„Sie mussten bei null wieder anfangen!“

Sie transportieren vor allem Emotionen: Die Saz-Spieler um Hayri Daban sind die Hauptattraktion des kurdischen Aktionstages. (Foto: Svenja Steinseifer)
 
Sich kennen lernen – darauf kommt es Ursula Martens, Rudolf Bembenneck, Ursula Wieker, Kudret Duran und Hayri Daban (von links) an. (Foto: Svenja Steinseifer)

Kurdischer Aktionstag beginnt mit einem Traum von Karl May

BURGDORF (svs). „Karl May war ein Träumer“, sagte Rudolf Bembenneck, „er hatte den Traum, dass Bleichgesichter und Rothäute und alle anderen sich verstehen könnten.“ Mit „allen Anderen“ meinte er auch die Kurden und „wir möchten zumindest ein bisschen von Traum von Karl-May hier in Burgdorf wahr machen!“
Rudolf Bembenneck erinnert sich noch gut an 1978. „Da kamen die ersten kurdischen Familien nach Burgdorf und ich war total überfordert“, sagte der ehemalige Pastor der Pankratius-Gemeinde. „Sie brauchten eine Wohnung, sie brauchten Arbeit und sie konnten unsere Sprache nicht.“ Sie fingen bei null an. Mit Schicksalen, mit Musik und landestypischen Köstlichkeiten zeigten die Kurden bei ihrem Aktionstag im Rahmen des Themenjahres „Burgdorf International“ am vergangenen Samstag, wie sie leben. Und warum sie sich „türkisch und deutsch“ fühlen.
„Es waren noch nie so viele Menschen in der KulturWerkStadt“, freute sich Ursula Wieker vom Stadtmarketing Burgdorf und Verantwortliche der gesamten Ausstellung. Es ist voll in der ehemaligen Synagoge, so voll, dass die Tür kaum noch aufgeht. Alle lauschten den Tönen der „Saz“, einer orientalischen Gitarre. Die Musik erzählt von Freude, von Tradition, von Kindermord. Und Musik ist die einzige Weltsprache, die jeder spricht. „Ich glaube, für die Kurden ist das ganz besonders wichtig, gerade, weil sie ihr Land nicht haben und über ihre Kultur nicht schweigen wollen“, vermutete Barbara Martens, die Gastgeberin des kurdischen Aktionstages.
„Für unsere Eltern war es eine wirklich harte Zeit“, sagte Hayri Daban, Lehrer der Musikgruppe, „sie kamen in eine ganz neue fremde Welt.“ Schon die alltäglichen Dinge gestalteten sich schwierig. „Sie sprachen ja kein türkisch, sondern kurdisch und zum Beispiel beim Arzt flammte der Konflikt zwischen Türken und Kurden immer wieder auf“, erinnerte sich Bembenneck. 1980 gründete er die erste Kontaktstelle. „Zwischen Heimat und zu Hause gibt es einen Unterschied“, sagte er, „und ich glaube das macht es aus.“
Hevi Birgin war gerade mal ein Jahr alt, als ihre Eltern Kurdistan verließen. Erinnern kann sie sich an diese Zeit „nur noch schwach“. „Ich weiß noch, dass wir auf den Feldern Wassermelonen mit Heu und Stroh abgedeckt haben, um sie zu kühlen.“ Besonders freute sich Hevi Birgin über die vielen teilweise antiken Ausstellungsstücke, die sie zusammen mit Barbara Martens organisiert hatte. Für Alfred Baxmann, Bürgermeister der Stadt Burgdorf, ist der Aktionstag ein voller Erfolg. „Die Ausstellung zeigt, wie facettenreich diese Kultur ist“, sagte der Politiker.
„Je besser man sich gegenseitig kennt, desto leichter fällt es auch, respektvoll miteinander umzugehen“, betonte Baxmann. Respekt zollt Musiker Hayri Daban vor allem der Leistung seiner Eltern. Sie haben gekämpft, in einer völlig fremden Welt. „Es ist ein Unterschied, ob vergleichbare oder vollkommen unterschiedliche Kulturkreise aufeinander treffen“, sagte Alfred Baxmann. Und auch Rudolf Bembenneck, der viele kurdische Einwanderer aufgefangen hat, kennt die Schwierigkeiten und ihre Konsequenzen.
„Wir reden immer von Ghettobildung, aber wir Deutschen machen es doch als Auswanderer ganz genauso“, gab der ehemalige Pastor zu bedenken. Musiker Hayri Daban fühlt sich jedenfalls deutsch – und türkisch. „Heimat ist da, wo ich her komme“, sagte Bembenneck, „aber zu Hause kann ich trotzdem woanders sein.“ Er kommt noch einmal zurück auf den Träumer Karl May und seinen Traum. „Bevor er Winnetou und Old Shatterhand erfunden hat, kreierte er Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar und eines seiner ersten Bücher hieß „durchs wilde Kurdistan“, sagte der ehemalige Pastor. Vielleicht bringt das geplante Vorhaben von Alfred Baxmann den Traum des Träumers noch ein bisschen näher: „Ich würde gern so eine Saz-Gruppe auch hier in Burgdorf ins Leben rufen“, sagte er.
Bi xer hati – herzlich willkommen.