Himmel auf Erden!? - „O Heiland, reiß die Himmel auf!“

Mit Jesu Geburt erfahren die Menschen, dass sie nicht Übermenschen sein müssen, um Mensch zu sein. Jesus symbolisiert so das Urbild des Mensch-Seins - in seiner ganzen Einmaligkeit. (Foto: Hans-Hermann Schröder)

Grußwort zu Weihnachten von Superintendent Dr. Ralph Charbonnier

„O Heiland, reiß die Himmel auf!“ Dieser Ruf geht mir durch den Sinn, wenn ich von einer nicht enden wollenden Dürre in der Sahelzone höre und alle Hilfsanstrengungen einem Tropfen auf den heißen Stein gleichen. „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ – Die Friedensbemühungen im Heiligen Land zwischen Israeliten und Palästinensern mögen doch endlich ihrem Ziel näher kommen! „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ – Dunkle Wolken, die dem Patienten in der psychotherapeutischen Behandlung die Seele verdunkeln, mögen sich für immer in Luft auflösen! An vielen Orten der Welt – auch in diesen Advents- und Weihnachtstagen – erwartungsvolle Blicke gen Himmel: Gott möge das Blatt wenden!
Was macht Gott? Greift er in das Naturgeschehen, in das politische Weltgeschehen oder in das Seelenleben ein? Oder überlässt er uns uns selbst? Gott wird Mensch! Gott wird Mensch? Das soll die Antwort sein?
„O Heiland, reiß die Himmel auf!“ Den Text dieses Adventsliedes schrieb Friedrich Spee von Langenfeld im Jahre 1622. Was hat er erlebt, dass er laut zu Gott schreit: „herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“ Er hatte philosophische und theologische Bücher studiert, hatte in Klöstern nach den Regeln der Jesuiten gebetet und gearbeitet. Aber er ging auch raus in die raue Wirklichkeit seiner Welt, er wurde anderen ein Mitmensch: Er besuchte Menschen, die der Zauberei oder Hexerei angeklagt waren und in Gefängnissen auf ihr Urteil warteten. Er ließ sich ihre Lebensgeschichten erzählen, er hörte zu, fühlte mit. Eine erzählte ihm: „Im Dorf brach die Pest aus. Und weil eine Schuldige gefunden werden musste, wurde ich als Sünderin bestimmt. Ich wurde ins Gefängnis gebracht. Wenn ich Schuld gestehe, die ich nicht habe, lande ich auf dem Scheiterhaufen. Wenn ich nicht gestehe, werde ich gefoltert werden bis ich gestehe. Wenn ich trotzdem nicht gestehe, ernte ich die Todesstrafe wegen Uneinsichtigkeit aus Sünde.“ Friedrich Spee sagte sich: „Als Mensch fühle ich mit der Angeklagten und sage ihr mein Urteil: Du hast Recht. Was dir geschieht, ist himmelschreiendes Unrecht! Als Mensch denke ich: Mit keiner Aussage kann die Angeklagte diesem Kreislauf des Unrechts entrinnen. Als Mensch klage ich an: Die Ankläger, dass sie wider besseren Wissens eine Unschuldige dem Tod ausliefern; die Richter, weil sie Kopfgeld kassieren und jede Neutralität verloren haben; die Frommen, weil sie sich scheinheilig-naiv damit trösten, Gott würde schon nicht zulassen, dass Unschuldige Schaden nehmen.“ Friedrich Spee ist Mensch und wird dadurch zum Tröster der Angeklagten und zu einem Vorreiter der Menschenrechte.
Gott wird Mensch – als Jesus von Nazareth. Er ist nicht der, der übermächtig jenseits aller Naturgesetze die Wüsten zum Blühen bringt, jenseits aller Politik Frieden schafft, jenseits aller ärztlichen Kunst Menschen von Krankheiten heilt. Er ist auch nicht der, der das Heil allein von technischer Entwicklungshilfe, Friedensplänen und Medizin erwartet – als ob es Gott nicht gäbe. Gott wird in Jesus von Nazareth Mensch und heilt durch sein Dasein, durch sein Fragen, Hinhören, ein rechtes Wort. Jesus von Nazareth bringt Heilung und Heil, indem er die Heilkunst und die Auslegung der jüdischen Schriften lernt und anwendet. Und er hält die Sehnsucht nach der heilen Welt wach, die er nicht bringen kann: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme“.
Wir feiern die Geburt Jesu, weil wir durch ihn erfahren können, dass wir nicht Übermenschen sein müssen, um Mensch zu sein. Wir sind Menschen, wenn wir mit Leib und Seele leben – so einmalig wie sie sind, gesund oder krank. Wir sind Menschen, wenn wir nach bestem Wissen und Gewissen unseren Alltag leben. Wir sind Menschen, wenn wir uns daran freuen, Sehnsucht zu haben. So lassen wir Gott Gott sein und bleiben Mensch.

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles Weihnachtsfest!

Ihr Dr. Ralph Charbonnier, Superintendent im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf