Gedenken an die Familie Cohn

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig Renate Wagner-Redding hat bei der Verlegung der Stolpersteine von Erinnerungen ihrer Mutter und ihrer Großeltern erzählt. (Foto: privat)
 
An der Wallgartenstraße 38 wurden zehn neue Stolpersteine für Mitglieder der Familie von Emil Cohn verlegt. (Foto: privat)

13 neue Stolpersteine erinnern an Flucht, Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus

Burgdorf (r/fh). Auf Initiative des Arbeitskreises Gedenkweg 9. November hat der Künstler Gunter Demnig vergangene Woche 13 neue Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Mitglieder der jüdischen Familie Cohn, die in Burgdorf gelebt haben und während des Nationalsozialismus ermordet wurden oder fliehen mussten. Von Demnig stammt nicht nur die Idee für die Stolpersteine, sondern er fertigt sie auch eigens an. Während er sie in den Gehweg einsetzte haben Schüler des Gymnasiums Burgdorf und der Rudolf-Bembenneck-Gesamtschule an die Schicksale dahinter erinnert. Auch Bürgermeister Armin Pollehn nahm an der Veranstaltung teil.

Stolpersteine an der Gartenstraße 44

An der Gartenstraße 44 erinnert ein Stolperstein an den geistig behinderten Heinz Cohn, der am 27. September 1940 im Alter von zwölf Jahren in der Tötungsanstalt Brandenburg umgebracht wurde. Diese Anstalt war Teil des Programms zur Ermordung von Kranken und Behinderten, das die Nationalsozialisten mit dem Begriff „Euthanasie“ verschleierten und beschönigten. Heinz‘ Mutter Margarethe und die jüngere Schwester Hildegard wurden am 15. Dezember 1941 von Hannover in das Ghetto Riga deportiert, wo beide umgekommen sind.
Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig Renate Wagner-Redding ist mit der Familie verwandtschaftlich verbunden und nahm deshalb an der Stolpersteinverlegung teil. Ihr Großvater lebte in Hannover und war ein Vetter von Margarethes Vater. An den hohen Feiertagen kam er regelmäßig für Familientreffen nach Burgdorf. Da er mit einer Christin verheiratet war, blieb die Familie von der staatlichen Diskriminierung und Verfolgung zunächst weitgehend verschont.
Margarethe musste mit ihrer Tochter Hildegard indes im sogenannten Judenhaus an der Lützowstraße in Hannover leben. Die Nationalsozialisten missbrauchten das einstige Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde als Zwangsunterkunft. Wagner-Redding machte die dortigen Lebensbedingungen anschaulich. Ihre Mutter und Großmutter haben Margarethe und Hildegard Cohn beispielsweise Decken gebracht, damit sie sich in dem völlig überfüllten Haus einen kleinen Bereich abhängen konnten, um wenigstens etwas Privatsphäre zu haben.

Stolpersteine an der Wallgartenstraße 38

An der Wallgartenstraße 38, wurden insgesamt zehn Stolpersteine für die Familie von Emil Cohn verlegt. Schüler erinnerten an seine Tochter Gertrud, die gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 nach Amsterdam emigriert war und dort Adolph de Vries geheiratet hatte. Als die deutschen Truppen in den Niederlanden einmarschierten, konnten sie nicht mehr rechtzeitig fliehen. Zusammen mit ihrer acht Monate alten Tochter wurden sie 1943 in Sobibor ermordet.
Emil Cohn, seine Frau Berta und die vier Söhne, Walter, Heinz, Werner und Rudolf konnten noch im Januar 1941 nach Argentinien fliehen, die zweite Tochter Lotte ging bereits 1939 nach London. Sie haben zwar nicht ihr Leben, aber doch ihre Heimat und ihre wirtschaftliche Existenz verloren und mussten einen schweren und entbehrungsreichen Neuanfang in der Fremde wagen. Heute leben Nachkommen von Emil und Berta Cohn in Argentinien, Kanada, USA, Israel, Spanien, Großbritannien und Kopenhagen.

Gedenken im Ratssaal

Schon am Abend vor der Stolpersteinverlegung hatte der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November bei einer Gedenkveranstaltung im Ratssaal des Schlosses an die Familie von Emil Cohn erinnert. Vor rund 70 Gästen haben Mitglieder des Arbeitskreises Selbstzeugnisse von Emil Cohn aus den Wiedergutmachungsakten und aus Briefen an seine Nichte Selma vorgetragen. Außerdem lasen sie Erinnerungen vor, die ein Jugendfreund von Walter Cohn für den früheren Pastor Rudolf Bembenneck aufgeschrieben hat. Darin wurde deutlich, wie ein etabliertes Gesellschafts- und Geschäftsleben in Burgdorf in Ausgrenzung und Beschränkungen überging, Hab und Gut aufgegeben werden oder in die Flucht investiert werden mussten und wie schließlich ein entbehrungsreicher Neuanfang in Argentinien gelang.
Gleichzeitig nahm die Veranstaltung heutige Fluchtbiografien in den Blick. Bürgermeister Armin Pollehn betonte, dass Deutschland von einem Fluchtland zu einem Zufluchtsland geworden sei. Daraus erwachse die Verantwortung einerseits für das Versagen in der Vergangenheit, anderseits für die in der Gegenwart zu uns Geflüchteten. Parivash Ashadi und Yahyar Alshar berichteten von ihrer Flucht aus Syrien und aus Afghanistan und ihrem Neuanfang in Burgdorf.
Die Sprecherin des Arbeitskreises Gedenkweg 9. November, Judith Rohde, stellte klar, dass es bei dieser Zusammenschau von Geschichte und Gegenwart keinesfalls um eine Relativierung des Holocaust gehe oder um die Gleichsetzung verschiedenster menschlicher Schicksale oder politischer Umstände. Das Verständnis der Geschichte sei aber wichtig, um für die Gegenwart Verantwortung übernehmen zu können.
Daran knüpften Annika Paul vom Arbeitskreis und der stellvertretende Bürgermeister Arne Hinz an und machten am Verhalten der Menschen im Nationalsozialismus deutlich: „Auch wenn wir nichts tun, machen wir etwas!“ Deshalb sei es heute wichtig, die Erinnerung an die Folgen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auch bei jungen Menschen wachzuhalten und gleichzeitig sich in der Gegenwart für Flüchtende und für eine Gesellschaft ohne Antisemitismus, Gewalt, Menschenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Hass und für eine lebendige Demokratie einzusetzen.
Michael Schalamov am Klavier und Matthias Schorr auf der Geige begleiteten die Gedenkveranstaltung mit Stücken von zum Teil wenig bekannten jüdischen Komponisten aber auch einem Tango von Astor Piazzolla.