„Ohio“ - Burgdorf stellt sich seiner Vergangenheit

Mit Hilfe der Geschichte von Harald Scherdin-Wendlandts (re.) Vatersuche brachte Rudolf Bembenneck (li.) das Burgdorfer Nachkriegskapitel DP-Lager „Ohio“ wieder ins Bewusstsein zurück. (Foto: Georg Bosse)

Lager für „Displaced Persons“ in Burgdorf kaum mehr bekannt

BURGDORF (gb). Ein fast vergessenes Kapitel der Burgdorfer Nachkriegsgeschichte ist am vergangenen Dienstagabend im Rahmen des „Erzählcafés Benefizz“ aufgeschlagen worden. Auf Einladung von Rudolf Bembenneck, Pastor i.R., vom Burgdorfer Arbeitskreis „Gedenkweg 9. November“ war Harald Scherdin-Wendlandt zu Gast in der Hannoverschen Neustadt und berichtete in eindringlichen Worten über das Lager „Ohio“ für „Displaced Persons“ (DP), das an der Sorgenser Straße gegenüber dem heutigen Veranstaltungszentrum (VAZ) bestand.
Bei den in „Ohio“ untergebrachten rund 400 Personen handelte es sich in der Mehrzahl um „ortlose“ Menschen aus Polen, Russland und der Ukraine, die in ihren Herkunftsländern befürchten mussten, als Kollaborateure der deutschen Besatzungsmacht Repressalien ausgesetzt zu sein. Sie hatten in Nazi-Deutschland Zwangsarbeit leisten müssen. Aber warum hieß das Burgdorfer Lager eigentlich „Ohio“? „Vielleicht, weil viele von ihnen später in die Vereinigten Staaten nach Ohio auswandern wollten“, machte Rudolf Bembenneck den Versuch einer Erklärung. 1950 wurde das Lager aufgelöst.
Harald Scherdin-Wendlandt wurde 1947 in Burgdorf geboren. „Wir hatten eine tolle Clique. Ich war hier als Mitglied im Fußballverein und bei den „Wikingern“ gut eingebunden. Wir lieferten uns „Bandenkämpfe“ im Burgdorfer Holz, aber ich fühlte mich nie so richtig dazugehörig“, blickte der heute in Berlin lebende Psychotherapeut zurück. Als er 15 Jahre alt war, erfuhr er von der Mutter, dass sein Vater Insasse im Lager „Ohio“ gewesen war und sich 1948 von ihr und seinem Kind nach Australien abgesetzt hatte. „Erst jetzt wurde mir bewusst, dass mir meine andere (väterliche) Seite fehlte“, erzählte Harald Scherdin-Wendlandt.
Mit Hilfe von Freunden machte er sich in Australien auf die abenteuerliche Suche nach dem Mann, den seine Mutter als Dmytro Jalowy aus der Ukraine in Burgdorf kennen und lieben gelernt hatte. Nahe Brisbane fand Harald Scherdin-Wendlandt dann nach 32 Jahren endlich „meine andere, meine kreative Seite.“ Die Gewissheit, nun endlich dem leiblichen Vater gegenüberzustehen, sei ein sehr berührender Moment gewesen, so der 65-Jährige zu seinen gut 60 Zuhörern. Darunter die Freunde aus Kinder- und Jugendtagen Dieter Rös und Karl-Ludwig Schrader.
Burgdorfs stellvertretende Bürgermeisterin Christa Weilert-Penk zeigte sich vom großen Interesse an diesem Thema beeindruckt: „Die Stadt hat eine vielschichtige Historie. Aber Burgdorf stellt sich auch seiner Vergangenheit.“