"Ich setze auf die Daniel Düsentriebs"

Der Finanzexperte Holger Bahr, Leiter der Einheit Volkswirtschaft bei der Deka-Bank, gibt Tipps für zukunftsfähige Geldanlagen.

Der promovierte Volkswirt Holger Bahr von der Deka-Bank spricht im Interview über den Brexit, die Nullzinspolitik und zukunftsfähige Geldanlagen

BURGDORF (fh). Die Stadtsparkasse Burgdorf hat rund 400 Gäste zu einem bunten Abend im Stadthaus empfangen. Neben einer Theateraufführung stand auch ein Vortrag des Finanzexperten Dr. Holger Bahr auf dem Programm. Er leitet die Einheit Volkswirtschaft bei der Deka-Bank, dem Wertpapierhaus der deutschen Sparkassen-Finanzgruppe. Im Interview mit dem Marktspiegel spricht er über den Brexit, die niedrigen Zinsen und gibt Tipps für die Geldanlage.

Marktspiegel: Der Brexit, drohende Strafzölle aus den USA und weltweite Konflikte. Müssen sich auch die Burgdorfer auf eine immer angespanntere Situation an den Finanzmärkten gefasst machen?

Holger Bahr: Die Situation ist wirklich alles andere als geruhsam und schön. Wenn man will, kann man den ganzen Tag schlechte Nachrichten hören. Aber es gibt ein starkes Argument, warum die Welt zumindest für die Deutschen doch nicht so trostlos ist, wie es scheinen mag. Immer mehr Menschen haben einen Job und beziehen mehr laufende Einkommen als im vergangenen Jahr. Und auch Rentner haben mehr Geld im Portemonnaie. Das ist eine richtig gute Nachricht. Meine Prognose: 2019 wird politisch und wirtschaftlich ein aufregendes Jahr. Aber die Finanzmärkte werden sich eher etwas entspannen und die konjunkturelle Expansion wird sich weiter fortsetzen.


Marktspiegel: Das hört sich gut an. Aber wird der Brexit all das nicht ins Wanken bringen?

Holger Bahr: Davon lassen wir uns nur begrenzt irritieren. Das wichtigste ist, dass es wirtschaftlichen Wachstum gibt - und der hängt nicht nur vom Export nach Großbritannien ab. Für einige Unternehmen, die ganz besonders auf den Handel mit dem Königreich spezialisiert sind, wird es schwierig. Aber insgesamt können die deutschen Unternehmen weiterhin Geld verdienen. Und die hohe Erwerbstätigkeit ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.


Marktspiegel: Die Burgdorfer brauchen sich wirtschaftlich und finanziell also nicht vor dem Brexit zu fürchten?

Holger Bahr: Wenn es zum harten, ungeordneten Brexit kommen sollte, bin ich froh, auf dieser Seite des Ärmelkanals zu sein. Für die Briten wäre das eine Katastrophe. In Deutschland würde sich das auch bemerkbar machen, aber längst nicht so stark. Es ist einfach so: Aus Sicht von Großbritannien ist die restliche EU als Handelspartner ein echtes Schwergewicht. Für die EU ist Großbritannien hingegen kein so großer Absatzmarkt.

Marktspiegel: Ein anderes Thema, das viele Menschen nach wie vor bewegt, sind die niedrigen Zinsen. Wird sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern?

Holger Bahr: Es wird eine Abkehr von der unnormalen Nullzinswelt stattfinden. Das wird nicht abrupt gehen, sondern Schritt für Schritt. Meine Prognose ist, dass die Zinsen bis 2025 wieder deutlich ansteigen werden. Für zehnjährige Bundesanleihen könnten sie dann wieder bei 2,5 Prozent liegen. Vor der Lehman-Pleite im Jahr 2008 waren es bis zu 4 Prozent; gegenwärtig nur 0,1 Prozent. Für die Wirtschaft stellen steigende Zinsen natürlich eine Belastung dar. Aber wenn es langsam von Statten geht, werden Konjunktur und Kapital das überstehen.

Marktspiegel: Dieses und auch nächstes Jahr bleiben die Zinsen also weiterhin auf einem historischen Tiefstand. Lohnt es sich trotzdem, Geld anzulegen?

Holger Bahr: Wenn man es wirklich an- und nicht nur einfach weglegt, dann ja. Giro- und Tagesgeldkonten sind eine Form der Liquidität und nicht der Geldanlage. Wer dort einen großen Teil seines Geldes deponiert, kann nicht mit Rendite rechnen. Jeder muss ein bisschen was zur Seite legen für den Fall das die Waschmaschine kaputt geht und vielleicht gleichzeitig auch noch der Staubsauger - aber das darf nicht zu viel sein! Echte Geldanlagen brauchen eine langfristige Perspektive.

Marktspiegel: Und das heißt?

Holger Bahr: Am besten funktioniert das mit Aktien. Seine persönliche Altersvorsorge nicht auf Aktien aufzubauen, wäre ein großer Fehler. Wer jetzt einen 30-Euro-Sparplan für seine neugeborene Tochter abschließt, gibt ihr damit die Chance, mit 70 Jahren gut versorgt in Rente zu gehen.


Marktspiegel: Und was antworten Sie Anlegern, die vor den Risiken beim Aktienkauf zurückschrecken?

Holger Bahr: Entscheidend ist nicht, wie sich eine bestimmte Aktie innerhalb eines Jahres entwickelt. Relevant ist vielmehr die langfristige und globale Perspektive. Wer unternehmerisch tätig wird, geht ein Risiko ein. Er kann scheitern und pleite gehen. Wer in globale Aktienfonds investiert, legt sich hingegen nicht auf eine bestimmte Idee fest, sondern muss eigentlich nur darauf vertrauen, dass es immer wieder irgendwelche Daniel Düsentriebs gibt, die neue Produkte erfinden und Unternehmer, die mit eben solchen Ideen Geld verdienen wollen.

Marktspiegel: Und das reicht schon, um auch als Anleger Geld zu verdienen?

Holger Bahr: Wenn ich mein Geld in Aktien anlege, profitiere ich von den unternehmerischen Ideen. In 20 Jahren wird es Produkte geben, von denen wir heute noch nichts gehört haben, die dann aber unbedingt alle haben wollen - so wie jetzt das Smartphone. Im Deutsche Aktien Index (DAX) werden dann vielleicht andere Unternehmen notiert sein als heute. Aber für den Anleger ist das egal. Wer indexorientiert Geld anlegt, investiert automatisch in die besten Unternehmen - egal, welche das gerade sind.

Marktspiegel: Trotzdem sind Aktien nicht jedermanns Sache. Wozu raten sie also?

Holger Bahr: Wer Aktien kauft, muss von da an nicht alle Kurs-Charts verfolgen. Wenn man sich beraten lässt, kann man mit der gleichen Selbstverständlichkeit Aktien kaufen, mit der man etwa einen Bausparvertrag abschließt. Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen für ihre Geldanlage genauso viel Zeit nehmen wir beispielsweise für einen Matratzenkauf, bei dem oft viel recherchiert und verglichen wird.