Radfahrende Frauen waren mit dem Makel der Anstößigkeit behaftet

Bis zum 20. Oktober sind zahlreiche Frauen-Fahrradmodelle in der KulturWerkStadt zu sehen. (Foto: VVV)

Radfahrgalerie schlägt kurioses Kapitel der Fahrradgeschichte auf

BURGDORF (r/jk). Eine Frau fährt Fahrrad? Was soll daran ungewöhnlich sein? An Zeiten, in denen eine Fahrrad fahrende Frau zu den auffälligen Randerscheinungen im Straßenbild gehörte, erinnert die neue bis zum 20. Oktober laufende Ausstellung der Radfahrgalerie Burgdorf, „Frau und Fahrrad – na und ?!“, zu deren Eröffnung der VVV, der Förderverein Stadtmuseum und die Stadt in die KulturWerkStadt (Poststraße 2) eingeladen hatten.
Was heute eine selbstverständliche Erscheinung darstellt, bildete den Abschluss eines Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Emanzipationsprozesses, der dazu führte, dass die Frauen das Recht auf geschlechtsunabhängige Mobilität auf dem Fahrrad gegen den teilweise erbitterten Widerstand der Männerwelt durchsetzen konnten. Die Ausstellung wirft erhellende Schlaglichter auf den dabei zurückgelegten Weg und lädt zu einer Begegnung mit zahlreichen historischen Damenfahrrädern aus der Zeit von 1885 bis 1984 ein.
Eckhard Paga von der Hannoverschen Volksbank übernahm die Begrüßung der Eröffnungsgäste. Maßgebliche Unterstützung für die Realisierung der vorwiegend aus Exponaten des Bad Brückenauer Fahrradmuseums zusammengestellten Schau leisteten die VR-Stiftung der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Norddeutschland sowie das von Paga vertretene Geldinstitut. Walter Euhus, Leiter der Radfahrgalerie Burgdorf, führte in die Ausstellung ein.
Teilweise wüste Beschimpfungen und spottgesättigte Kommentare mussten sich Frauen lange Zeit gefallen lassen, die es wagten, gegen die von Männern bestimmten gesellschaftlichen Konventionen für das weibliche Geschlecht zu verstoßen und sich auf einem Drahtesel in der Öffentlichkeit zu zeigen. So waren in der Zeitschrift „Jugend“ im Jahr 1896 die absurden Zeilen zu lesen: „Haben Sie jemals etwas Abstoßenderes, etwas Häßlicheres, etwas Gemeineres gesehen, als ein mit putherrotem Gesicht, vom Staube entzündeten Augen und keuchenden Lungen auf dem Zweirade dahinrasendes Frauenzimmer?!“
Euhus führte diverse, aus den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stammende und heute skurril anmutende, Begründungen für die gesellschaftliche Ächtung von Fahrrad fahrenden Frauen an. Die Kritiker nahmen auch eine pseudowissenschaftliche Argumentation als Vorwand und behaupteten, dass das Nervensystem der Frauen auf dem Fahrrad in Mitleidenschaft gezogen würde und dadurch Nervenlähmungen, hysterische Krämpfe und Zuckungen sowie allgemeine Schwäche und Schäden der Oberschenkelmuskulatur verursacht werden könnten. Als ein weiteres Hindernis für das barrierefreie Fahrradfahren der Frauen entpuppte sich der vorherrschende Kleiderzwang, der das Tragen eines knöchellangen Rockes und Korsetts vorschrieb. Euhus unterstrich, dass mit dieser Bekleidung auf dem Fahrrad zu sitzen, als absolut verpönt und unschicklich galt. Der Fahrradexperte wusste zu berichten, dass sich manche Frauen zeitgenössischen Berichten zufolge nur heimlich im Schutz der Dunkelheit oder im Morgengrauen auf ihr Zweirad wagten.
Auch hier setzte sich das Recht auf bequeme, legere Bekleidung beginnend mit dem Abstreifen des Korsettzwangs erst langsam durch. Mit den Hosenröcken und späteren Pluderhosen, die sich in der Wende zum 20. Jahrhundert etablierten, begann ein neues Zeitalter der Frauenmode und ein entscheidendes Kapitel in der Emanzipation der weiblichen Radfahrer. Von nun an sei der endgültige Durchbruch der Frau mit Fahrrad nicht mehr aufzuhalten gewesen, konstatierte Euhus. Vor dem Hintergrund einer immer größer werden weiblichen Käuferschicht habe sich die Fahrradindustrie deren Bedürfnissen anpassen müssen und benutzerfreundliche Zweiradkonstruktionen für Frauen entwickelt.
Von dem großen Spektrum der dabei entstandenen Varianten überzeugten sich die Eröffnungsgäste beim Rundgang durch die Ausstellung und erhielten von Walter Euhus wissenswerte Informationen über die vorgestellten Modelle. Besondere Blickfänger waren ein amerikanisches Luxus-Damenrad der Marke Crawford aus dem Jahr 1897, das mit allen damals vorhandenen technischen Finessen und am Vorderrad mit einer großen Öllampe ausgestattet ist, und ein um 1940 entstandenes französisches „Caminargent“-Damenrad des Designers Pierre Caminade, welches als eines der schönsten jemals hergestellten Fahrräder gilt.
Zur Ausstellung (Öffnungszeiten: sonnabends und sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr) gibt es einen begleitenden Führer, der am Infotresen der KulturWerkStadt erhältlich ist.