Neuer Klang in der Kirche

Für die Sanierung wird jede Pfeife ausgebaut und gereinigt. Deshalb wird aus dem Orgel-Inneren der Blick ins Kirchenschiff frei.
 
Kantor Martin Burzeya und Orgelbauer Martin Hillebrand inspizieren die neu angefertigten Pfeifen aus Holz.
 
Andreas Laube kontrolliert die Metallpfeifen. "Ich nehme jede einmal in die Hand und schaue, ob sie intakt ist" erläutert er. Hat sich beispielsweise ein Deckel gelockert, lötet er ihn nach.

Die Renovierung der Orgel in der St.-Pankratius-Gemeinde soll bis Ostern abgeschlossen sein

Burgdorf (fh). Noch klaffen in den Reihen der Pfeifen große Lücken, an den Arbeitstischen auf der Empore wird gesägt und gelötet. Doch in drei Wochen pünktlich zu Ostern soll die Renovierung der Orgel in der St.-Pankratius-Kirche abgeschlossen sein. Für die Gottesdienstbesucher wird es dann auch einige hörbare Veränderungen geben. "Die Musik klingt künftig noch etwas wärmer und voller", kündigt Kantor Martin Burzeya an. Denn seit dem 11. Januar reparieren und reinigen die Mitarbeiter der Orgelbau-Firma Hillebrand aus Altwarmbüchen das Instrument nicht nur: Sie tauschen auch drei Register aus, die jeweils eine bestimmte Klangfarbe repräsentieren. Insgesamt besteht die Burgdorfer Orgel aus 31 Registern, die sich ihrerseits jeweils aus 51 Pfeifen zusammensetzen.

Eine ganz neue Klangfarbe

Vor allem im sogenannten Brustwerk, dem Abschnitt in der Mitte direkt vor dem Spieler, habe es bei der Burgdorfer Orgel bisher ein Manko gegeben. "Dort fehlte das Grundregister, in der Fachsprache Gedackt 8' genannt, und damit quasi der Bass", erläutert Orgelbauer Martin Hillebrand. Das werde nun korrigiert. Seine Firma hat die entsprechenden Pfeifen individuell angefertigt und baut sie jetzt ein.
Ein anderes Register mit hohen Tönen muss dafür weichen. "Wir können bei einer Orgel die Zahl der Register nicht einfach verändern. Sie ist durch die Bauweise vorgegeben", erläutert Hillebrand. Doch die jetzt entfernten Pfeifen seien durchaus verzichtbar und würden nicht allzu sehr fehlen. Das Gedackt 8' gehöre hingegen eigentlich zu jeder Orgel dazu und komme sehr oft zum Einsatz. Bei dem Umbau ist Fingerspitzengefühl gefragt. Denn der Platz in dem denkmalgeschützten Gehäuse ist begrenzt und das bisherige Register mit den hohen Tönen war deutlich kleiner. Die neuen Pfeifen können deshalb zum Teil nicht senkrecht eingesetzt werden, sondern werden waagerecht hingelegt.
Die klangliche Verbesserung war ursprünglich gar nicht der Anlass für die Renovierung.

Der alte Balg wird entfernt


Hauptsächlich ging es darum, das Instrument einmal wieder gründlich zu säubern und einige Reparaturen vorzunehmen. die Mitarbeiter löten beispielsweise Pfeifen-Deckel nach, die sich im Laufe der Zeit gelockert haben. Zuletzt ist das vor mehr als 25 Jahren passiert. Damit einhergehend trennt sich die St.-Pankratius-Gemeinde jetzt auch mit dem großen Balg, der sich bisher in dem Raum hinter der Orgel befand. In früheren Zeiten wurde mit seiner Hilfe die Druckluft erzeugt, die dann die Pfeifen zum Klingen brachte. Diesen Mechanismus mussten ein bis zwei Personen mit ihrem Gewicht und ihrer Muskelkraft betätigen. Heute übernimmt das ein elektrisches Gebläse. Der Balg wird nur noch zum Druckausgleich benötigt, muss dafür heute aber längst nicht mehr so groß sein.
Die Firma Hillebrand hat deshalb den alten Balg im Raum hinter der Orgel entfernt. Der neue ist jetzt deutlich kleiner und findet seitlich im Orgelgehäuse Platz. Das hat einen großen Vorteil: Anders als früher wird das Kirchenschiff heute für die Gottesdienste beheizt. Der Raum hinter der Orgel ragt hingegen in den Turm herein, wo es nach wie vor kalt ist. "Dadurch gibt es große Temperaturunterschiede. Wenn die eiskalte Luft aus dem Balg in das warme Instrument strömt, kann das die Bildung von Schimmelpilzen begünstigen", erläutert Hillebrand. Dieses Risiko soll nun deutlich reduziert werden. In dem Raum hinter der Orgel soll der gewonnene Platz genutzt werden, um dort einige Schautafeln und ein Orgelmodell aufzubauen. "Wir wollen dort ein Mini-Museum einrichten, das bei Führungen besichtigt werden kann", erläutert Burzeya.
Und es gibt noch eine weitere Neuerung auf der Empore: Der Teppich rund um die Orgel wurde durch helle Holzdielen ersetzt. Das beeinflusst nicht nur die Optik, sondern auch den Klang. "Er wird dadurch sehr viel frischer und präsenter sein", stellt Kantor Burzeya in Aussicht. So breite sich der Schall ja auch im Badezimmer mit harten Fliesen-Wänden anders aus als im Wohnzimmer mit Tapete, Teppich, weichen Sitzmöbeln und Kissen.

Patenschaften für Pfeifen

Die Gesamtkosten für die Orgelmaßnahme belaufen sich auf 75.000 Euro. Die Landeskirche beteiligt sich daran mit 20.000 Euro. Der Rest soll zu einem großen Teil aus Spenden finanziert werden. "Wir haben bereits große finanzielle Unterstützung bekommen, sind aber noch auf weitere Mithilfe angewiesen", sagt Kantor Martin Burzeya. Spenden können mit dem Stichwort „Neuer Glanz“ auf das Konto der St.-Pankratius-Gemeinde überwiesen werden, IBAN DE48 2515 1371 0000 0072 78.
Außerdem können Interessierte eine Patenschaft für eine oder mehrere Pfeifen übernehmen. Sie kosten 100 bis 300 Euro. Weitere Infos dazu gibt Hubert Berz, unter Telefon (05136) 85246. Wer sich bei der Auswahl des Tons beraten lassen möchte, kann sich außerdem an Ernst Schmidt wenden, unter Telefon (05136) 7918. "Für einige Spender habe ich beispielsweise schon einen Dreiklang zusammengestellt", so Schmidt. Nachdem Abschluss der Sanierung und sobald doe Corona-Auflagen es zulassen will er alle Pfeifen-Paten zu einer kleine Orgel-Führung einladen. Dabei erfahren sie nicht nur etwas über die Funktionsweise der Orgel und die Renovierungsarbeiten, sondern können "ihren" Ton auch einmal selbst spielen.

Hintergrund: Die Orgel von St. Pankratius

Das Instrument wurde 1585 von dem Orgelbauer Hans Scherer dem Älteren für die damals relativ reiche Hildesheimer Kirchengemeinde St. Georgii gebaut. Im Jahr 1809 wurde die dortige Pfarrei jedoch aufgehoben und einer anderen Gemeinde eingegliedert. Die Kirche sollte abgerissen werden und für die Orgel gab es nun keine Verwendung mehr. Just im selben Jahr wurde die Kirche in Burgdorf bei der großen Brandkatastrophe komplett zerstört.
Die St.-Pankratius-Gemeinde begann mit den Plänen für einen Neubau und machte sich auf die Suche nach einer passenden Orgel. Und sie hatte Glück im Unglück: Das Instrument aus Hildesheim konnte sie 1812 vergleichsweise günstig für 400 Silbertaler erstehen. "Das war für Burgdorf ein absolutes Highlight. Die hiesige Gemeinde hätte sich eine solche Orgel sonst gar nicht leisten können", sagt Ernst Schmidt. Im Laufe der Zeit wurde das Instrument mehrfach verändert und den jeweiligen klanglichen Vorlieben angepasst. Das reich verzierte Gehäuse ist aber noch im Originalzustand von 1585 und steht mittlerweile unter Denkmalschutz.
1965/66 hat die Altwarmbüchener Orgelbaufirma Hillebrandt dann auch das Innere des Instruments anhand von alten Aufzeichnungen wieder hergestellt. Dabei orientierte man sich so strikt an dem historischen Vorbild von 1585, dass auch Kuriositäten wie das fehlende Grundregister im Brustwerk originalgetreu rekonstruiert wurden.