Gott kommt – wie im richtigen Leben…

Grußwort zu Weihnachten von Dr. Ralph Charbonnier

BURGDORF/UETZE. Volkszählung. Kaiser Augustus will wissen, wer in seinem Land lebt. Jeder muss in seine Heimatstadt, um sich dort in Listen einzutragen. Für Maria kommt dieser Aufruf zur Unzeit: Hochschwanger ist sie – und dann von einem Esel über die staubigen Wege tragen lassen, ohne zu wissen, ob rechtzeitig ein guter Ort für die Geburt gefunden werden kann? Es kommt wie es kommen musste: Weil sich viele aufgemacht haben, sind alle Unterkünfte belegt. Wegen einer Schwangeren das eigene Bett frei machen? So wird sich mancher gefragt haben – so weit geht die Nächstenliebe nun auch wieder nicht. Also bleibt für Maria und Josef nur der zugige Stall. Laute Stimmen und ausgelassene Lieder derjenigen, die komfortabel untergekommen sind, dringen durch die Fensteröffnungen in den Raum der zu spät Gekommenen. Aber für Neid und Ärger bleibt kaum Zeit. Denn das freudige Ereignis der Geburt steht bevor. Ein Futtertrog, notdürftig gesäubert und mit frischem Stroh ausgelegt, soll als erstes Bettchen für die nächsten Tage dienen. Die Geburt unter Schmerzen. Ob es kompetente Hilfe gab? Das rustikale Ambiente macht es nicht leichter. Doch dann: Der erste Schrei, das Kind ist da. Große Freude. Sie nennen es Jesus.

Nachdem die Schmerzen der Geburt nachgelassen haben, steigen bei Maria die Erinnerungen an einen Engel auf, der ihr Herz berührt hatte: Der Neugeborene wird Gott repräsentieren: Wer Jesus sieht, hört, herzlich aufnimmt, hat Gott aufgenommen, seine Stimme vernommen, ihn gesehen.
Doch wie im richtigen Leben kann das Heil des einen, Fluch des anderen sein: König Herodes jedenfalls sieht seine politische Macht bedroht: Einer, der sich anschickt, König zu sein und aus ärmlichen Verhältnissen kommt, ist am ehesten geeignet, die Massen der vielen Armen anzuziehen und der eigenen Macht den Boden zu entziehen. Er ersinnt eine List: Die Weisen aus dem Morgenland, die fasziniert sind von dem neuen Heil auf Erden, werden in ihrer religiösen Sehnsucht Jesus finden. Verraten sie ihm den Ort des Geschehens, wird es ihm ein leichtes sein, den vermeintlichen Konkurrenten, der ihn als Mächtigen vom Thron stürzen will, zu eliminieren. Doch ein Traum der drei Weisen lässt diese nicht zu Verrätern werden: Sie finden Jesus, beschenken ihn reichlich, aber sie kehren nicht zu Herodes zurück. So bleibt Jesus unbehelligt. Doch das angekündigte Heil und das Versagen seiner List lässt Herodes noch mehr wüten: Um Jesus sicher zu vernichten, kommt es zu einem beispiellosen Kindermord. Maria und Josef aber ergreifen rechtzeitig mit ihrem kleinen Jesus die Flucht – ein Traum hat sie gerettet. Sie finden in Ägypten Asyl. Die Geschichte Jesu kann weitergehen…

Gott kommt dorthin, wo Menschen ihr Herz öffnen. Etwas Selbstüberwindung gehört für diese schon dazu: Maria erschrickt durchaus als ihr klar wird, wofür sie ausersehen ist. Doch sie lässt sich voll Vertrauen auf Gottes Wege ein: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lukas 1, 38). Selbst die Hirten, meist keine zart besaiteten Männer, fürchten sich sehr. Doch ihre Neugier ist stärker: „Lass uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ (Lukas 2, 15). Und die Weisen folgen ihrer im Traum erfahrenen inneren Stimme, weil ihnen die innere Sehnsucht wichtiger ist als das Versprechen des mächtigen Herodes (Matthäus 2,12).

Gott kommt. Er sucht sich Menschen mit offenen Herzen – oft leben diese ohne viel Wohlstand und Macht, ohne starre Gedankengebäude, die die Herzen immer wieder verschließen lassen. Eine Krippe, ein zugiger Stall, eine bedrohte Zukunft sind Orte des Heils. Gott sucht sich seinen Ort mitten im Leben – dort, wo es gefährdet ist, wo nur Vertrauen hilft.
Ich wünsche Ihnen ein Fest offener Herzen und festen Vertrauens!

Ihr Dr. Ralph Charbonnier
(Superintendent im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf)