"Inklusion anders denken"

Freuen sich auf die Kooperation und die gemeinsamen Schülerprojekte: Der Schulleiter der Paul-Klee-Schule Uwe Kirchner (von links), sein Konrektor Patrick Hahne, der Schulleiter des Gymnasiums Burgdorf Michael Loske sowie die Kunstlehrerin Wiebke Schwarzrock-Pittalis.
 
Bei der offiziellen Vorstellung der Kooperation spielte die Neuntklässlerin Sophie Datkewitz vom Gymnasium Burgdorf ein selbst komponiertes Klavierstück.

Gymnasium Burgdorf kooperiert mit der Paul-Klee-Schule in Celle: Gemeinsame Kultur- und Sportprojekte für Schüler mit und ohne geistige Behinderung

BURGDORF (fh). In der öffentlichen Debatte zum Thema Inklusion geht es meist um den gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung. "Aber das ist zu kurz gegriffen", ist Uwe Kirchner überzeugt. Er ist Schulleiter an der Paul-Klee-Schule, einer Förderschule für geistige Entwicklung in Celle. Zusammen mit dem Schulleiter des Burgdorfer Gymnasiums, Michael Loske, hat er jetzt das Programm "Demokratie - Teilhabe durch kulturelle Bildung und individuelle Lernentwicklung" ins Leben gerufen. Das Ziel: In vielen unterschiedlichen Projekten aus den Bereichen Kunst, Theater, Musik und Sport sollen insgesamt etwa 250 Schüler der beiden Schulen zusammenarbeiten und so mit- und voneinander lernen.
Das Besondere daran: Es geht um Inklusion außerhalb des Regelunterrichts mit seinen strikten Lehrplänen. "Ich freue mich, wenn sich Schulen in diesem Bereich eigenständig auf den Weg machen und neue Ideen entwickeln", betont der Vorsitzende des Landeselternrates, Mike Finke. Als Vater eines Sohnes mit Behinderung habe er selbst immer wieder erfahren müssen, dass sich nicht einfach ein Schalter umlegen lasse, um den Paragraphen 4 des Landesschulgesetzes zu verwirklichen und damit einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang zu allen öffentlichen Schulen zu ermöglichen.
"Das gemeinsame Lernen stößt gerade in den Hauptfächern wie Mathematik und Deutsch im dreigliedrigen Schulsystem schnell an seine Grenzen", weiß auch Schulleiter Kirchner. Anders sehe das aber im künstlerischen und musischen Bereich aus. "Kreativität kennt keine Behinderung und Kunst kennt keine Normalität", ergänzt Finke. Und genau da solle die Kooperation von Förderschule und Gymnasium ansetzen.
So sind unter anderem eine Zirkusvorführung, ein selbst gedrehter Dokumentarfilm, ein Puppenspiel, Mosaikbilder für den Schulhof, Chor-Auftritte, aber auch Besuche bei Spielen von Hannover 96 und den Recken sowie ein gemeinsames Sportfest vorgesehen. Außerdem werden die Kinder und Jugendlichen Stromkästen der Stadtwerke Burgdorf mit Graffiti gestalten.
In allen Projekten sollen Schüler des Burgdorfer Gymnasiums und der Paul-Klee-Schule in gemischten Gruppen zusammenarbeiten. Ziel sei es dabei auch, Empathie und Sensibilität bei den Gymnasiasten zu fördern und den Förderschülern positive soziale Erfahrungen zu ermöglichen. "Sie sollen sich nicht ausgesondert, sondern als Teil der Gesellschaft fühlen und Wertschätzung erfahren", wünscht sich Kirchner.
Als besonderen Höhepunkt plant er zusammen mit Loske eine gemeinsame Studienfahrt zum Zentrum Paul Klee im schweizerischen Bern. Diesen Wunsch hegt die Celler Förderschule schon seit längerem, um den Kindern ihren berühmten Namenspaten und sein Werk näher zu bringen. "Wir hoffen, dafür noch Geldgeber zu finden, damit alle Schüler unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten ihres Elternhauses mitfahren können", wirbt Loske. Ansonsten sei ein Großteil der Projektkosten bereits mithilfe von Spenden gedeckt. Ideelle und finanzielle Unterstützung kommt unter anderem vom Burgdorfer Mehrgenerationenhaus, von Hannover 96, Kind Hörgeräte, TSV Hannover-Burgdorf - Die Recken, den Stadtwerken Burgdorf sowie der Stiftung der Zeitarbeitsfirma ZAG.
Wie sehr den beiden Schulen das Projekt am Herzen liegt, wird auch daran deutlich, dass sich die Kunstlehrerin Wiebke Schwarzrock-Pittalis dafür mit einigen Wochenstunden an die Paul-Klee-Schule abordnen lässt und dort eine Klasse unterrichtet. Im Gegenzug wird eine Lehrerin der Förderschule zum Gymnasium Burgdorf kommen. "So wird auch der pädagogische Austausch noch intensiviert", betont Schulleiter Loske.
Und das Gymnasium will den Bogen sogar noch weiter spannen und auch die Begabtenförderung mit in das Projekt einbeziehen. "Dabei gibt es viele Parallelen zur Inklusion, denn auch dort geht es darum, ganz individuell auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler einzugehen, sich ihrem Potenzial anzupassen und sie bei der Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen", sagt die Lehrerin Marion Fecht-Christoffers. Was entstehen kann, wenn das gelingt, demonstrierte die Neuntklässlerin Sophie Datkewitz, die bei der Präsentation des neuen Projektes ein selbst komponiertes Klavierstück vorspielte.