Flucht eines Kriegsverbrechers

Gerd Bohne hat sein zweites Buch "Kapplers Hut" veröffentlicht.
 
Gerd Bohne hat sein zweites Buch "Kapplers Hut" veröffentlicht.

In seinem neuen Buch schreibt Gerd Bohne über den SS-Offizier Herbert Kappler

Burgdorf (fh). Unter dem Titel „Kapplers Hut“ hat der Burgdorfer Autor Gerd Bohne kürzlich sein zweites Buch um den Hob­by-Historiker Hermann Weber und dessen Geliebte Rosa Cigara veröffentlicht. Während der erste Band „Die Brosche“ wie ein klassischer Krimi mit einem Leichenfund begann, widmet sich Bohne diesmal gleich zu Beginn in dokumentarischer Genauigkeit einem spektakulären Ereignis aus dem Jahr 1977. Die Schilderung wirft ein Schlaglicht auf die Konflikte der deutschen Nachkriegsgesellschaft und die Netzwerke der Alt- und Neonazis. „Ich hatte das Gefühl, dass ich das dem Historiker in mir schuldig war. Rund 100 Seiten habe ich das auch durchgehalten, danach ist aber wieder der Krimi-Autor mit mir durchgegangen“, sagt Bohne.
Im Prolog beschreibt er ein reales Massaker aus dem Jahr 1944, bei dem die Nazis in den Ardeatinischen Höhlen im Süden Roms 335 italienische Zivilisten ermordeten. Befehlshaber war der hochrangige SS-Offizier Herbert Kappler. Nach dem Krieg wird er 1948 von einem italienischen Militärgericht verurteilt und in der Festung Gaeta inhaftiert.
Dann springt die Handlung rund 30 Jahre weiter: Weil bei Kappler Magen- und Darmkrebs diagnostiziert wird, verlegen die Italiener ihn in ein schlechter bewachtes Militärkrankenhaus. Diese Gelegenheit nutzt seine Frau und befreit ihn im August 1977 mit Unterstützung rechtsextremer Gruppierungen aus seinem Krankenzimmer.
Die Flucht gelingt und damit rückt der Ort des Geschehens geographisch näher und verlagert sich nach Soltau, die Heimatstadt von Kapplers Frau. Eine Auslieferung von Staatsbürgern lehnt die Bundesregierung ab. Und so lebt das Paar in den Monaten bis zum Tod des Kriegsverbrechers im Februar 1978 juristisch unbehelligt in der niedersächsischen Kleinstadt und erhält massiven Polizeischutz, weil die Behörden Anschläge befürchten.
All das hat Bohne akribisch in alten Zeitungsberichten, dem Archiv der niedersächsischen Polizei und weiteren Aktenbeständen recherchiert. „Ich interessiere mich schon seit langem für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und gehe seit vielen Jahren auf historische Spurensuche“, sagt Bohne. In eben dieser Rolle tritt der Autor auch selbst in dem Buch auf: Sein Alter Ego ist der Hobby-Historiker Hermann Weber, der wieder unerwartete Verstrickungen aufdeckt.
Auch Bohne selbst ist bei seiner Recherche auf ein Detail gestoßen, das ihn besonders elektrisierte. Im Oktober 1977 sei Kappler mit seiner Frau nach Burg­dorf gefahren, wo am Föhrenkamp ein ehemaliger Gestapo-Beamter aus seiner Einheit in Rom Geburtstag feierte. „Diese Entdeckung war für mich eigentlich der Ausgangspunkt und da habe ich dann teils auf Grundlage historischer Daten teils mit viel Phantasie einen Plot drumherum gestrickt“, beschreibt Bohne seine Herangehensweise.
Dem Zusammentreffen der Alt-Nazis in Burgdorf gibt er in seinem Buch entsprechend viel Raum. Gewissermaßen laufen dort die unterschiedlichen Handlungsstränge zusammen. In den folgenden Kapiteln stehen neben Kappler zwei weitere Teilnehmer der Geburtstagsfeier im Mittelpunkt. Einer von ihnen ist der Kriegsverbrecher Fritz Meyer, der seine Familie 1945 verlassen und eine neue Identität angenommen hat, um seine Haut zu retten. Seine Tochter Edda spielt im weiteren Verlauf der Handlung eine zentrale Rolle, weil sie als Erwachsene nach Spuren ihres Vaters sucht.
Die Familie Meyer habe ein reales Vorbild, wenn auch mit anderem Namen. „Tatsächlich hat die Tochter dieses Mannes während meiner Recherche Kontakt zu mir aufgenommen“, sagt Bohne. Sie hatte bis dahin geglaubt, dass ihr Vater in den letzten Kriegsmonaten oder in Kriegsgefangenschaft gestorben sei – doch Bohne hat nach eigenem Bekunden Hinweise darauf gefunden, dass er den Krieg überlebt und einen neuen Namen angenommen habe.
Das Buch „Kapplers Hut“ ist als „Book on Demand“ im Buchhandel erhältlich. Es erscheint also nicht in fester Auflage, sondern wird auf Bestellung gedruckt. Auch das erste Buch „Die Brosche“ ist weiterhin als Taschenbuch und E-Book erhältlich. Außerdem soll es demnächst als Hörbuch erscheinen. Mit dem zweiten Band ist die Geschichte übrigens noch nicht abgeschlossen. Gerd Bohne schreibt bereits an der Fortsetzung, die kurz vor dem Abschluss steht.