Kleiner Piks vor großer Leinwand

Der ehemalige Burgdorfer Kinderarzt Lutz Nolte impft die siebenjährige Julia gegen das Coronavirus.
 
Nach der Impfung schaut sich Julia mit ihren Eltern Jennifer und Ralf einen Film in der Neuen Schauburg an.

Rund 600 Kinder, Jugendliche und Erwachsene lassen sich in der Neuen Schauburg impfen

Burgdorf (fh). Vor der Neuen Schauburg hat sich am Mittwochmorgen trotz des nasskalten Wetters eine lange Schlange gebildet. Die Familien haben sich aber nicht für einen neuen Blockbuster angestellt, sondern für die Corona-Impf­aktion des Burgdorfer Kinderarztes Dominik Nolte, die sich in erster Linie an Fünf- bis Elfjährige richtet. Ganz vorne stehen Jen­nifer und Ralf Seifert mit der siebenjährigen Julia. „Wir sind beide geimpft und wünschen uns, dass auch unsere Tochter geschützt ist“, begründen sie. Die Aktion war erst kurzfristig am Montag angekündigt worden, doch sie habe sich unter den Burgdorfer Eltern schnell herumgesprochen. „Eine Freundin hat mir davon erzählt und dann hat sich das auch über die sozialen Medien rasant verbreitet“, erzählt Jennifer Seifert.
Diese Gelegenheit wollte sich die Familie nicht entgehen lassen. „In der Schule gibt es immer wieder Infektionen“, so die Mutter. Julia musste gerade erst Anfang Dezember in Quarantäne, weil sich eine Freundin angesteckt hatte. „Das war kurz vor meinem Geburtstag. Zum Glück konnte ich mich rechtzeitig freitesten und wieder zur Schule, um mit meiner Klasse zu feiern“, sagt die Siebenjährige. Und noch etwas ist ihr wichtig: „Wenn ich geimpft bin, können wir einfacher in den Urlaub fahren!“ Wo es hingehen soll? Die Siebenjährige zeigt auf ihr dunkelblaues Stirnband, auf dem in großen weißen Buchstaben „Ostsee“ steht.
Gerade diese sozialen Aspekte sind auch für Kinderarzt Dominik Nolte ein wichtiges Argument fürs Impfen. „Das Risiko, dass Kinder an Covid19 sterben, ist sehr sehr gering“, betont er. Welche Langzeitfolgen eine Erkrankung bei ihnen haben könne, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mit Sicherheit sagen. „Aber nach allem, was wir bisher wissen, gehe nicht davon aus, dass sie dramatisch sein werden“, sagt er. Trotzdem befürwortet er es, die Kinder zu impfen – insbesondere seit Auftreten der Omikron-Variante. „Vor einem Monat sah das noch ganz anders aus, doch wenn wir jetzt sehen, mit welcher Geschwindigkeit, sie sich in den USA und in Großbritannien ausbreitet, dann müssen wir dringend handeln“, so Nolte.
In Deutschland habe die Ausbreitung der neuen Virus-Variante etwa einen Monat später begonnen – und das sei eine Chance, sich zu wappnen. „Wenn wir die Zeit nutzen, um zu boostern und die Impfquote in der Bevölkerung zu erhöhen, dann kann das noch einen Effekt haben“, zeigt sich der Mediziner überzeugt. Und da komme es jetzt auf alle Altersgruppen an. Für die Kinder sei das nicht nur ein abstrakter Beitrag zum Gemeinwohl, sondern ganz konkret mit Menschen aus ihrem Umfeld verbunden. „Viele wollen sich impfen lassen, um Oma und Opa zu schützen“, so Nolte.
Aber auch die Kinder selbst profitierten von der Impfung. Zum einen weil sie Schutz vor möglichen Langzeitfolgen und der seltenen Begleiterkrankung PIMS biete. Zum anderen aber vor allem aus sozialen Gründen. „Die Kinder gewinnen an Lebensqualität, weil sie sich nicht mehr dauernd testen müssen. Wenn sie geimpft sind, können sie sich wieder freier und sicherer bewegen“, sagt er.
In seiner Praxis habe er bereits Impfungen für seine jungen Patienten angeboten. Die Aktion in der Neuen Schauburg sei dann ganz spontan zustande gekommen. Sein Bruder Kilian Nolte ist Frauenarzt in Uetze und hat dort bereits mehrere Impfaktionen angeboten. Als er neulich in der Neuen Schauburg einen Gutschein gekauft habe, sei er mit dem Kino-Inhaber Christian Lindemann ins Gespräch gekommen und habe gemeinsam mit ihm die Idee entwickelt.
Und schnell waren die Aufgaben verteilt. Christian Lindemann kümmerte sich um das Kino-Programm: Damit beim Warten nach der Impfung keine Langeweile aufkam, lief auf der großen Leinwand den ganzen Tag über ein 20-minütiger Block aus zwei kindgerechten Kurzfilmen und Trailern für neue Kinderfilme, die 2022 in die Kinos kommen. Seine Frau Asiseh und seine Tochter Maya Shirin versorgten die Besucher derweil mit Popcorn.
Auch Kinderarzt Dominik Nolte holte sich tatkräftige Unterstützung: Nicht nur Mitarbeiterinnen aus seiner eigenen Praxis und der seines Bruder halfen mit. Auch seine beiden ältesten Kinder waren dabei. Sie nahmen die Familien am Eingang in Empfang und kümmerten sich um die Formalitäten. Und beim Impfen selbst war neben den Brüdern Dominik und Kilian Nolte auch ihr Vater, der frühere Burgdorfer Kinderarzt Lutz Nolte, im Einsatz.
Er kümmerte sich dann auch gleich um die erste Patientin des Tages. „Vor dem Piks sage ich ‚Jetzt‘, dann kannst du ganz laut ‚Kuckuck‘ sagen“, empfiehlt er. Wenige Sekunden später hat Julia es hinter sich. Und war es schlimm? Die Siebenjährige schüttelt den Kopf: „Ich habe gar nichts gemerkt!“ Nachdem sie ein Schokoladenplätzchen als Belohnung bekommen hat, springt sie sofort auf. „Ich setze mich schon mal auf einen roten Sessel“, ruft sie ihren Eltern fröhlich zu und läuft Richtung Kinosaal.
Sieben Stunden und fast 600 Patienten später sind die Familien Lindemann und Nolte erschöpft, aber glücklich. Etwa 250 Kinder zwischen fünf und elf Jahren seien geimpft worden und über 300 Jugendliche und Erwachsene. Vormittags nahmen sie dafür ein bis anderthalb Stunden Wartezeit in Kauf. „Die Aktion war ein voller Erfolg und ist bei den Familien sehr gut angekommen“, resümiert Dominik Nolte.