Mit Kompass statt Smartphone

Monika Reißer (von links) und Juliane von Hinüber-Jin stöbern in alten Unterlagen des Burgdorfer Pfadfinderstamms.
 
Bei ihrer jüngsten Sippenfahrt in die Südheide mussten die Mädchen wegen der Corona-Epidemie ausreichend Abstand halten. (Foto: privat)

Die Burgdorfer Pfadfinder feiern ihr 40-jähriges Bestehen – ihre Grundsätze sind geblieben

Burgdorf (fh). Sich mit Karte und Kompass zu orientieren, über dem offenen Lagerfeuer zu kochen und die einfachen Zelte notfalls auch im Dunkeln ohne Taschenlampe aufzubauen – all das lernen Kinder und Jugendliche bei den Christlichen Pfadfindern Burgdorf heute noch genauso wie schon bei ihrer Gründung 1980, vor genau 40 Jahren. Im Laufe der Zeit habe sich eigentlich erstaunlich wenig verändert, findet Juliane von Hinüber-Jin, die 1988 als Achtjährige beigetreten ist und bis zu ihrem Abitur sehr aktiv war.
Mit 19 Jahren verließ sie Burg­dorf zum Studieren und verbrachte anschließend zehn Jahre in China. 2015 kehrte sie dann in ihre Heimatstadt zurück und engagiert sich seitdem wieder als Betreuerin bei den Pfadfindern. „Ich bin froh, dass vieles noch so ist, wie ich es in Erinnerung habe. Die Stimmung am Lagerfeuer ist die gleiche wie früher. Es werden die gleichen Lieder gesungen und ich sehe das gleiche Leuchten in den Augen“, beschreibt sie.
Ihren runden Geburtstag wollten die Burgdorfer Pfadfinder in diesem Jahr eigentlich groß feiern, berichtet Monika Reißer. Sie ist seit vielen Jahren als Gruppenleiterin aktiv und übernimmt auch hinter den Kulissen Verantwortung. Doch wie so vieles in den zurückliegenden Monaten hat die Corona-Epidemie auch ihre Pläne für das Jubiläumsfest zunichte gemacht. „Viele Ehemalige hatten extra Urlaub eingeplant, um dabei zu sein und haben sich schon darauf gefreut, alte Freunde wiederzusehen“, sagt Reißer. Denn der Ausspruch „Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder!“ sei nicht nur eine Floskel – viele fühlten sich der Gemeinschaft und ihren Werten tatsächlich ihr Leben lang verpflichtet.
Das trifft gewissermaßen auch auf sie selbst zu: Ihr Engagement hat begonnen, als ihre beiden Söhne Falko und Cord in den achtziger Jahren den Burgdorfer Pfadfindern beigetreten sind. „In den ersten Jahren nach der Gründung haben sich die Eltern sehr stark eingebracht“, erinnert sie sich. Seitdem ist viel Zeit vergangen, doch auch als ihre Söhne längst erwachsen waren – Cord ist heute Ortsbürgermeister von Schillerslage – blieb sie dabei. „Sie hat das Feuer über all die Jahre am Brennen gehalten und hat viel dazu beigetragen, dass die Burg­dorfer Pfadfinder jetzt ihr 40-jähriges Bestehen feiern können“, sagt Juliane von Hinüber-Jin.
Bis heute leitet Monika Reißer eine Wölflingsgruppe, in der Mädchen und Jungen ab sieben Jahren gemeinsam erste Grundlagen kennenlernen. Mit etwa zehn Jahren wechseln sie dann in die sogenannten Sippen, die in Burgdorf nach wie vor nach Geschlechtern getrennt sind. „Wir halten bewusst daran fest, weil sich in gemischten Gruppen oft hergebrachte Rollenmuster einschleichen“, erläutert von Hinüber-Jin. Die Jungen würden dann beispielsweise das Holz spalten, die Mädchen würden kochen. „In getrennten Gruppen müssen beide Seiten auch Aufgaben bewältigen, die sie sich sonst vielleicht nicht zutrauen würden oder die ihnen peinlich wären“, beschreibt die 40-Jährige.
Sie selbst leitet zur Zeit eine Mädchen-Sippe, obwohl sie dafür eigentlich viel zu alt sei. „Nach Möglichkeit sollen jeweils ältere Jugendliche die jüngeren anleiten“, beschreibt sie das Konzept. Doch es sei immer schwieriger, jemanden für diese Aufgabe zu finden. „Wegen der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre und mehr Nachmittagsunterricht hatten junge Menschen zuletzt deutlich weniger Freizeit als früher“, nennt sie einen möglichen Grund.
Nicht nur bei den Sippenleitungen, auch bei der Zahl der Kinder und Jugendlichen insgesamt mache sich das bemerkbar. Auf dem bisherigen Höhepunkt in den neunziger Jahren seien es über 200 Aktive gewesen, heute seien es unter 100. Doch seit Kurzem nehme die Nachfrage wieder zu. „Durch die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit haben sie Jugendlichen vielleicht wieder etwas mehr Luft“, hofft Juliane von Hinüber-Jin.
Aber auch mit den Grundsätzen und Werten der Pfadfinder habe das zu tun. „Bei uns ging es schon immer darum, mit einfachsten Mitteln in und im Einklang mit der Natur zu leben“, sagt sie. Die Zelte hätten keine Fligengitter und auch bei längeren Wanderungen blieben die Smartphones zu Hause. „Wir verlassen uns nicht auf Google-Maps, sondern orientieren uns ganz klassisch mit Karte und Kompass“, betont sie. Das treffe aktuell wieder einen Nerv der Zeit.
Außerdem habe die „Fridays for Future“-Bewegung die junge Menschen für Klima- und Umweltschutz sensibilisiert. Vieles von dem, was dort diskutiert werde, sei bei den Pfadindern schon seit langem ganz selbstverständlich. So versuchten die Jugendlichen bei Fahrten zum Beispiel saisonal und regional einzukaufen. „Und als wir kürzlich durch die Südheide gewandert sind, haben wir Haarseife im Pappkarton und Zahnputztabletten in Papiertütchen mitgenommen, statt Shampoo in Plastikflaschen und Zahnpasta in der Tube“, ergänzt Hinüber-Jin. Damit sei nicht nur Gewicht in den Rucksäcken gespart, sondern auch Müll vermieden worden.
An erster Stelle stehe für die Pfadfinder aber das Gemeinschaftsgefühl. „Jeder hat seine Aufgaben und bringt sich mit seinen Fähigkeiten ein“, betont Monika Reißer. Im Vergleich zu anderen Hobbys gebe es bei den Pfadfindern deshalb eine größere Verbindlichkeit. „Die Kinder und Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst, für andere und für ihre Umwelt und sich aufeinander zu verlassen“, sagt sie.

Auch wenn die eigentliche Feier zum 40-jährigen Bestehen der Pfadfinder ausfallen muss, wird es zu diesem Anlass zumindest einen Gottesdienst der St.-Pankratius-Gemeinde geben. Er beginnt am Sonntag, 6. September, um 10 Uhr neben dem Gemeindehaus an der Lippoldstraße.