das hätte negative Folgen für das Ökosystem und es könnte zu einem Fisch­sterben kommen“, warnt Hipp. Zudem würde dann unterirdisch mehr Wasser in Richtung Aue abfließen, sodass der Grundwasserspiegel in der Umgebung sinkt.
Vor diesem Hintergrund fordert Hipp, in den nächsten zehn Jahren weiterhin Wasser aus dem Mittellandkanal in die Aue einzuleiten. „Eine andere Lösung sehe ich kurzfristig nicht“, betont er.

Zuständigkeit liegt künftig beim Landkreis Peine

Bisher muss das Kraftwerk sicherstellen, dass der festgelegte Mindestwasserstand nicht unterschritten wird. Laut Hipp habe der Unterhaltungsverband vergangene Woche zwar das Signal erhalten, dass dieser Grenz­wert vorerst Bestand haben solle. Spruchreif sei das aber noch nicht und es bleibe offen, wer künftig für Umsetzung und Finanzierung verantwortlich wäre.
Zuständige Wasserbehörde ist derzeit der Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Nach der Stilllegung des Kraftwerks übernimmt diese Aufgabe der Landkreis Peine. Auf die Anfrage des Marktspiegels, wie es danach weitergehen soll, haben beide Stellen keine konkrete Antwort gegeben. Die Landesbehörde verweist darauf, dass die Verantwortlichkeit künftig beim Landkreis liege. Der wiederum teilt mit, dass dazu noch Gespräche mit dem Land liefen.

2020 wurden zwei Millionen Kubikmeter eingeleitet

Laut Genehmigung darf das Kraftwerk Mehrum bisher pro Jahr insgesamt bis zu acht Millionen Kubikmeter Kühl- und Verdünnungswasser in die Aue einleiten. Weil das Kraftwerk den Betrieb bereits in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen reduziert und zuletzt fast eingestellt hat, waren die tatsächlichen Mengen in der jüngeren Vergangenheit deutlich geringer.
Prozentual fallen sie aber durchaus ins Gewicht. 2020 hat das Kraftwerk zwei Millionen Kubikmeter Wasser in die Aue eingeleitet – das sind etwa 63 Liter pro Sekunde. Hipp schätzt, dass das bei Niedrigwasser fast ein Drittel des gesamten Wassers in der Burg­dorfer Aue ausmacht. „Die Daten aus dem vergangenen Jahr liegen mir zwar nicht vor, aber erfahrungsgemäß sind es bei niedrigem Pegelstand etwa 200 Liter pro Sekunde“, setzt der Diplom-Ingenieur in Relation.

Versuche zur Renaturierung der Aue

Mit dem passenden Zukunftskonzept könne die Abschaltung des Kraftwerks auch eine Chance für die Aue sein. „Langfristig wäre es wünschenswert, das Flussbett wieder dem ursprünglichen Zustand anzunähern“, sagt Hipp. Um komplett auf die künstliche Einleitung von Wasser verzichten zu können, müsste die Sohlbreite beispielsweise in Steinwedel von derzeit rund sieben auf 2,5 Meter reduziert werden, schätzt er.
An einigen Stellen habe der Unterhaltungsverband das Profil durch Kiesaufschüttungen oder Baumstämme bereits verengt. „Diese Renaturierungsmaßnahmen befinden sich aber noch im Versuchsstadium und können nicht von heute auf morgen für den ganzen Abschnitt umgesetzt werden“, betont er.

„Vielfalt von Fischen hat zugenommen“

Die ökologische Qualität der Burgdorfer Aue wird vom NLWKN und vom Unterhaltungsverband unterschiedlich beurteilt. Der Landesbetrieb verweist vor allem darauf, dass die Gewässerstruktur auf den elf Kilometern zwischen der Ortschaft Equord im Landkreis Peine und der Einmündung des Billerbaches in der Region Hannover erheblich verändert sei.
Hipp betont hingegen, dass in dem Fluss trotz dieser Eingriffe viele Fischarten beheimatet seien.„Besonders stark vertreten sind Gründling, Döbel und Hasel. Wir haben aber auch einige Bachforellen, Hechte, Barsche, Rotfedern, Koppen und noch viele mehr“, zählt er auf.
In den vergangenen Jahren habe die Vielefalt sogar zugenommen. Denn zum einen seien im Fluss Hindernisse beseitigt worden, sodass jetzt der gesamte Bereich für die Fische durchgängig sei. Zum anderen gelangten weniger Schadstoffe in die Aue. Die Belastungen durch Industrieanlagen seien zurückgegangen und die Technik in den Klärwerken habe sich verbessert, sodass das von ihnen eingeleitete Wasser deutlich sauberer sei als früher.