Schüler besuchen Stolpersteine

Judith Rohde erzählt den Schülern von den jüdischen Familien, die in Burgdorf gelebt haben.
 
Der Zehntklässler Kilian Selzer liest die Inschrift auf einem Stolperstein an der Marktstraße 45 vor.
 
An der Uetzer Straße 12 erinnert ein Stolperstein an Arnold Cohn. (Foto: Wikipedia)

Der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November bietet für Gymnasium und Gesamtschule Stadtspaziergänge an

Burgdorf (fh). Anfang des Jahres haben sich die Zehntklässler des Gymnasiums Burgdorf im Geschichtsunterricht intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust beschäftigt – doch die Verbrechen der Nationalsozialisten und das damit verbundene Leid schienen für die meisten Schüler weit weg. Als sie vor dem Haus an der Uetzer Straße 12 stehen, gleich neben dem E-Center, ist das anders: Judith Rohde vom Arbeitskreis Gedenkweg 9. November erzählt ihnen von Arnold Cohn, der dort einst mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt hat.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war er neun Jahre alt. „Er hat gern Fußball gespielt und konnte nicht begreifen, dass er plötzlich nicht mehr in der Mannschaft mitspielen durfte. Er wollte Mitglied der Hitlerjugend werden und einfach dazugehören“, sagt Rohde. Doch in seiner restlichen Kindheit und Jugend sei er von den anderen ausgegrenzt worden. Als er 17 Jahre alt war, 1941, wurde er mit seinen Eltern ins Ghetto nach Riga deportiert. Seine Eltern wurden dort ermordet. Was aus ihm selbst geworden ist, ist nicht belegt, aber vieles deutet darauf hin, dass auch er später umgebracht wurde. „Dieses Schicksal finde ich besonders bedrückend, weil er gar kein richtiges Leben hatte. Die Nazis haben seine ganze Jugend zerstört“, sagt die Zehntklässlerin Milea.
Der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November hat in diesem Jahr erstmals mit mehreren neunten und zehnten Klassen der Rudolf-Bembenneck-Gesamtschule und des Gymnasiusms Burgdorf Stadtspaziergänge zu den Burg­dorfer Stolpersteinen unternommen. Das sind kleine Gedenkplatten für Jüdinnen und Juden, die im Nationalsozialismus ums Leben gekommen sind. Verlegt sind sie jeweils vor den Häusern, in denen sie zuletzt gelebt haben, bevor sie ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. „Die Stadtspaziergänge sind nicht als Geschichtsunterricht gedacht, sondern als Erinnerungsarbeit. Es geht nicht nur um Zahlen und Daten, sondern auch darum, Empathie zu entwickeln, Zusammenhänge zu verstehen und vor allem auch den Bezug zu unserer Heimatstadt herzustellen“, sagt Judith Rohde bei der Begrüßung.
Ihr ist es wichtig, die Erinnerung an die Burgdorfer Jüdinnen und Juden auch an die junge Generation weiterzugeben. „Dem Arbeitskreis ist es seit langem ein Anliegen, Angebote für Schüler zu machen. Aufgrund der Corona-Epidemie ließ sich vieles davon in diesem Jahr noch nicht umsetzen, aber wir wollten trotzdem einen Anfang machen. Da boten sich kleine Spaziergänge an der frischen Luft an“, erläutert Rohde.
Anlässlich des Gedenktages zur Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz haben die Zehntklässler Ende Januar bereits einen Online-Vortrag des Arbeitskreises Gedenkweg 9. November gehört. Er handelte von der Geschichte der Juden in Burgdorf und ihren Schicksale im Zweiten Weltkrieg. „Aber zu Hause am Bildschirm blieb das alles eher abstrakt. Es war noch mal etwas ganz anderes, vor den Häusern in der Burgdorfer Innenstadt zu stehen, wo sie einmal gelebt haben“, sagt Louise Hoffmann. Auch Kilian Selzer ist sich sicher, dass er jetzt mit anderen Augen durch Burgdorf geht. „Die Stolpersteine ragen ja nicht aus dem Bürgersteig heraus, man stolpert nicht wirklich über sie. Wenn man sich noch nicht damit beschäftigt hat und bewusst darauf achtet, übersieht man sie ziemlich leicht. In Zukunft werde ich genauer hinschauen“, sagt er.
Genau deshalb nimmt Geschichtslehrer Fabian Rode vom Gymnasium Burgdorf mit seinen Klassen an den Spaziergängen teil. „Mit ist es wichtig, dass sie mit offenen Augen durch ihre Heimatstadt gehen und auch über die Geschichte vor Ort Bescheid wissen“, sagt er und fügt hinzu: „Wenn sie nach der Schule in die Welt hinausgehen und in einer anderen Stadt studieren, können sie daran anknüpfen. Sie entdecken dort dann vielleicht auch Stolpersteine oder andere Formen des Gedenkens.“

Im November kommen 13 neue Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Seitdem hat er rund 75.000 der kleinen Messing-Tafeln in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern verlegt. In Burgdorf gibt es bisher 22 Stolpersteine und im November sollen 13 weitere hinzukommen.
An der Gartenstraße 44 will der Arbeitskreis an Margarete Cohn, ihren Sohn Heinz und ihre Tochter Hildegard erinnern. Die Mutter und ihre beiden Kinder wurden von den Nationalsozialisten umgebracht. Auch Gertrud de Vries, ebenfalls geborene Cohn, ihr Mann Adolph de Vries und ihre neun Monate alte Tochter Rita Ilse wurden deportiert und ermordet. Ihnen will der Arbeitskreis an der Wallgartenstraße 38 gedenken. Dort ist Getrud mit ihren Eltern und ihren fünf Geschwistern aufgewachsen.
Gertrud emigrierte bereits 1933 in die Niederlande.Als dort 1940 die deutschen Truppen einmarschierten konnte sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter nicht mehr entkommen. Ihre Schwester Lotti rettete sich hingegen 1937 nach Großbritannien. Ihre Eltern Emil und Berta und ihre Brüder Werner, Walter, Heinz und Rudolf konnten im Januar 1941 gerade noch rechtzeitig nach Argentinien fliehen. Für sie alle sollen an der Wallgartenstraße 38 ebenfalls Stolpersteine verlegt werden.
Bis vor Kurzem wäre das nicht möglich, weil der Künstler Gunter Demnig mit dem Projekt ausschließlich an Juden erinnern wollte, die im Nationalsozialismus ums Leben gekommen sind. Nun hat er den Fokus erweitert und bezieht diejenigen mit ein, die fliehen konnten. „Auch sie haben unter Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt gelitten, mussten ihre Heimat verlassen, oftmals einen großen Teil ihres Besitzes zurücklassen und haben Familienangehörige verloren“, begründet Judith Rohde.
Die Familien an der Gartenstraße 44 und an der Wallgartenstraße 38 tragen übrigens nicht zufällig den gleichen Namen wie die Familie an der Uetzer Straße 12, mit der sich die Schüler bei ihrem Rundgang durch Burgdorf beschäftigt haben. Sowohl Margarete als auch Gertrud und ihre Geschwister waren Cousins und Cousinen von Arnold Cohn. „Die Cohns waren eine alteingesessene und weit verzweigte Burgdorfer Familie, die über Generationen hier gelebt hat“, erläutert Rohde.