Kunst aus Alltäglichem

Die Objektkünstlerin Gisela Gührs baut ihre "Königinnen" in der Magdalenenenkapelle auf und kontrolliert, ob ihre Gewänder sitzen.
 
Michael Polte (von rechts) und Matthias Schorr vom Kulturverein Scena hängen zusammen mit Andreas Hoppe das "Schlauchboot" in der Magdalenenkapelle auf.

Objektkünstlerin Gisela Gührs stellt in der Magdalenenkapelle aus / Besucher dürfen erst kommen, wenn es der Inzidenzwert zulässt

Burgdorf (fh). Vom Eingang der Magdalenenkapelle aus fällt der Blick auf eine Eisenwanne, die im Altarraum von der Decke baumelt. Sie ist an beiden Seiten mithilfe von aneinander geknoteten Fahrradschläuchen aufgehängt und auch aus der Wanne ragen zu allen Seiten schwarze Schlauchenden. Die Künstlerin Gisela Gührs hat diesem Objekt den Titel "Schlauchboot" gegeben und erinnert damit an die Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken.
Flucht und Asyl, Krieg und Frieden und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus - diese großen Themen haben sie schon zu Beginn ihres künstlerischen Schaffens in den 1980er Jahren beschäftigt und seitdem nicht losgelassen. Das wird bei einem Rundgang durch die kleine Ausstellung in der Magdalenenkapelle deutlich. Denn dort zeigt Gührs einen Querschnitt ihrer Arbeiten aus den vergangenen Jahrzehnten bis heute. "In der Kunst kommen meine politischen und sozialen Einstellungen, persönliche Erfahrungen und Überzeugungen zum Ausdruck", sagt sie.
Eigentlich hätte die Ausstellung mit dem Titel "Zeit-Zeichen" am Samstag, 27. März, eröffnet werden sollen. Doch aufgrund der gegenwärtigen Corona-Maßnahmen und der hohen Infektionszahlen in der Region Hannover ist das derzeit nicht möglich. "Wir haben uns dazu entschlossen, trotzdem schon alles aufzubauen, damit wir starten können, sobald das möglich ist", sagt Matthias Schorr vom Kulturverein Scena und fügt hinzu: "Nun hoffen wir, dass die Inzidenz in der Region bald unter 100 sinkt, sodass wir mit einem entsprechenden Hygienekonzept öffnen dürfen."
Gisela Gührs lebt in Rinteln und ist pensionierte Lehrerin. Schon seit ihrem Studium mit dem Hauptfach Kunst ist sie ununterbrochen auch künstlerisch tätig und stellt regelmäßig aus. "Das ist mein Lebenselixier", sagt sie. Vor zwei Jahren beteiligte sie sich an der Ausstellung "ZeitRäume" des Kulturvereins Scena, bei der unterschiedliche Künstler verteilt über das ganze Stadtgebiet über mehrere Wochen ihre Werke zeigten. Für ihre Installation "Sonntagsgeflüster" in der Magdalenenkapelle wurde die damals mit dem Jury-Preis ausgezeichnet.
Für den Kulturverein Scena war deshalb schnell klar, dass sie die Künstlerin gern noch einmal nach Burgdorf holen wollten, um einen breiteren Einblick in ihr Schaffen zu geben. "Wir wollen mit unseren Ausstellungen ein möglichst großes Spektrum von Techniken und Stilrichtungen abdecken und sind deshalb immer wieder auf der Suche nach etwas Neuem, das sich von unserem bisherigen Programm abhebt", begründet Schorr. Und das treffe auf die Werke von Gisela Gührs im besten Sinne zu.
Denn Objektkunst sei in der Magdalenenkapelle bisher noch nie zu sehen gewesen. Charakteristisch für diese Kunstform ist es, dass die Werke häufig aus Alltagsgegenständen entstehen, die verfremdet und neu arrangiert werden. Das können Fahrradschläuche sein, aber auch Kinderschuhe, Kerzen oder Kopfhörer. Dabei verarbeitet Gührs ganz unterschiedliche Materialien von Metall, über Holz bis hin zu Stoff. Und auch inhaltlich unterscheide sich ihre Arbeit von anderen Künstlern, mit denen Scena bisher zusammengearbeitet hat. "Sie zeigt eindrücklich, wie Kunst aktuelle Themen aufgreifen und sich mit Zeitfragen beschäftigen kann", so Schorr.
Gisela Gührs freut sich nach eigenem Bekunden ebenfalls, wieder in der Magdalenenkapelle auszustellen. Dabei sei sie vor zwei Jahren zunächst ein wenig skeptisch gewesen. Sie hatte sich für die Ausstellung "ZeitRäume" beworben, ohne zu wissen, wo ihre Arbeit zu sehen sein würde. "Als ich dann die Zusage mit den Details bekam, war mein erster Gedanke: Um Gottes Willen, die bringen mich auf den Friedhof", erinnert sich sich mit einem Augenzwinkern. Doch ihre anfänglichen Vorbehalte seien schnell verflogen, als sie zum Aufbau nach Burgdorf kam und die Magdalenenkapelle zum ersten Mal betrat. "Ich war ganz beglückt. Es ist wirklich ein wunderschöner Raum", sagt sie.