Für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit Zivilcourage zeigen

Vor einer Gedenktafel für die gefallenen Burgdorfer Söhne von 1914 bis 1918 begrüßte Judith Rohde vom „Gedenkweg 9. November“ die Menschengruppe, die sich vor dem Haupteingang der St. Pankratiuskirche versammelt hatte. Foto: Georg Bosse
 
In einer gedanklichen Rückbesinnung auf den deutschen Schicksalstag 9. November, schlug Alfred Baxmann (re.) einen zeitlichen Bogen von 1848 bis 1989. Foto: Georg Bosse

Der 9. November ist ein symbolträchtiger Tag deutscher Geschichte

BURGDORF (gb). Freud und Leid liegen am 9. November nah beieinander. Kein Tag symbolisiert die wechselhafte und häufig schmerzvolle Geschichte Deutschlands und seiner Menschen im 19. und 20. Jahrhundert wie dieser. Aus Anlass der 80. Wiederkehr der Reichspogromnacht 1938 und der Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren hatte der „Arbeitskreis Gedenkweg 9. November“ gemeinsam mit der Stadt Burgdorf eingeladen, sich am vergangenen Freitagabend vor dem Haupteingang der St. Pankratius-Kirche zu versammeln. 
Wer von den gut 100 Anwesenden seinen Blick über das Portal des Gotteshauses richtete, konnte dort in Stein gemeißelt lesen: „Unseren gefallenen Söhne 1914 – 1918“. Die Namen dieser Söhne aus Burgdorf und Beinhorn, aus Hülptingsen, Heeßel und Sorgensen sind auf Gedenktafeln rechts und links der Tür nachzulesen. „Die Tafeln wurden erst 1930 an der Kirche angebracht. Die Burgdorfer „mosaischer Religion“ stehen hier in einer Reihe mit ihren christlichen Kameraden“, erklärte Dr. Judith Rohde vom „Gedenkweg 9. November“.
Bürgermeister Alfred Baxmann begann seine Ansprache mit dem Hinweis auf jüngste Untersuchungsergebnisse, dass in Deutschland die Ausländerfeindlichkeit deutlich angestiegen sei und der Antisemitismus weiterhin auf hohem Niveau stagniert. Seine Interpretation des deutschen Schicksalstags 9. November führte die Zuhörer zurück ins Jahr 1848, als der republikanische Parlamentsabgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung, Robert Blum, nach der Niederschlagung des Oktoberaufstandes in Wien standrechtlich hingerichtet wurde. Es war eine Kampfansage reaktionär-restaurativer Kräfte an das erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament. 1914 marschierte das wilhelminische Reich mit „Hurra“ vom kolonial-imperialistisch geforderten „Platz in der Sonne“ in den Ersten Weltkrieg. 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die erste deutsche Republik aus. Der Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle wurde 1923 zum gescheiterten Putschversuch der NSDAP unter Adolf Hitler und General Erich Ludendorff. Nur 15 Jahre später - 1938 - brannten die Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht Synagogen nieder. Sie verschleppten und ermordeten tausende Juden in Konzentrationslagern.
Die friedliche Revolution 1989 beendete mit der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November die zweite Diktatur (DDR) auf deutschem Boden. Die ost- und mitteldeutschen Länder traten der vorläufigen Verfassung, dem Grundgesetz, der Bundesrepublik bei. „Es war wohl damals ein Fehler, keine neue Verfassung zur Volksabstimmung vorzulegen“, sagte Baxmann und appellierte an die Umstehenden, bei der Verteidigung von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit Zivilcourage zu zeigen.
Nach dem Verlesen von Passagen aus Weltkriegsfeldpost (1914/18) deutsch-jüdischer Patrioten aus Burgdorf sowie aus Briefen ihrer Angehörigen in die Schützengräben, wurde die draußen ausharrende Gruppe zu einem Vortrag des aus Detmold angereisten Dozenten und Religionspädagogen Dr. Oliver Arnhold in die St. Pankratiuskirche gebeten. Sein Thema, "Christlicher Antisemitismus am Beispiel des Eisenacher „Entjudungsinstituts“ 1939-45“, gehört zur dunklen, fast vergessenen protestantischen Kirchengeschichte in Thüringen und Deutschland.