Mit dem Bollerwagen von Tür zu Tür

Marion Jakobi (vorne) und Claudia Ohnesorg bieten unter den entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln auch wieder Beratungen vor Ort im Nachbarschaftstreff an.
 
Mit einem Bollerwagen wurden Spielsachen und Bastelmaterialien verteilt.

Der Nachbarschaftstreff Ostlandring hält trotz der Corona-Beschränkungen auf vielfältige Weise Kontakt zu den Bewohnern

Burgdorf (fh). Sie ziehen mit einem Bollerwagen durch die Straßen, werfen selbst gestaltete Postkarten in die Briefkästen und telefonieren viel – Marion Jakobi und Claudia Ohnesorg vom Nachbarschaftstreff Ostlandring haben sich einiges einfallen lassen, um den Kontakt zu den Bewohnern trotz der Corona-Beschränkungen nicht abreißen zu lassen. Natürlich immer auf Abstand, wie sie betonen.
Während sie sich sonst vor allem um die Menschen kümmerten, die zu ihnen in den Nachbarschaftstreff kamen, hätten sie nun viele einfach auf der Straße angesprochen – beim Spaziergang oder auf dem Weg zum Einkaufen. Denn es sei ihnen wichtig gewesen, gerade auch in der Krise von den Sorgen und Nöten der Bewohner zu erfahren, um im Zweifelsfall helfen zu können. „Dafür bin ich auch das ein oder andere Mal über meinen Schatten gesprungen“, sagt Jakobi und gibt ein Beispiel: „Wenn ich jemanden auf dem Balkon gesehen habe, habe ich einfach hoch gerufen: Hallo, kennen Sie mich?“
Im ersten Moment habe das zwar für Irritationen gesorgt, doch letztlich hätten sich so Gespräche entwickelt. „Dadurch haben wir auch Menschen kennengelernt, die bisher nicht in den Nachbarschaftstreff gekommen sind“, betont Jakobi. Und eben das wollten sie beibehalten, auch wenn ihre Einrichtung nach und nach wieder zum Normalbetrieb zurückkehren könne. „Wir möchten die Bewohner künftig noch aktiver ansprechen. In dieser Hinsicht haben wir durchaus etwas aus Krise gelernt“, resümiert sie.
Als sie den Nachbarschaftstreff vor den Osterferien schließen mussten, haben Marion Jakobi und Claudia Ohnesorg sich gemeinsam überlegt, wie sie die Bewohner trotzdem erreichen könnten. Sie verschickten beispielsweise kleine Video-Botschaften über das Smartphone und druckten Postkarten mit ihren Telefonnummern und Vorschlägen gegen Langeweile, die sie dann in die Briefkästen warfen. „Außerdem haben wir Spielsachen, Stifte und Bastelutensilien auf einen Bollerwagen geladen und sie an die Familien verteilt“, sagt Jakobi. Das sei ein Türöffner gewesen, um sich ganz ungezwungen über die aktuelle Situation auszutauschen.
Und hin und wieder hätten sie auch einfach so an den Wohnungstüren geklingelt. Gerade am Anfang seien viele verunsichert gewesen. „Einige waren ganz blass, wenn sie uns aufgemacht haben, weil sie sich gar nicht mehr nach draußen getraut haben aus Angst vor dem Virus“, so Jakobi. Sie hätten dann versucht, aufzuklären und Ängste zu nehmen. „Wir haben sie dazu ermutigt, wenigstens einmal am Tag an der frischen Luft spazieren zu gehen oder Rad zu fahren, zum Beispiel im Feld, wo nicht viele Menschen unterwegs waren“, sagt sie.
Schon seit dem 1. April ist der Nachbarschaftstreff im Ostlandring 33 zumindest eingeschränkt wieder geöffnet: Beratungen sind nach Terminvereinbarungen und unter entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln möglich. Die offenen Treffs und Gruppenangebote fallen hingegen größtenteils noch aus. Sowohl vor Ort als auch per Telefon würde das Beratungsangebot gut angenommen. „Dabei geht es nicht nur um praktische Probleme, sondern auch um allgemeine Lebensfragen und um Konflikte mit dem Partner oder in der Familie“, berichtet Jakobi.
Insgesamt seien sie beeindruckt, wie gut die meisten Bewohner mit der Situation zurechtgekommen seien. Zum Teil wohnten in den Blocks am Ostlandring fünfköpfige Familien in 60-Quadratmeter-Wohnungen. „Wenn sie dort plötzlich 24 Stunden zusammen sind, ist das ja nicht ganz unproblematisch“, sagt Claudia Ohnesorg. Trotzdem habe es keine Hinweise auf eine Zunahme von häuslicher Gewalt gegeben. „In jedem Haus haben wir einige Ansprechpartner, die wir gut kennen. Sie haben uns zurückgemeldet, dass es sehr ruhig sei“, sagt Ohnesorg.
Das habe sich auch mit ihrem persönlichen Eindruck bei den Gesprächen an der Wohnungstür gedeckt. Die Eltern hätten viel Rücksicht auf die Kinder genommen und beispielsweise die Wohnzimmermöbel zur Seite geschoben, um einen Platz zum Spielen zu schaffen, als Kitas und Spielplätze geschlossen waren. Wenn sie doch mal gehört hätten, dass es in einer Familie Konflikte oder kritische Situationen gebe, sei es ihnen gelungen, das im persönlichen Gespräch zu lösen.
Eine große Herausforderung sei für viele Familien das sogenannte Home Schooling gewesen, also der Schulunterricht zu Hause. „Das ist an sich eine tolle Sache, aber die Voraussetzungen sind völlig unterschiedlich“, so Jakobi. Zum einen fehle in Großfamilien oft die nötige Ruhe zum Lernen, außerdem hätten längst nicht alle Computer und Internetanschluss, einige teilten sich zu fünft ein einziges Handy. „Viele Kinder fühlten sich deshalb ausgeschlossen und für die Eltern war es schwer, mit anzusehen, dass sie aufgrund der fehlenden Technik gar nicht mithalten konnten“, schildert Ohnesorg.
Im Nachbarschaftstreff haben sie zumindest die Möglichkeit, einen alten Computer zu nutzen, um ihre Hausaufgaben zu machen. Und mit einer Spende des Wohnungsunternehmens Vonovia sollen nun noch weitere moderne Endgeräte angeschafft werden. „Aber auch eine Tischtennisplatte, um eine gemeinsame Freizeitgestaltung auf Abstand zu ermöglichen“, ergänzt Jakobi.