Neue Wege für die Erinnerungskultur

Annika Paul und Arne Hinz haben eine neue Internetseite für den Arbeitskreis Gedenkweg 9. November erstellt. Einer der ersten Online-Beiträge erinnert an Gustav Italiener, der 1884 in der Lehrerwohnung der Synagoge, der heutigen KulturWerkStadt, an der Poststraße 2 zur Welt kam. Später wurde er zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Auschwitz ermordet.
 
Die neue Internetseite des Arbeitskreises Gedenkweg 9. November erinnert an Jüdinnen und Juden, die eine Verbindung nach Burgdorf hatten und die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. (Foto: Screenshot)

Der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November stellt auf einer Internetseite Jüdinnen und Juden vor, die im Nationalsozialismus ermordet wurden

Burgdorf (fh). Ob mit Büchern, Vorträgen oder Stadtspaziergängen - seit seiner Gründung im Jahr 1988 erinnert der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November auf vielfältige Weise an die Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Burgdorf, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Jetzt kommt ein weiterer Baustein hinzu: Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar hat der Arbeitskreis eine neue Internetseite freigeschaltet, unter https://juedische-geschichte-burgdorf.info.
Schon seit dem vergangenen Sommer haben die Ehrenamtlichen daran gearbeitet. "Ursprünglich hatten wir geplant, sie zum 9. November 2020 online zu stellen. Aber es war viel aufwendiger, als wir am Anfang dachten", sagt Annika Paul, die mit 32 Jahren das jüngste Mitglied des Arbeitskreises ist. Sie hatte die Idee zu der Internetseite eingebracht. Weil ihr Vorschlag gut ankam, aber sich niemand aus der Gruppe an die technische Umsetzung herantraute, sprach sie den SPD-Ratsherrn Arne Hinz an.
Der 24-Jährige ließ sich nicht lange bitten und übernahm die Aufgabe ehrenamtlich, obwohl das auch für ihn Neuland war. "Ich habe vorher noch nie eine Internetseite aufgebaut und musste mich da erst einmal einarbeiten", sagt er. Dafür sei so mancher Abend draufgegangen, doch das habe ihn nicht gestört. Denn nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich habe er bei dem Projekt eine Menge dazu gelernt. "Ich kannte natürlich die Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Aber ich wusste vorher nicht so viel über die Schicksale einzelner Burgdorfer Familien", beschreibt er.
Über den Aufbau der Website habe er sich immer wieder mit Annika Paul und der Vorsitzenden des Arbeitskreises Judith Rohde ausgetauscht. "Wir haben diskutiert, welche Inhalte wichtig sind und wie wir sie am besten präsentieren können", betonen sie. So habe sich das Konzept nach und nach immer weiterentwickelt. Weil der Arbeitskreis bisher keine eigene Internetseite hatte, sei es auch darum gegangen, seine Arbeit vorzustellen. Zusätzlich zu einem allgemeinen Infotext, gibt es deshalb Fotos einiger Mitglieder, jeweils mit einem Zitat versehen, warum sie sich für die Erinnerungsarbeit engagieren.
Im Mittelpunkt der Website stehen aber kurze Porträts von Jüdinnen und Juden, die eine Beziehung zu Burgdorf hatten und die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden oder fliehen mussten. Die Texte stammen von Judith Rohde, die zu diesem Thema 2019 ein Buch mit dem Titel "Das ist das Ende" veröffentlicht hat. Darin hat sie Familiengeschichten, persönliche Daten und Dokumente zusammengetragen, die der Mitbegründer des Arbeitskreises Pastor Rudolf Bembenneck über Jahrzehnte gesammelt hatte.
Arne Hinz und Annika Paul haben sich wiederum intensiv damit beschäftigt, wie sie die Inhalte aufbereiten und auf der Internetseite darstellen können. So gibt es jetzt beispielsweise nicht nur eine Übersicht zu den Artikeln, sondern auch einen interaktiven Stadtplan von Burgdorf. Dort sind die Adressen markiert, zu denen die porträtierten Personen und ihre Familien einen besonderen Bezug hatten. Wer beispielsweise auf die "Poststraße 2" klickt, kann einen Text über Gustav Italiener und seine Familie aufrufen. Er war 1884 in der Lehrerwohnung der Synagoge, der heutigen KulturWerkStadt, an der Poststraße 2 zur Welt gekommen. Später wurde er zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Auschwitz ermordet.
Mit der Internetseite will der Arbeitskreis vor allem auch junge Menschen erreichen. "Wir hoffen zum Beispiel, dass auch Schulen darauf zurückgreifen und Kinder und Jugendliche so einen ersten Zugang zu eigenen Recherchen bekommen können", sagt Paul. Außerdem seien die Inhalte nun auch überregional leichter zugänglich und könnten zum Beispiel von Historikern genutzt werden. Gerade wenn Familien Verbindungen zu mehreren Städten hatten, kann das helfen, Informationen zu verknüpfen.
Weil die Internetseite zum 27. Januar freigeschaltet wurde und sich an diesem Datum die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz jährt, erinnern die ersten acht Beiträge an Menschen, die dort ermordet wurden. Nach und nach sollen weitere Porträts hinzukommen und mit ihnen auch weitere Punkte auf dem interaktiven Stadtplan. Je mehr es werden, desto sichtbarer wird dort, wie präsent und vielfältig jüdisches Leben in Burgdorf bis 1933 war.

Online-Vortrag zum Holocaust-Gedenktag

Ebenfalls aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktags lädt der Arbeitskreis für Sonntag, 31. Januar, 10 Uhr zu einem digitalen Vortrag ein. Die Referentin Simone Weber wird von ihren Besuchen in Theresienstadt und Riga berichten und über das Schicksal der Burgdorfer sprechen, die dorthin verschleppt wurden. Der Zugang zu dieser Veranstaltung kann bei Judith Rohde unter der E-Mail Jurohde@gmx.de erfragt werden.