Ringen um den richtigen Ton

Der Historiker Lars Fischer hält in der St.-Pankratius-Kirche einen Vortrag über die Matthäus-Passion. Die Kantorei singt einige zwischendurch exemplarische Passagen.
 
Die Burgdorfer Kantorei unter Leitung von Martin Burzeya trägt ausgewählte Passagen aus der Matthäus-Passion vor.

Vortrag des Historikers Lars Fischer: Burgdorfer Kirchenkantorei setzt sich mit den judenfeindlichen Tendenzen in Bachs Matthäus-Passion auseinander

BURGDORF (fh). Genau 70 Mal singt der Chor in der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach den Satz "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder": Darin spiegelt sich nach den Worten des Historikers Lars Fischer gleich in doppelter Hinsicht die Judenfeindlichkeit wider, die jahrhundertelang in der christlichen Theologie verankert war. Auf Einladung der Kirchenkantorei und des Arbeitskreises Gedenkweg 9. November hat der Wissenschaftler in der St.-Pankratius-Kirche einen Vortrag zu diesem Thema gehalten. Denn Kantor Martin Burzeya will die Matthäus-Passion mit seinen Sängerinnen und Sängern im März nächsten Jahres aufführen - sich vorher aber auch mit ihrem problematischen Vermächtnis befassen.
Besonders der sogenannte "Blutruf" aus dem Matthäus-Evangelium ist dem Historiker dabei ein Dorn im Auge. "Es ist der schlimmste Satz der ganzen Bibel, wenn man einen einzelnen herausgreifen will", sagt Fischer. Das machte er an einer Szene aus dem Dokumentarfilm "Shoah" von Claude Lanzmann deutlich. "Ein Zeitzeuge führt ihn dort an und unternimmt damit indirekt den Versuch, den Holocaust zu rechtfertigen oder zu relativieren, indem er den Juden die Schuld an Jesu Tod zuschreibt und auf ihre angebliche Selbstverfluchung anspielt", so Fischer.
Im Matthäus-Evangelium fordert das jüdische Volk mit dem Ausruf "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" die Hinrichtung Jesu ein - ungeachtet der Beschwichtigungsversuche von Pontius Pilatus. Zu Bachs Zeiten seien die christlichen Theologen mehrheitlich davon überzeugt gewesen, dass sich die Juden damit selbst verflucht hätten. "Darin waren sich eigentlich alle einig. Gestritten wurde nur darüber, ob sie für alle Zeiten verdammt sind oder sich noch retten können, wenn sie beim Jüngsten Gericht zum Christentum übertreten", führte Fischer aus und ergänzte: "Dass Juden als Juden eine Daseinsberechtigung haben, hat damals eigentlich niemand geglaubt."
Diesen Grundkonsens habe Johann Sebastian Bach geteilt, wenngleich er sich diesem Thema nicht besonders leidenschaftlich gewidmet habe. Es sei deshalb auch kein Zufall, dass der Chor den Satz "Sein Blut komme über uns" genau 70 Mal singt. "Im Jahr 70 nach Christi wurde der Tempel in Jerusalem zerstört. Die meisten Christen haben das zu Bachs Zeiten als gerechte Strafe für die Ermordung Jesu gedeutet. Diese Zahl hat also eine große symbolische Kraft", argumentiert der Wissenschaftler.
Und was bedeutet das alles für die Kantorei und ihre geplante Aufführung? "Es geht darum, ein kritisches Bewusstsein zu schaffen und aktiv mit dieser Spannung umzugehen", forderte Fischer. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die Kantorei bereits an dem Vortragsabend gemacht, als sie zwei unterschiedliche Versionen der Passage ausprobierte. "Die kraftvolle Variante transportiert eher die Deutung als Selbstverfluchung; die lyrische Version deutet das positiv als Gnade um", so Fischer und weiter: "Zur Zeit Bachs Zeiten zogen einige Theologen in Betracht, dass Jesu Blut nicht als Fluch über die Juden kommen soll, sondern zur Vergebung der Sünden."
Sind damit dann alle Probleme aus der Welt? Ganz so einfach ist es wohl nicht. In der anschließenden Diskussion gab eine Zuhörerin zu bedenken, dass auch die lyrische Deutung einen antisemitischen Unterton habe. "Das klingt so, als wolle man den Juden eine Religion überstülpen, die sie ja gar nicht haben wollen", argumentierte sie. So als könnten sie nur durch Jesus und das Christentum den Weg zu Gott finden.
Noch hat die Kantorei laut Burzeya jedenfalls nicht entschieden, wie sie die fragliche Passage im März darstellen will. Und auch bei anderen Stellen dürfte es Diskussionsbedarf geben; allein in seinem Vortrag führte Fischer fünf weitere problematische Ausschnitte an. Schon eingangs hatte er aber auch klar gestellt: "Im Vergleich zu anderen Passionen dieser Zeit ist die von Bach noch relativ harmlos. Aber das heißt natürlich nicht, dass man sie heute noch unbefangen aufführen kann."