"Fragt endlich die Bauern"

Zwischen 7.30 und 10 Uhr trafen etwa 480 Trecker beim Treffpunkt in Heeßel ein.
 
Andi Meyer aus Otze (von links) und Martin Schwierzke aus Arpke haben an der Protestfahrt von Heeßel aus zur Kundgebung in Hannover teilgenommen.

Viele Landwirte aus dem Altkreis fahren mit ihren Traktoren in kilometerlangen Kolonnen zur Kundgebung in Hannover

ALTKREIS (fh). "Die Politik soll uns endlich wieder zuhören und auf die Bauern Rücksicht nehmen", fordert Landwirt Martin Schwierzke aus Arpke. Deshalb ist der 26-Jährige am Dienstag mit seinem Traktor zum Treffpunkt im Burgdorfer Ortsteil Heeßel gekommen, um sich an dem Protest der Initiative "Land schafft Verbindung" zu beteiligen. Insgesamt machten sich von dort aus gegen 10.15 Uhr rund 480 Trecker auf den Weg nach Hannover. An vielen Fahrzeugen waren große Plakate befestigt: "Wir sind noch da. Bitte hört uns zu", "Agrarpaket? Wir wollen mitreden" und "Lieber Verbraucher! Wir lieben Lebensmittel. Du auch?" war dort beispielsweise zu lesen.
Bei der zentralen Kundgebung am Maschsee demonstrierten die Bauern gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung wie die Verschärfung der Düngeverordnung und das geplante Verbot des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Ein weiterer zentraler Kritikpunkt war das Handelsabkommen mit den Ländern Südamerikas, das die Landwirtschaft in Deutschland durch Billigimporte von Lebensmitteln aus dem Ausland zusätzlich unter Druck setze, heißt es vonseiten der Veranstalter.
Aus Sicht von Landwirt Marlo Engelke aus Engensen war dieser Protest überfällig. "Wir wollen jetzt endlich für unsere Rechte eintreten. Das hat schon viel zu lange auf sich warten lassen", sagt der Lohnunternehmer, der nicht nur selbst anbaut, sondern vor allem auch Dienstleistungen wie Säen, Düngen und Ernten für andere Höfe anbietet. Die aktuellen politischen Entscheidungen schaden aus seiner Sicht den Landwirten. "So sind wir gegenüber anderen EU-Ländern bald überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig", warnt er.
Die Kundgebung in Hannover war das Ziel einer Sternfahrt: Insgesamt trafen dort rund 2000 Traktoren aus allen Himmelsrichtungen ein - etwa doppelt so viele, wie Veranstalter und Polizei ursprünglich erwartet hatten. Allein am Treffpunkt in Heeßel versammelten sich nicht nur Teilnehmer aus Burgdorf und Uetze sowie aus den nahe gelegenen Ortsteilen von Lehrte und Burgwedel, sondern auch aus Celle, Gifhorn und Salzgitter. Gemeinsam fuhren sie über Lehrte und Sehnde in Richtung Hannover. Am Treffpunkt an der Biogasanlage in Köthenwald schlossen sich ihnen noch weitere 300 Trecker mit Teilnehmern aus Lehrte, Sehnde, Peine, Wolfenbüttel und Braunschweig an.
Auch einige Landwirte aus Engensen und Thönse waren nach Heeßel gekommen; die meisten Teilnehmer aus Burgwedel und Isernhagen nutzten hingegen den Treffpunkt in Bissendorf, von wo aus sich insgesamt rund 270 Traktoren auf den Weg nach Hannover machten. Die kilometerlangen Fahrzeugkolonnen führten überall im Umland bereits bei der Anfahrt auf den Bundes- und Landstraßen, vor allem aber in Hannover selbst zu erheblichen Verkehrsbehinderungen, die nach Angaben der Polizei aber im erwarteten Rahmen blieben. "Hierzu trug das durchweg disziplinierte Verhalten der Versammlungsteilnehmer bei", heißt es in einer Pressemitteilung der Polizeidirektion Hannover. Außerdem hätten viele Verkehrsteilnehmer die Hinweise auf die Versammlung beherzigt. "Wir machen diese Aktion nicht, um die Menschen zu ärgern, aber wir wollen endlich gesehen und gehört werden", betonte Andi Meyer aus Otze.
Der 28-jährige hat eine landwirtschaftliche Ausbildung in zwei Betrieben absolviert und dann Argarwissenschaften in Göttingen studiert. Jetzt ist er wieder zurück in Otze und bewirtschaftet den elterlichen Hof zusammen mit seinem Vater Cord Meyer. Was ihn am meisten ärgert? "Das Image der Landwirte wird immer schlechter. In der Debatte um Klima- und Umweltschutz sind wir der Buhmann", sagt er und fügt hinzu: "Das wollen wir nicht länger hinnehmen." Auch deshalb hat er die Protestfahrt nach Hannover mitorganisiert.
Der Ruf ihres Berufsstandes treibt viele Bauern um, die sich am Dienstagmorgen in Heeßel versammelt haben. Sie wollen sich aber auch gegen konkrete politische Entscheidungen wehren. Vor allem die Düngeverodnung ist vielen Teilnehmern ein Dorn im Auge. "2017 gab es schon einmal eine Verschärfung. Wir sollten jetzt erst einmal die Folgen abwarten, bevor jetzt schon wieder noch strengere Vorgaben festgelegt werden", fordert beispielsweise Martin Schwierzke. Der Werdegang des 26-jährigen Arpkers ähnelt dem von Meyer. Auch er hat nach seiner Lehre Agrarwissenschaften studiert und will den elterlichen Hof in einigen Jahren übernehmen. Die Familie baut vor allem Kartoffeln, Zuckerrüben und Getreide an. "Die neuen Düngeregeln sind eine Existenzbedrohung für uns. Die Pflanzen wäreb dann nicht mehr ausreichend ernährt. Das schadet langfristig auch dem Boden und ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit", kritisiert er. Zum Hintergrund: Weite Teile der Region Hannover gehören zu den sogenannten roten Gebieten mit besonders hohen Nitratkonzentrationen im Grundwasser; für sie gelten besonders strikte Vorschriften.
Am Treffpunkt in Heeßel haben sich Landwirte aller Altersstufen eingefunden. Die Initiative ging aber vor allem von der jungen Generation aus. Denn den Protest hat nicht der Bauernverband oder das Landvolk organisiert, sondern er ist aus der Gruppe „Land schafft Verbindung“ hervorgegangen, die sich Anfang Oktober in dem sozialen Netzwerk Facebook gebildet hatte. Das war eine spontane Reaktion auf das Agrarpaket, das die Bundesregierung angekündigt hatte. "Innerhalb von wenigen Stunden explodierte die Gruppe auf mehrere tausend Menschen. Zum heutigen Zeitpunkt sind nun etwa 15.000 Menschen bei Facebook und circa 100.000 bei WhatsApp", heißt es auf der Internetseite der Gruppe.