Rotes Licht als Hilferuf

Mario Schwinghammer (von rechts), Fabian Grohmann und Christopher Felden justieren die Scheinwerfer auf dem Dach des Stadthauses für die Aktion „Night of light“.
 
Das Stadthaus ist in rotes Licht getaucht, um auf die prekäre Lage der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam zu machen, ebenso ein davor abgestellter Lastwagen des Hülptingser Veranstaltungslogistikers Rock‘n‘Roll Trucking. (Foto: Mario Schwinghammer)

Stadthaus macht mit der „Night of Light“ auf Misere der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam

Burgdorf (fh). Als es am Montagabend draußen langsam dämmert, klettert der Veranstaltungstechniker Fabian Grohmann durch ein Fenster auf das Dach des Burgdorfer Stadthauses. Tagsüber hat er dort mehrere Scheinwerfer installiert: Aber erst, als es langsam dunkel wird, kann er erkennen, wie er sie genau ausrichten muss. Mit geübten Handgriffen sorgt Grohmann dafür, dass das Veranstaltungszentrum an der Sorgenser Straße von 22 Uhr bis zum frühen Morgen in rotes Licht getaucht wird – so wie Konzerthallen, Theater und Bühnenhäuser überall in Deutschland. Denn in der Nacht von Montag auf Dienstag hat die Veranstaltungswirtschaft mit der „Night of Light“ auf ihre prekäre Lage angesichts der Corona-Krise aufmerksam gemacht.
Nach dem Lockdown kann seit April auch in Burgdorf eine Branche nach der anderen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, wenn auch noch mit deutlichen Einschränkungen. Für die Veranstaltungswirtschaft sehe es hingegen nach wie vor düster aus, so die Botschaft der Protestaktion. Vor allem Künstler, Unternehmen und Selbständige, die sonst an großen Konzerten und Shows mit vielen hundert Gästen mitwirken, hätten quasi keine Umsätze mehr und noch keine konkrete Perspektive, wann es für sie wieder weitergehe.
Das bekommen auch Lutz und Chris Kaus aus Ahlten zu spüren, die mit der Show „Zauber der Travestie“ sonst bundesweit unterwegs sind. Ihre 17 Mitarbeiter – von der Sekretärin, über Helfer und Techniker bis hin zu den Künstlern – haben sie entlassen. Weil es keinen konkreten Termin für den Neustart gebe, sei auch Kurzarbeit keine Option gewesen. „Falls es für uns weitergeht, wollen wir unser Team aber auf jeden Fall wieder komplett einstellen“, betonen die beiden. Von der Politik wünschen sie sich jetzt einen Zeitplan und einheitliche Regeln für alle Bundesländer – eine Tournee lasse sich sonst nicht verlässlich planen. „Im Moment ist alles ungewiss, wir werden immer wieder vertröstet, mal um 14 Tage, mal um vier Wochen“, kritisieren sie.
Seit Mitte März mussten sie alle Veranstaltungen verschieben. „Für viele haben wir neue Termine im September gewählt, die nun aber wahrscheinlich auch nicht stattfinden können“, schildert Lutz Kaus und er prognostiziert: „Je länger diese Phase dauert, desto mehr Insolvenzen wird es in unserer Branche geben.“ Er rechne damit, dass auch die nächste Saison von September bis April noch fast vollständig ausfalle, sodass sie dann den Großteil der rund 80 geplanten Shows absagen müssten.
Zumindest den Termin am 28. November im Stadthaus wollen sie aber aufrecht erhalten, wenn auch in veränderter Form: Statt einer Vorstellung mit 500 Gästen soll es dann zwei mit jeweils 130 Besuchern geben. Darauf hofft auch Peter Widdel, zuständig für Veranstaltungsservice und -gastronomie im Stadthaus. „Wir erarbeiten gerade ein Hygienekonzept, sodass dort voraussichtlich von September an wieder Veranstaltungen stattfinden könnten“, kündigt er an. Noch schneller lasse sich das aber nicht realisieren. „Mir ist wichtig, dass wir ein wasserdichtes Konzept haben, sodass wir kein Risiko eingehen und unsere Gäste ohne Angst einen unbeschwerten Abend genießen können“, betont Widdel.
Der Burgdorfer Veranstaltungsgastronom und seine Angestellte Anja Konrath beteiligen sich an der „Night of Light“, um sich den Bürgerinnen und Bürgern in Erinnerung zu rufen. „Wir wollen zeigen, dass es uns noch gibt und dass wir nicht aufgeben“, sagen sie. Zugleich solle es aber auch ein Weckruf für die Politiker sein. „Seit März haben wir keinerlei Aufträge mehr gehabt“, so Widdel. Das ließe sich auch durch die bisherigen Maßnahmen wie die Soforthilfe nicht kompensieren.
Mit ganz ähnlichen Problemen sehen sich auch DJ Markus Krüger, Mario Schwinghammer und Christopher Felden vom Verein Kultürchen / Rockhouse Concerts, ebenso wie viele Veranstaltungstechniker und Bühnenbauer konfrontiert. Deshalb sei in Burg­dorf das Stadthaus der richtige Ort für die „Night oft Light“ gewesen, findet Fabian Grohmann. „Es steht für ganz unterschiedliche Veranstaltungsformate offen und spiegelt deshalb das ganze Spektrum unserer Branche wider“, begründet der Veranstaltungstechniker.
Für die Protestaktion tritt er ausnahmsweise sogar selbst ins Rampenlicht, lässt sich fotografieren und gibt Interviews. „Das ist ungewohnt. Eigentlich sind wir ja die Leute, die schwarz angezogen am Bühnenrand lang huschen und gar nicht gesehen werden wollen“, sagt er und schiebt nach: „Aber jetzt muss man sich mal zeigen und etwas sagen, damit sich an unserer Lage überhaupt etwas bessert und wir wieder Arbeit bekommen.“