Protest gegen Einbahnstraße

Anwohner kritisieren die neue Einbahnstraßenregelung auf der Lippoldstraße.
 
Mit gelben Streifen ist provisorisch eine Bring- und Abholzone mit Längsparkplätzen markiert. Montags bis freitags gilt dort von 7.30 bis 14 Uhr ein eingeschränktes Halteverbot.

Anwohner kritisieren das Pilotprojekt vor der Astrid-Lindgren-Grundschule / Schulleiter zieht positive Zwischenbilanz

Burgdorf (fh). Die neue Verkehrsführung auf der Lippoldstraße in der Burgdorfer Weststadt stößt bei einigen Anwohnern auf Kritik. In einem offenen Brief haben sie sich mit ihrer Beschwerde jetzt an Bürgermeister Armin Pollehn gewandt. „Die Wege haben sich für uns enorm verlängert. Das ist nicht zumutbar“, bemängelt Gero von Oettingen. Und mit dieser Auffassung ist er nicht alleine: Der Brief sei mittlerweile von 14 Anwohnern unterschrieben worden, zum Treffen mit dem Marktspiegel kamen neun. „Aber es sind noch sehr viel mehr, die unser Anliegen unterstützen“, betont Oliver Jegella.
Der Stein des Anstoßes: Seit Mitte August ist ein Teil der Lippoldstraße vorübergehend zur Einbahnstraße geworden. Mit diesem Pilotprojekt wollen Politiker und Verwaltung überprüfen, ob sich dadurch die Verkehrssicherheit vor der Astrid-Lind­gren-Grundschule verbessern lässt und ob das auch ein Modell für andere Schulen sein könnte. Die neue Regelung gilt zunächst befristet bis Ende Februar 2021 – dann werden Stadt und Politik bewerten, ob sie sich positiv ausgewirkt hat und dauerhaft bestehen bleiben soll.

Anwohner sehen keine Gefährdung

Dagegen wollen sich die Anwohnern schon jetzt wehren. „Wir wollen uns rechtzeitig positionieren. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass alle gut mit der Neuregelung leben können“, so von Oettingen. Es sei ihm schleierhaft, warum gerade die Astrid-Lindgren-Grundschule für dieses Pilotprojekt ausgewählt worden sei. „Aus unserer Sicht gab es hier überhaupt kein Problem. Es ist hier noch nie etwas passiert“, betont von Oettingen. Vor der Schule gelte sowieso Tempo 30, und es sei keinerlei Gefährdung erkennbar gewesen.
Außerdem gehe es in der ganzen Diskussion nur um einige Minuten morgens zu Schulbeginn und mittags zu Schulschluss. „Darunter haben wir Anwohner jetzt 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr zu leiden“, so von Oettingen. Normalerweise fahre die Mehrheit der Bewohner auf der Lippoldstraße in südlicher Richtung zur Mönckeburgstraße, beispielsweise um auf die Autobahn nach Hannover zu gelangen. „Stattdessen müssen wir jetzt nordwärts durch das komplette Wohngebiet fahren mit zig­mal Rechts-vor-Links“, schildert er. Das sei unverhältnismäßig.

Kritik an der„Kiss&Ride“-Zone

Dem pflichtet auch Gundula Brügger bei, die selbst als pädagogische Mitarbeiterin an der Astrid-Lindgren-Grundschule tätig ist. „Wenn es überhaupt brenzlige Situationen gibt, dann entstehen sie durch die sogenannten Eltern-Taxis“, sagt sie. Doch da schaffe die neue Regelung keine Abhilfe. „Sie führt nicht etwa dazu, dass weniger Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen – ganz im Gegenteil“, kritisiert Brügger.
Aus ihrer Sicht sei es ein Fehler, dass nahe der Schule eigens eine sogenannte „Kiss&Ride“-Zone angelegt wurde. Gemeint ist damit ein Bereich mit eingeschränktem Halteverbot, in dem die Eltern ihre Kinder direkt an der Schule absetzen können. Dafür wurden 17 Schräg- in acht Längsparkplätze umgewandelt, die provisorisch mit gelben Streifen gekennzeichnet sind. „Das ist ja geradezu eine Einladung. Wenn wir es ihnen so bequem machen, werden wir die Zahl der Eltern-Taxis sicherlich nicht reduzieren“, argumentiert sie. Doch genau das müsse das Ziel sein – im Sinne des Klimaschutzes, aber auch um die Selbständigkeit und Verkehrskompetenz der Kinder zu fördern.

Schulleiter sieht positiven Effekt

Heiko Blumenstein, der Schulleiter der Astrid-Lindgren-Grundschule, zieht knapp zwei Monate nach Einführung der Einbahnstraßenregelung hingegen eine positive Zwischenbilanz. „Ich bin sehr zufrieden. Der Verkehr ist für die Schüler viel übersichtlicher geworden“, betont er. Es sei ein Vorteil, dass die Autos nun nur noch aus einer Richtung kommen. Außerdem gebe es weniger Wendemanöver und es werde kaum noch rückwärts ausgeparkt. „Und die Busse halten jetzt alle so, dass die Kinder direkt vor der Schule ein- und aussteigen können, ohne die Straße zu überqueren“, nennt Blumenstein einen weiteren Vorteil.
In den nächsten Monaten wolle er aber auch daran arbeiten, die Zahl der Eltern-Taxis zu reduzieren. Nicht durch Verbote, sondern durch Anreize. „Unser Bestreben ist es, dass möglichst viele Kinder zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen“, betont der Schulleiter. Als sich die Schule am Stadtradeln beteiligt hat, habe das gut geklappt. „Da sind auch viele Familien aus Schillerslage oder Bein­horn mit dem Rad gekommen“, berichtet er und schiebt nach: „Diesen Geist würde ich gern wiederbeleben!“ Möglichkeiten dafür seien zum Beispiel der Bewegungspass der Sportregion oder eine „supergeheime Bannzone“ für Autos vor der Schule, um die Kinder zu motivieren, wenigstens die letzten Meter zu Fuß zurückzulegen. Darüber wolle er demnächst auch mit dem Elternrat sprechen.

Pollehn schlägt Ortstermin vor

Bürgermeister Armin Pollehn hat bereits auf den offenen Brief reagiert und mit den Anwohnern Kontakt aufgenommen. „Es ist wichtig zu wissen, wie sie das wahrnehmen“, betont er. Er wolle sich mit ihnen demnächst an Ort und Stelle treffen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen. Und auch von dem Schulleiter, dem Leiter der benachbarten Kindertagesstätte und anderen Beteiligten wolle er sich ein Feed­back einholen. Um Bilanz zu ziehen, sei es aber noch zu früh. „Wir haben ja von Anfang an gesagt, dass es nichts Endgültiges ist, sondern eine Teststrecke“, betont er und ergänzt: „Jetzt sollten wir uns auch die Zeit nehmen, um es auszuprobieren.“