Martin Karras verlässt Burgdorf

Auch wenn ihm der Abschied aus Burgdorf nicht leicht fällt, freut Pfarrer Martin Karras sich auf seine neue Aufgabe (Foto: Franka Haak/Archiv)
 
Zusammen mit dem evangelischen Pastor Steffen Lahmann (rechts) hat Pfarrer Martin Karras im vergangenen Jahr zum ungezwungenen Plausch im Hänigser Freibad eingeladen. Das Projekt verband zwei seiner Herzensanliegen: Ökumene gestalten und nah bei den Menschen sein. (Foto: Archiv)

Ab September gehört die katholische St.-Nikolaus-Gemeinde zum Pastoralbereich Hannover-Ost

Burgdorf/Uetze (fh). Für die katholische St.-Nikolaus-Gemeinde steht ein tiefgreifender Wandel an: Zum 1. September verlässt Pfarrer Martin Karras Burgdorf - und einen Nachfolger wird es nicht geben. Denn die hiesige Pfarrgemeinde soll mit St. Bernward Lehrte und St. Marien Hannover-Roderbruch zum Pastoralbereich Hannover-Ost mit insgesamt 23.500 Mitgliedern zusammengelegt werden. Betreut wird das gesamte Gebiet dann von dem leitenden Pfarrer Franz Kurth mit Unterstützung von Pater Cherian Marottickathadathil und Kaplan David Bleckmann Unte.


Karras wechselt nach Lüneburg


Schon früh hatte Karras signalisiert, dass er die Funktion des leitenden Pfarrers nicht übernehmen wolle. "Aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen nach meiner Krebserkrankung wäre das eine Nummer zu groß für mich", begründet er. Und auch wenn ihm der Abschied aus Burgdorf nicht leicht falle, freue er sich auf seine neue Aufgabe in der Hospiz- und Klinikseelsorge in Lüneburg. "Dort kann ich wieder mit ganz starkem Akzent das machen, wofür ich einmal Priester geworden bin, mich wieder um die Seele der Menschen kümmern", sagt der 53-Jährige. Eben dafür habe er im Laufe seiner Tätigkeit als Gemeindepfarrer immer weniger Zeit gehabt, auch weil Kirchorte zusammengefasst würden und die Verwaltungsaufgaben somit  zunähmen.
Wie wichtig die Seelsorge für Kranke, Sterbende, Angehörige und Pflegende sei, habe er hautnah erfahren, als er mit seinem Krebsleiden in Behandlung war. Im vergangenen Herbst habe er deshalb bereits ein Praktikum in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) absolviert. "Da habe ich gemerkt, dass Klinikseelsorge genau mein Ding ist", sagt er. Allerdings sei ihm die MHH zu groß. Deshalb sei er dankbar, dass er nach Lüneburg wechseln könne, wo er nun zwei kleinere Krankenhäuser und zwei Hospize seelsorgerisch betreue. "Ich freue mich darauf, intensive Gespräche führen zu können, ohne Blick auf die Uhr, weil gleich wieder der nächste Termin folgt", so Karras.


Europa-Tour im Wohnwagen


Am Sonntag, 30. August, ab 14 Uhr will sich Karras im Rahmen eines Wortgottesdienstes von seiner Burgdorfer Gemeinde verabschieden. Wegen der Vorgaben zum Infektionsschutz muss sie aber deutlich kleiner ausfallen und anders ablaufen, als eigentlich angedacht. "Um so mehr freue ich mich, dass ich im vergangenen Jahr das 25-jährige Jubiläum meiner Priesterweihe so groß gefeiert habe", sagt er rückblickend.
Nach dem Abschied wird sich Karras dann noch ein halbes Jahre lang eine Auszeit nehmen, bevor er die neue Stelle in Lüneburg antritt. "Das will ich nutzen, um mich körperlich und geistig gründlich zu erholen", sagt der 53-Jährige. Zusammen mit einem Freund wolle er mit dem Wohnwagen durch Europa touren. "Weihnachten würden wir am liebsten in der Algarve, im Süden Portugals verbringen, weil es dort dann am wärmsten ist", schwärmt er.
Das sei schon länger geplant gewesen, nun müssten sie schauen, was angesichts der Corona-Epidemie möglich sei. "Ich vertraue auf Gott, dass diese Zeit so oder so gut für mich sein wird, auch wenn wir vielleicht nicht alle unsere Pläne umsetzen können", sagt er. Zusätzlich zu der Reise wolle er im Laufe der sechs Monate auch noch Fortbildungen und ein Praktikum in einem Hospiz zu absolvieren, um sich auf seine neue Aufgabe einzustimmen.


St. Barbara und die Ökumene


Karras war 2012 in die St.-Nikolaus-Gemeinde gekommen und hatte damals keinen ganz einfachen Start: Denn noch im November desselben Jahres wurde die St.-Barbara-Kirche in Hänigsen profaniert und wenig später abgerissen. "Das hat mich kalt erwischt", sagt Karras rückblickend. Viele Gemeindemitglieder seien verärgert und enttäuscht gewesen. Doch er versuchte das Beste daraus zu machen: So holte er beispielsweise den Altar und eine Glocke aus der St.-Barbara-Kirche nach Burgdorf, um den Gemeindemitgliedern aus Hänigsen in der St.-Nikolaus-Kirche ein Stück vertrauter Heimat zu schaffen.
Damit das katholische Gemeindeleben aber auch in Hänigsen weitergehen konnte, setzte Karras auf die Zusammenarbeit mit der evangelischen St.-Petri-Gemeinde, die ihre Kirche bereitwillig für katholische Gottesdienste zur Verfügung stellt. Auch sonst ist er sich intensiv für die Ökumene in Burgdorf und Uetze eingetreten und hat zusammen mit den evangelischen Gemeinden viele Projekte auf den Weg gebracht. Unter dem Motto "ansprechBar" war er im vergangenen Jahr beispielsweise mehrfach mit dem evangelischen Pastor Steffen Lahmann im Hänigser Freibad zu Gast, um dort mit den Besuchern ungezwungen ins Gespräch zu kommen.


Die Kirche zu den Menschen bringen

Das spiegelt gleich zwei Herzensanliegen von Karras wider: zum einen die gelebte Ökumene, zum anderen den Versuch, Kirche näher zu den Menschen zu bringen. Mit einem Infomobil der Pfarrgmeinde zeigte der Pfarrer bespielsweise Präsenz auf den Wochenmärkten. Außerdem hat er Erntedankgottesdienste auf den Bauernhöfen in den umliegenden Dörfern gefeiert und Fronleichnam mit einem Gemeindefest auf dem Spittaplatz mitten in der Stadt.
"Kirche muss für die Menschen da sein und nicht umgekehrt", so einer seiner Leitsprüche. Und deshalb müsse sich sich auch den veränderten gesellschaftlichen Bedürfnissen anpassen. Dafür ist Karras auch in den vergangenen acht Jahren eingetreten und hat bei innerkirchlichen Streitfragen immer wieder klare Kante gezeigt: So setzt er sich beispielsweise dafür ein, das Priesteramt für Frauen zu öffnen und unterstützt die Bewegung Maria 2.0, mit der sich katholische Frauen Gehör verschaffen. "Wir leben in einem Zeitalter der Gleichberechtigung. Das muss auch die katholische Kirche lernen und zwar möglichst schnell", fordert er.