Geschichten für die Zukunft

Kinder- und Jugendbuchautorin Nikola Huppertz gibt Lina (von links) und Daria Tipps für ihre Geschichten.
 
Der elfjährige Melbin schreibt konzentriert an seiner Geschichte.

Schreibwerkstatt mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Nikola Huppertz zum Thema "Writing for future"

Burgdorf (fh). Aus den Lautsprechern erklingt leise Instrumentalmusik, ansonsten ist es mucksmäuschenstill - im Untergeschoss der Stadtbücherei sitzen Mädchen und Jungen an Einzeltischen, verteilt zwischen den Bücherregalen und beugen sich konzentriert über ihre Hefte. Seit Juni nehmen etwa zehn Sechstklässler der Rudolf-Bembenneck-Gesamtschule nachmittags in ihrer Freizeit an einer Schreibwerkstatt mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Nikola Huppertz aus Hannover teil.
Das Angebot gehört zu dem bundesweiten Programm „Kultur macht stark“, das vom Bundesministrium für Bildung und Forschung gefördert wird und vor allem sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen kulturelle Bildung und Teilhabe ermöglichen soll. "Wir wollen gerade auch die erreichen, die sonst nicht so viel lesen und nicht so häufig in die Bücherei kommen", erläutert Petra Zink, die sich seit Jahrzehnten für die Leseförderung in Burgdorf einsetzt und jetzt zum zweiten Mal in Folge eine solche Schreibwerkstatt nach Burgdorf geholt hat. Bei der Premiere im ersten Halbjahr 2019 begleitete die Kinderbuchautorin Stephanie Schneider die damaligen Drittklässler der Gudrung-Pausewang-Grundschule.
Und nicht nur Petra Zink war von dem Projekt so begeistert, dass sie gleich noch einmal einen Antrag stellte, diesmal für etwas ältere Schüler. Auch Sharon Josephine hatte damals als Grundschülerin teilgenommen und wollte jetzt unbedingt wieder mit dabei sein. Auch wenn sie nach den Sommerferien gerade erst frisch an die IGS gewechselt ist und als einzige Teilnehmerin der Schreibwerk erst in die fünfte Klasse geht.
Die Zehnjährige ist aber mit viel Elan bei der Sache: "Ich mag Bücher und die Schreibwerkstatt macht viel Spaß", sagt sie. Sie schreibt jetzt eine Geschichte über ein Mädchen, ihrer Zwillingsschwester und einen Jungen, den sie nicht mag. Dabei habe sie sich von dem Buch "Becky und der geheimnisvolle Bonbonkocher" inspirieren lassen, das sie gerade liest.
Mit dem Schreiben müssen sich Sharon Josephine und die anderen Teilnehmer jetzt sputen. Denn schon nächste Woche sollen sie ihre handgeschriebenen Geschichten abgeben. Danach tippt Huppertz sie mit dem Computer ab, korrigiert Rechtschreibfehler und bringt sie in Form. Schließlich sollen sie alle in einem Buch versammelt werden, das Ende November im Mitteldeutschen Verlag erscheint.
In den Herbstferien werden sich die Kinder deshalb zusammen mit einem Illustrator treffen, um ihre Geschichten zu bebildern. "Das Buch wird sogar in Farbe gedruckt", berichtet die elfjährige Daria stolz. Von der Schreibwerkstatt ist sie begeistert. "Das ist was ganz anderes als Schule. Es ist eher wie ein Hobby mit Freunden und ganz viel Spaß", sagt sie und ihre Freundin Lina pflichtet ihr bei. Wie unterscheidet sich das Projekt denn vom Deutschunterricht? "Es gibt hier keine Regeln. Wir dürfen Sätze auch mit 'und' beginnen und können so schreiben, wie wir wollen", ergänzt Lina.
Und anstatt immer nur still im Klassenraum zu sitzen, hätten sie sich schon an ganz unterschiedlichen Orten getroffen. Schreiben könne man schließlich überall. Sogar in einem Döner-Laden hätten sie schon an ihren Geschichten gearbeitet und auch bei Petra Zink im Garten. "Sie hat Pizza für uns gemacht und sie hat einen ganz süßen Hund", schwärmt Daria. Ergänzt wird das Programm durch Ausflüge und Exkursionen.
Die Schreibwerkstatt steht diesmal unter dem Thema "Writing for future", also Schreiben für die Zukunft. "Einerseits ist das angelehnt an die Fridays-for-Future-Bewegung", erläutert Huppertz. Deshalb habe sich die Gruppe mit Umwelt-, Tier- und Klimaschutz beschäftigt und unter anderem den Burgdorfer Unverpackt-Laden besucht. "Wir haben uns aber auch ganz allgemein mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt und zum Beispiel, den Magdalenenfriedhof und die Altstadt besichtigt", ergänzt die Autorin. An diesem Wochenende stehe noch ein Ausflug zum Eisenzeithaus Grafhorn an.
Die elfjährige Mehriban blättert derweil in dem Buch "Klimahelden" von Hanna Schott und Volker Konrad. "Das habe ich durch die Schreibwerkstatt gefunden und finde es richtig interessant", sagt sie. Sonst lese sie in ihrer Freizeit meistens Krimis oder Fantasy-Romane und manchmal auch Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Doch jetzt habe sie das Thema Umweltschutz richtig gepackt und davon handelt auch ihre Geschichte. "Es geht um zwei Mädchen: Anja will die Umwelt retten und Lina macht genau das Gegenteil. Dadurch entsteht Spannung", erklärt sie. Dabei bringt sie vieles ein, was sie in der Schreibwerkstatt über Figurenentwicklung und den Spannungsbogen gelernt hat.
Und wie geht das am Ende aus, wer von den beiden setzt sich durch? "Das verrate ich noch nicht. Das erfährt man erst, wenn man unser Buch kauft", sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Ein endgültiger Schluss soll es eigentlich sowieso nicht werden, wenn es nach ihr geht. "Wenn ich in der siebten Klasse noch mal die Chance habe, an so einer Schreibwerkstatt teilzunehmen, würde ich gern eine Fortsetzung schreiben", sagt Mehriban.