„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob“

(Foto: Berthold Werner)

Grußwort von Superintendent Dr. Ralph Charbonnier zu Weihnachten

Was gibt es an Weihnachten zu feiern? Die Geburt eines Kindes, das als Erwachsener aufhorchen ließ: Üblich war es, dass Zöllner, die unter Verdacht standen, bestechlich zu sein, gemieden wurden. Er lud sie ein. Üblich war es, dass man sich nicht mit „moralisch zweifelhaften Personen“ sehen lassen wollte. Er sprach und aß mit ihnen. Üblich war es, dass alte, blinde und kranke Menschen ausgestoßen wurden aus dem familiären und gesellschaftlichen Leben. Er wandte sich ihnen zu und spendete ihnen Aufmerksamkeit. Zu armen Menschen sowie zu Menschen anderer Herkunft und religiösen Glaubens hielt man Abstand – auch die religiöse Elite verhielt sich nicht anders. Er suchte die Nähe zu ihnen, interessierte sich für sie, brachte ihnen Achtung entgegen. Jesus von Nazareth war sein Name.
Man kann sich vorstellen: Mit dieser Haltung und mit diesen unmissverständlichen Gesten eckte er an. Insbesondere unter denen, die so dachten wie man „üblicherweise“ dachte. Es gibt immer Menschen, die Vorteile daraus ziehen, dass sie sich an die herrschenden Verhältnisse anpassen. Für diese Menschen wäre jede Änderung von Übel. Im Volk aber wuchs die Begeisterung für diesen gläubigen und überzeugenden Erneuerer der jüdischen Religion. Sie hingen an seinen Lippen, begeisterten sich für seine Reden, folgten ihm auf seinen Wegen.
Wir kennen seinen weiteren Lebensweg. Sein Wirken provozierte so stark, seine Erfolge im Volk waren so offensichtlich, dass seine Gegner ihn ans Kreuz brachten. Wir wissen aber auch, dass sein Glaube, sein Geist über seinen Tod hinaus wirkte. Er war gestorben, nicht aber der Glaube, den er verkörperte. Er war tot, nicht aber die Liebe, die er im Reden und Handeln sichtbar gemacht hatte.
Ja, man kann sagen: Er lebte weiter in seinen Anhängern, die seine Haltung, seine Lehre, seinen Glauben weitertrugen. Paulus war einer von ihnen. Er schrieb seinen Glaubensge-schwistern im fernen Rom: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob“ (Brief an die Römer, 15. Kapitel, Vers 7). Diese Aufforderung wurde in jeder weiteren Generation neu ausgesprochen. Für uns ist sie als Jahreslosung für das Jahr 2015 ausgewählt worden. Anlässe für diese Aufforderung gibt es zu jeder Zeit.
Auch heute ist es üblich, zu bestechlichen Menschen auf Distanz zu gehen. Mit moralisch zweifelhaften Menschen wollen wir nichts zu tun haben. Alte, arme und kranke Menschen leben auch bei uns am Rande der Gesellschaft – allen Inklusionsbemühungen zum Trotz. Menschen auf der Flucht müssen darum ringen, Zuflucht in einem Land zu finden, in dem ihr Leben nicht bedroht ist.
Wie werden wir von Bedenken befreit, die uns davon abhalten, auf Menschen „zweifelhaften Rufes“ zuzugehen? Wie werden wir von der Abwehr frei, die wir erfahren können, wenn wir Menschen begegnen, die alt, pflegebedürftig, arm oder krank sind? Wie kann sich Angst verflüchtigen, die in uns aufsteigt, wenn wir Menschen fremder Herkunft begegnen? Es kann befreiend sein, uns diesen Jesus von Nazareth vor Augen zu stellen, seine Begeisterung für Achtung und Annahme der Anderen zu spüren. Vielen in der Geschichte ist es so ergangen, dass diese Begeisterung auch sie erfasste. Warum sollte es uns nicht auch so ergehen?
Deswegen: An Weihnachten ist zu feiern, dass es diesen Menschen gab, der damals aufdeckte, wie wahre Menschlichkeit, wahre Achtung, wahrer Gottesglaube aussieht. Einmal aufgedeckt, konnte diese Erkenntnis wach gehalten werden und immer wieder neu begeistern bis in unsere Tage. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Ich wünsche Ihnen ein befreiendes Weihnachtsfest!
Ihr Dr. Ralph Charbonnier, Superintendent im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf