Manche bleiben eine Nacht, andere Jahre

Uwe Wisseroth hat in dem Beet vor der Obdachlosenunterkunft Lavendel gepflanzt.
 
In den Häusern Drei Eichen 1 und 1a bringt die Stadt Menschen unter, die sonst keine Bleibe haben.

In der Unterkunft an den Drei Eichen finden Obdachlose einen geschützten Aufenthaltsort

Burgdorf (fh). Uwe Wisse­roth gießt das kleine Beet vor der Obdachlosenunterkunft an der Straße Drei Eichen. „Die beiden Lavendel habe ich neulich vom Supermarkt mitgebracht und hier eingepflanzt“, sagt der 57-Jährige. Damit wolle er zu einem freundlichen Erscheinungsbild der Unterkunft beitragen. „Manche Menschen haben Vorurteile und rümpfen die Nase, wenn sie hier vorbeikommen. Vielleicht kann ein gepflegter Vorgarten mit ein paar schönen Blumen ein bisschen Misstrauen abbauen“, so Wisseroth. Aber auch ihm selbst bereiteten die Pflanzen Freude. Auf den Tisch im Gemeinschaftsraum im Obergeschoss hat er ebenfalls einen Blumentopf gestellt. „Egal wo ich gerade bin, mir ist es wichtig, das Beste daraus zu machen“, sagt er.
Uwe Wisseroth ist nach eigenem Bekunden seit rund 20 Jahren obdachlos. Mal schlafe er unter freiem Himmel, mal in einer Obdachlosenunterkunft. Das mache er vom Wetter abhängig, aber auch von seinem Gesundheitszustand. Früher sei er über längere Zeit in ganz Deutschland unterwegs gewesen und auch bis nach Frankreich gekommen. In jüngerer Zeit halte er sich vor allem in Hildesheim auf, wo er die Straßenzeitung Asphalt verkauft und er komme auch immer mal wieder nach Burgdorf.

Viele Obdachlose haben gesundheitliche Probleme

Normalerweise kann er als Durchreisender bis zu einer Woche in der Obdachlosenunterkunft Drei Eichen bleiben. Doch zuletzt war er zweimal längere Zeit am Stück dort: Im vergangenen Jahr musste er in den Krankenhäusern in Lehrte und Großburgwedel behandelt und zweimal operiert werden. Als er entlassen wurde, kam er zunächst wieder in der Burgdorfer Obdachlosenunterkunft unter, dann vermittelten die Mitarbeiter der Tageswohnung ihm einen Platz in einer Reha-Klinik. Und in diesem Jahr durfte er noch einmal mehrere Wochen bleiben, als er seine Impfung gegen das Coro­navirus erhielt und auf den zweiten Termin wartete. Aufgrund des erhöhten Ansteckungsrisikos gehören Obdachlose zur Prioritätsgruppe 2.
So wie Wisseroth haben viele von ihnen gesundheitliche Probleme – sowohl körperlich als auch psychisch. „Viele zögern es lange hinaus, bis sie zum Arzt gehen oder kurieren Krankheiten nicht richtig aus“, sagt Klaus Duensing. Er ist bei der Stadt Burgdorf für die Obdachlosenunterkunft zuständig. Einige Betroffene nutzten den Aufenthalt in Burgdorf bewusst, um sich medizinisch untersuchen und versorgen zu lassen. „Mit der Tageswohnung haben sie hier eine Anlaufstelle, zu der sie Vertrauen haben“, begründet Duensing.
Die Stadt Burgdorf betreibt die Obdachlosenunterkunft in den Häusern Drei Eichen 1 und Drei Eichen 1a bereits seit Jahrzehnten. Sie ist verpflichtet, Menschen unterzubringen, wenn sie sonst keine Bleibe haben. Juristisch fällt diese kommunale Aufgabe in den Bereich der Gefahrenabwehr. Denn ein schutzloser Aufenthalt unter freiem Himmel ist mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden, die das Recht des Obdachlosen auf körperliche Unversehrtheit beeinträchtigen. „Vor 30 Jahren wurde teilweise noch argumentiert, dass eine Unterbringung deshalb vor allem in kalten Winternächten gewährleistet sein muss“, sagt Duensing.
Doch diese Auffassung habe sich sowohl juristisch als auch moralisch geändert: „Zum einen kann es genauso gefährlich sein, sich im Hochsommer den ganzen Tag in glühender Hitze unter freiem Himmel aufzuhalten, zum anderen ist das auch unabhängig von der Witterung eine Frage der Menschenwürde“, betont Duensing. Dabei gehe es nicht nur um einen sicheren Schlafplatz, sondern auch um einen geschützten Aufenthaltsort während des Tages und den Zugang zu Toiletten und Duschen.

Mehr junge Menschen kommen in die Unterkunft

In der Obdachlosenunterkunft bringt die Stadt nicht nur sogenannte Durchreisende wie Uwe Wisseroth unter, sondern auch Menschen, die in Burgdorf gemeldet sind und durch eine Zwangsräumung oder aus anderen Gründen ihre Wohnung verlieren. Früher seien davon meistens Männer ab 40 Jahren betroffen gewesen. Doch das habe sich geändert: Der Anteil von Frauen habe zugenommen und zusehends kämen auch junge Menschen unter 30 Jahren in die Unterkunft. „Der Übergang von der Schule ins Berufsleben ist komplexer geworden und gelingt nicht immer reibungslos“, nennt Duensing einen der Gründe.
Die Stadt ist ausschließlich für die Unterbringung zuständig. Weil die Betroffenen aber oft auch anderweitigen Unterstützungsbedarf haben, hält er Kontakt zu den Mitarbeitern der Tageswohnung und weiteren Beratungsstellen. „Mithilfe der sozialen Einrichtungen versuchen wir für jeden ein passendes Konzept zu finden. Unser Ziel ist es, den Aufenthalt in der Obdachlosenunterkunft möglichst kurz zu halten und die Menschen schnell wieder in festen Wohnraum zu vermitteln“, betont Duensing. Doch das gelinge nur, wenn die Betroffenen auch selbst mitwirkten. Nicht alle seien dazu bereit und manche fänden nach vielen Rückschlägen und angesichts großer Hürden einfach nicht die Kraft dazu.
Manche bleiben wenige Tage oder Wochen, bis sie wieder eine Bleibe gefunden haben. Bei anderen sind es Monate oder sogar Jahre. Kürzlich seien gerade fünf Personen ausgezogen, die zwischen sechs Monaten und zwei Jahren in der Obdachlosenunterkunft gelebt hatten. Die Stadt konnte ihnen jetzt Sozialwohnungen in den beiden Mehrfamilienhäusern des regionalen Wohnungsbauunternehmens KSG im Baugebiet An den Hecken vermitteln. „Darüber sind wir natürlich sehr froh“, sagt der Leiter der städtischen Ordnungsabteilung Christian Enderle.

Große Schwankungen in der Belegung

Den dadurch entstandenen Leerstand in dem Haus Drei Eichen 1a nutzt die Stadt jetzt, um das Gebäude zu renovieren. „Das ist dringend nötig, auch um die jetzigen Standards für Obdachlosenunterkünfte zu erfüllen, die im Laufe der Jahre angehoben wurden“, sagt Enderle. Eine langfristige Überkapazität sehe er aber nicht. „Es gibt immer wieder große Schwankungen. Vor anderthalb bis zwei Jahren sind wir noch aus allen Nähten geplatzt und haben sogar darüber nachgedacht, zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen“, sagt er. Außerdem müsse die Stadt auch für akute Notfälle vorbereitet sein. Wenn beispielsweise ein Haus nach einem Brand nicht mehr bewohnbar ist, muss die Stadt ebenfalls kurzfristig für die Unterbringung der Betroffenen sorgen.
Das trat beispielsweise ein, als eine Silvesterakete zum Jahreswechsel 2018/19 das Feuer an der Retschystraße auslöste. Auf die Obdachlosenunterkunft „Drei Eichen“ musste die Stadt damals nicht zurückgreifen. Viele Betroffene kamen bei Angehörigen und Freunden unter, andere zogen vorübergehend in die Flüchtlingsunterkunft Vor dem Celler Tor. „Trotzdem ist es wichtig, für solche Notfälle Wohnungen vorzuhalten, die uns kurzfristig zur Verfügung stehen“, so Enderle.

Persönlicher als in der Großstadt

Uwe Wisseroth hat im Laufe der vergangenen 20 Jahre viele Obdachlosenunterkünfte gesehen und große Unterschiede erlebt. Besonders gut seien die Bedingungen in einigen wohlhabenderen Städten im Süden Deutschlands, vor allem in Bayern und Baden-Württemberg. Da könne Burgdorf nicht ganz mithalten. Trotzdem fühle er sich in der Unterkunft an den Drei Eichen ziemlich wohl. „In Großstädten werde ich oft in Mehrbettzimmern untergebracht, manchmal sind sogar die Fenster vergittert. Da komme ich mir vor wie im Gefängnis“, sagt er.
Dagegen sei die Atmosphäre in Burgdorf deutlich angenehmer und persönlicher. Dort sei er bisher noch nie beklaut worden und habe noch keine Gewalt erlebt. „Auch die Lage in der Nähe des Stadtparks zwischen normalen Ein- und Mehrfamilienhäusern ist gut. Da fühlt man sich nicht so ausgegrenzt“, sagt er. Während er im Vorgarten ist, fährt eine Jugendliche aus der Nachbarschaft auf dem Fahrrad vorbei und grüßt freundlich – ganz ohne Misstrauen.

Die Unterkunft

Die beiden Häuser Drei Eichen 1 und 1a verfügen insgesamt über zwölf Wohnungen. Außerdem gibt es Gemeinschaftsräume, eine Kochgelegenheit und Gemeinschaftssanitäranlagen. Das Obergeschoss im Haus Drei Eichen 1 wird als Übernachtungsstätte für Durchreisende genutzt. 2019 verzeichnete die Stadt rund 1.236 Übernachtungen, also durchschnittlich drei bis vier pro Tag. Die Auslastung war im Jahresverlauf allerdings sehr unterschiedlich.