"Reden kann viel bewirken"

Claudia Neumann will eine neue Selbsthilfegruppe für Fibromyalgie-Patienten gründen.

Neue Selbsthilfegruppe für Fibromyalgie soll baldmöglichst im DRK-Aktiv-Treff starten

BURGDORF (fh). Vor zehn Jahren hat Claudia Neumann nur selten alleine das Haus verlassen. Und vielleicht wäre das bis heute so geblieben, wenn sie damals nicht bei einer Gruppentherapie mit einem anderen Teilnehmer aneinandergeraten wäre: Als sie in der Runde erzählte, dass sie auch gern Motorrad fahren würde, so wie er, reagierte er nicht etwa mitfühlend und verständnisvoll, sondern fuhr sie harsch an: Dann solle sie es doch gefälligst machen!
Für sie war das damals eigentlich unvorstellbar, denn seit ihrem 25. Lebensjahr ist Claudia Neumann Schmerzpatientin und leidet an Fibromyalgie. Zu jener Zeit war ihr außerdem oft schwindelig. „Ich habe mich damals in mich zurückgezogen und hatte Angst, alleine vor die Tür zu gehen“, erinnert sie sich. Doch der Streit in der Gruppentherapie habe etwas in ihr ausgelöst. „Das hat mir so einen Biss gegeben, dass ich mich mit 40 Jahren bei der Fahrschule angemeldet und meinen Motorradführerschein gemacht habe“, blickt sie mit Stolz zurück. Und von da an sei sie auch wieder regelmäßig nach draußen gegangen.
Weil sie aus den Gesprächen mit anderen Betroffenen viel Kraft geschöpft hat, will sie jetzt eine neue Selbsthilfegruppe für Fibromyalgie-Patienten in Burgdorf gründen. Die Treffen sollen zweimal pro Monat im DRK-Aktiv-Treff stattfinden. „Ich mache das nicht, um nett zu plaudern, sondern das ist richtig Arbeit für mich“, stellt sie klar und ergänzt: „Es ist erstaunlich, wie viel man allein durch Reden erreichen kann –ganz ohne Medikamente.“
Für sie sei es eine unheimlich wichtige Erfahrung gewesen, mal all das rauslassen zu können, was sie quält – auch um die eigene Familie davon zu entlasten. „Wenn mein Mann sich meine Klagen 365 Tage im Jahr 24 Stunden lang anhören muss, ist das ja auch nicht einfach für ihn“, weiß sie. Durch das Gespräch mit anderen Betroffenen habe sie gelernt, ihre eigenen Probleme anders wahrzunehmen und sich auch wieder über das Gute in ihrem Leben zu freuen. „Wenn man sieht, dass es auch anderen schlecht geht, nimmt man sich selbst und die eigene Krankheit nicht mehr so wichtig“, beschreibt sie.
Außerdem müsse sich in der Gruppe niemand zusammenreißen. „Jeder kann so sein, wie er sich gerade fühlt und auch mal hemmungslos weinen“, betont Neumann. Oft habe sie die Treffen dann trotzdem mit leicht gehobenen Mundwinkeln verlassen. Und jedes Mal habe sie hinterher über irgendetwas nachgedacht – und wenn es nur eine Kleinigkeit gewesen sei.
In der neuen Selbsthilfegruppe solle es einerseits um einen ganz praktischen Erfahrungsaustausch beispielsweise über Ärzte und Kliniken gehen, andererseits vor allem auch darum, über den eigenen Leidensdruck, Ängste und Konflikte zu sprechen. Und sie selbst wolle dabei nicht nur moderieren, sondern auch von und mit den anderen Teilnehmern lernen. Denn obwohl sie mittlerweile wieder ganz selbstverständlich aus dem Haus geht – länger verreist ist sie schon seit dem Beginn ihrer Krankheit vor 25 Jahren nicht mehr. „Ich würde unheimlich gerne mal wieder Urlaub machen“, sagt sie und ergänzt: „Vielleicht komme ich diesem Ziel durch den Austausch in der Gruppe ja etwas näher.“
Aufgrund der Corona-Epidemie und der entsprechenden Schutzmaßnahmen steht noch nicht fest, wann die Gruppe starten wird. Bestenfalls soll es im Mai losgehen, ansonsten so früh wie möglich. Die Treffen werden dann immer am ersten und dritten Mittwoch im Monat am späten Nachmittag oder gegen Abend im DRK-Aktiv-Treff stattfinden. Die genaue Zeit soll noch mit den Interessierten abgesprochen und zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden. Wer Interesse hat, kann sich ab sofort bei Claudia Neumann melden unter Telefon (0160) 97982674 oder per E-Mail an claudia.neumann68@gmx.de.

Kasten: Fibromyalgie
Fibromyalgie (von lateinisch 'fibra'=Faser sowie altgriechisch 'mŷs'= Muskel und 'álgos'=Schmerz) ist eine häufig auftretende chronische Schmerzerkrankung. Sie verursacht Schmerzen in unterschiedlichen Körperregionen, meist in der Nähe von Muskeln und Gelenken. Hinzu kommen oftmals Schlafstörungen, vermehrte Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten und weitere Begleitsymptome. Die genauen Ursachen sind bis heute nicht bekannt, möglich ist eine gestörte Schmerzverarbeitung. Unterschiedliche psychische Faktoren könnten das Risiko einer Erkrankung vermutlich erhöhen. Die Behandlung ist schwierig, da gängige Schmerzmittel versagen und eine medikamentöse Therapie nicht etabliert ist.