Masterplan für den Verkehr?

Auch nach dem Bau der Umgehungsstraße B188 und der Umgestaltung der Marktstraße dominiert dort noch immer der Autoverkehr.
 
Der Geschäftsführer der SHP Ingenieure Christian Adams (stehend) erläutert im Verkehrsausschuss, welche Vorteile ein Masterplan Mobilität mit sich bringt.

Ingenieursbüro schlägt den Burgdorfer Kommunalpolitikern vor, Fragestellungen zu bündeln und ein Gesamtkonzept zu erstellen

BURGDORF (fh). Soll die Marktstraße zur Einbahnstraße oder gar zur Fußgängerzone werden? Auf welche Probleme stoßen Radfahrer in Burgdorf? Und wie lassen sich die Schulwege sicherer gestalten? In den kommunalpolitischen Gremien stehen verkehrspolitische Fragen regelmäßig auf der Tagesordnung. In der jüngsten Sitzung des Verkehrsausschusses war nun Christian Adams, der Geschäftsführer des hannoverschen Planungsbüros SHP Ingenieure, zu Gast. Sein Vorschlag: All das, was sonst oft punktuell diskutiert werde, ließe sich stattdessen gebündelt in einem Masterplan Mobilität untersuchen.
Die Politiker im Verkehrsausschuss stimmten noch nicht darüber ab, ob Burgdorf ein solches Gesamtkonzept für den Verkehr tatsächlich bekommen soll. Ihre ersten Reaktionen reichten von vorsichtiger Zustimmung bis hin zu echter Begeisterung. Prinzipielle Kritik oder gar komplette Ablehnung wurden nicht laut. Der springende Punkt dürften am Ende vor allem die Kosten sein. Denn der SHP-Geschäftsführer hatte nur angedeutet, dass ein sechsstelliger Betrag fällig werden dürfte. "Wir brauchen ein konkretes Angebot. Dann können wir bei einer der nächsten Sitzungen weiter darüber beraten", resümierte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses Barthold Plaß (CDU).
Adams machte derweil keinen Hehl daraus, dass sein Vortrag eine Mischung aus Informations- und Werbeveranstaltung war. Schließlich hofft er nicht nur, dass die Stadt sich für die Erstellung eines solchen Mobilitätskonzept entscheidet, sondern auch darauf, dass sein Büro den Auftrag dafür erhält. Als er die geschliffenen Formulierungen von der letzten Folie seiner Präsentation vorlas, kommentierte er selbstironisch: "Das klingt ja fast, als ob es von der Marketingabteilung käme, die wir gar nicht haben."
Doch es waren weniger diese Floskeln, mit denen er bei den Burgdorfer Politikern punkten konnte, als vielmehr konkrete Beispiele aus anderen Städten, in denen SHP bereits vergleichbare Konzepte erstellt hat. Vor allem ein Vorher-Nachher-Vergleich aus Bad Rothenfelde erntete zustimmendes Nicken und anerkennendes Gemurmel. Denn dort, wo sich früher eine gewöhnliche Asphaltstraße mit schmalen Gehwegen an den Seiten befand, wurde in dem Kurort nach dem Entwurf von SHP ein sogenannter "Shared Space" geschaffen, also ein Verkehrsbereich, den sich Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer gleichberechtigt teilen sollen.
"Die Ein- und Ausfahrten wurden aufgepflastert, sodass die Autofahrer das Gefühl haben, die Fahrbahn zu verlassen", erläutert Adams. In dem Bereich selbst gleichen sich Straße und Bürgersteig optisch; außerdem gilt Tempo 20. "All das soll Autofahrer zu erhöhter Vorsicht und Rücksichtnahme veranlassen und nach den Rückmeldungen, die wir bekommen haben, funktioniert das sehr gut", so Adams.
Wäre das auch ein Ansatz für die Marktstraße, der vielleicht sogar Gegner und Befürworter einer Fußgängerzone versöhnten könnte? Da gingen die Meinungen der Burgdorfer Politiker auseinander. "Die Situation bei uns ist nicht vergleichbar. Wir haben ja auch Busverkehr und Anlieferungen für die Geschäfte", zeigte sich Bürgermeister Baxmann skeptisch. Und Volkhard Kaever von der WGS wandte ein: "Die Marktstraße wurde doch schon nach einem ganz ähnlichen Konzept umgestaltet. Aber hier funktioniert das nicht." Anne Frick von den Grünen sah hingegen einen bedeutenden Unterschied zu Bad Rothenfelde: "So wie das bei uns bis jetzt gelöst ist, kann das gar nicht funktionieren, weil es optisch nach wie vor aussieht wie eine Hauptstraße mit Bürgersteigen."
Doch damit gingen die Politiker am konkreten Beispiel schon viel mehr ins Detail, als es eigentlich der Vorstellung der SHP-Ingenieure entspricht. "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen, ob sich das Beispiel aus Bad Rothenfelde auf die Situation in Burgdorf übertragen lässt", sagte Adams. Dafür brauche es zunächst einmal belastbare Analysen. "Und gerade die würde ein Masterplan Mobilität erst liefern", betonte der Verkehrsplaner. Außerdem sei ein Vorteil des Konzepts ja gerade, die einzelnen Probleme nicht isoliert zu betrachten, sondern die gesamte Stadt und alle Verkehrsteilnehmer im Blick zu behalten.
Grundlage dafür sollten detaillierte Verkehrszählungen und weitere Erhebungen sein. Wie das aussehen könnte, machte Adams am Beispiel der Marktstraße deutlich. "Wir würden dort beispielsweise die Kennzeichen erfassen, um herauszufinden, ob es sich hauptsächlich um Durchgangs- oder um Zielverkehr handelt", erläutert er. Außerdem ließen sich anhand der Daten auch Prognosen erstellen. "So könnten wir beispielsweise besser einschätzen, wie sich eine Sperrung der Marktstraße für den Kfz-Verkehr auswirken würde", ergänzt Adams. Bei all dem sollten sich auch die Bürger mit ihren Vorschlägen einbringen, beispielsweise in Stadtteilkonferenzen, Jugendwerkstätten und Verkehrsforen.
Kritisch bewertete Kaever dabei den Zeithorizont. Denn Adams hatte in seinem Vortrag eingans von einem "Masterplan Mobilität 2030/2035" gesprochen. "Wir können nicht noch zehn oder 15 Jahre warten, bis wir beispielsweise die Situation auf der Marktstraße angehen", appellierte der WGS-Ratsherr. Adams entgegnete, dass zwar die Entwicklungen bis 2030 oder sogar 2035 betrachtet werden sollten, dass die Stadt mit der Umsetzung aber schon deutlich früher beginnen könne. "Die Bearbeitungszeit nimmt etwa ein bis zwei Jahre in Anspruch. Und zwischendurch werden wir immer wieder Teilergebnisse präsentieren, die eventuell schon in erste Projekte und Maßnahmen münden können", argumentierte der Verkehrsplaner.