"Erinnerung - auch ohne Gedenkweg"

Berta Cohn zusammen mit ihren Kindern Walter (von links), Gertud, Lotte und Heinz um 1918. (Foto: Archiv)
 
Gertrud Cohn um 1935 in Amsterdam. (Foto: Archiv)
 
Auf einer Karte des niederländischen Roten Kreuzes sendete Gertrud Cohn aus dem Lager Vlught einen verzweifelten Hilferuf an ihre Eltern mit der dringenden Bitte um ein Visum. (Foto: Archiv)

Veranstaltung am 9. November fällt aus / Arbeitskreis beschäftigt sich mit dem Schicksal von Gertrud de Vries

Burgdorf (fh). Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird es in Burg­dorf am 9. November keine öffentliche Veranstaltung zum Gedenken an die Reichsprogromnacht geben. „Aber auch wenn das wegen der Corona-Epidemie diesmal nicht möglich ist, sollten wir uns an diesem Tag in besonderer Weise an die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus erinnern“, appelliert Judith Rohde, die Sprecherin des Arbeitskreises „Gedenkweg 9. November“.
Eigentlich war für diesen Tag wieder eine Zusammenkunft auf dem jüdischen Friedhof an der Uetzer Straße geplant gewesen. Dort wollte Simone Weber, die den Arbeitskreis seit langem unterstützt, in einem Impulsvortrag an die kleine Rita Ilse de Vries erinnern. Das jüdische Mädchen war erst neun Monate alt, als sie zusammen mit ihren Eltern Adolph und Gertrud de Vries (geb. Cohn) im Vernichtungslager Sobibor in Polen umgebracht wurde. Ihre Mutter Gertrud stammte aus Burgdorf und war 1933 vor den Nationalsozialisten in die Niederlande geflohen. Als dort 1940 deutsche Truppen einmarschierten, konnte sie mit ihrer kleinen Familie nicht mehr entkommen.
Dieses Schicksal hatte Simone Weber aus einem ganz persönlichen Bedürfnis ausgewählt: Denn ihre eigene Tochter sei gerade etwas über neun Monate alt. „Sie ist ein aufgewecktes, putzmunteres kleines Mädchen, das die Welt jeden Tag ein wenig mehr kennenlernt“, schreibt sie in ihrem Redemanuskript, und weiter: „Rita Ilse de Vries durfte, da bin ich mir leider sehr sicher, in ihrem kurzen Leben nicht so viel Spaß haben, wie unsere Tochter ihn hat. Sie wusste wohl sehr genau, was Hunger und Durst sind.“ Und obwohl auch sie von ihren Eltern sehr geliebt wurde, konnten sie sie nicht beschützen.
Die Mitglieder des Arbeitskreises haben sich aber auch aus einem anderen Grund in jüngerer Zeit noch einmal intensiv mit der Biographie von Gertrud de Vries beschäftigt. Denn nächstes Jahr soll für die junge Mutter und ihre kleine Tochter ein Stolperstein verlegt werden. „Für diese persönliche Würdigung wollen wir möglichst viel über die Menschen und ihren familiären Kontext wissen“, betont Rohde. Auch zu noch lebenden Familienangehörigen von Gertrud de Vries in Argentinien, Kanada und Israel habe sie bereits Kontakt aufgenommen. Sie hoffe, dass es die Entwicklung der Corona-Epidemie es zulasse, dass sie 2021 zu der Verlegung des Stolpersteins anreisen können.
In Burgdorfer gibt es bisher 22 Stolpersteine – nächstes Jahr sollen insgesamt acht weitere hinzukommen und in einigem zeitlichen Abstand in einem weiteren Schritt dann noch einmal acht. Die kleinen quadratischen Tafeln aus Messing erinnern an das Schicksal jüdischer Bürger, die während des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Sie sind meist vor ihren einstigen Wohnhäusern in den Boden eingelassen. Auch beim Gedenkweg am 9. November besuchen die Teilnehmer regelmäßig einige davon und die Mitglieder des Arbeitskreises geben in kurzen Ansprachen einen Einblick in die Biographie der Jüdinnen und Juden, denen sie gewidmet sind. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Seitdem hat er rund 75.000 der kleinen Messing-Tafeln in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern verlegt.

Exil in den Niederlanden

Gertrud wurde am 26. Februar 1913 als Tochter von Schlachtermeister Emil Cohn und seiner Frau Berta in Burgdorf geboren. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, emigrierte sie schon 1933 nach Amsterdam und arbeitete dort als Haushaltshilfe. Sie blieb, obwohl die Situation für die jüdischen Einwanderer in den Niederlanden bereits ab 1935 immer schwieriger wurde und sich massiv verschärfte, als 1940 deutsche Truppen einmarschierten. Ihre Schwester Lotte, die ein Jahr bei ihr verbracht hatte, bevor sie selbst 1937 nach England floh, erzählte später, dass Gertrud sehr gern in Amsterdam gelebt und sich vermutlich deshalb nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht habe.
Gertrud heiratete am 3. Dezember 1941 Adolph de Vries. Die gemeinsame Tochter Rita Ilse kam am 11. Oktober 1942 zur Welt. Die kleine Familie lebte zuletzt unter beengten Verhältnissen und Adolph musste sich als Lumpensortierer verdingen.
Es sind zwei Briefe erhalten, die Gertrud aus Amsterdam an ihre Eltern Emil und Berta schrieb, die mit ihren vier Söhnen im Januar 1941 nach Argentinien hatten emigrieren können. Im Brief vom 7. Oktober 1942 freute sich Gertrud auf die baldige Geburt ihres Kindes und im zweiten Brief einen Monat später berichtete sie von Rita Ilses glücklicher Geburt. Sie habe lange schwarze Haare, in die die Schwestern im Krankenhaus schon ein rosa Schleifchen gebunden hätten.
Im Vordergrund steht in beiden Briefen die Sorge über die politische Situation und die dringende Bitte an ihre Eltern, ein Visum für die Ausreise nach Argentinien zu besorgen. Doch dazu kam es nicht mehr: Am 1. April 1943 wurden Getrud, Adolph und Rita Ilse de Vries im Konzentrationslager Vught interniert. Im Juli wurden sie nach Westerbork und von da aus weiter nach Sobibor deportiert. Am Tag ihrer Ankunft dort, am 23. Juli 1943, wurden alle drei ermordet.

Hürden bei der Flucht

Die Antwortbriefe der Eltern Emil und Berta liegen nicht vor, sodass sich nur erahnen lässt, warum sie ihre Tochter nicht retten und ihr nicht rechtzeitig ein Visum verschaffen konnten. Zum einen sei die Post zwischen Argentinien und den Niederlanden viele Monate auf dem Weg gewesen, erläutert Judith Rohde. Das gehe aus den beiden erhaltenen Briefen von Gertrud hervor. Und davon zeugt auch eine Karte des niederländischen Roten Kreuzes mit einem verzweifelten Hilferuf, den sie am 18. Mai 1943 aus dem Lager Vught an ihre Eltern schickte. Der letzte Poststempel darauf stammt vom 5. April 1944 - da war die kleine Familie bereits fast ein Jahr tot.
Außerdem sei es sehr schwierig gewesen, überhaupt eine Einreiseerlaubnis zu erhalten, weil die Flüchtlingspolitik vieler potenzieller Aufnahmeländer sehr restriktiv gewesen sei. "Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt hatte bei der Konferenz von Évian zwar Flüchtlingskontingente gefordert, doch die Starten wurden sich nicht einig", beschreibt Rohde. In Folge der Weltwirtschaftskrise sei die Lage in vielen Ländern angespannt gewesen. Viele Regierungen hätten gefürchtet, dass die Flüchtlinge aus Deutschland und den besetzten Ländern, die zumeist mittellos im Exil ankamen, eine zusätzliche Last für die Staatskasse wären oder aber dass dadurch Arbeitsplätze für die heimische Bevölkerung verloren gingen. "Letztlich bangten die Politiker um Wählerstimmen", fasst Rohde zusammen und fügt nachdenklich hinzu: "Es ist in erschreckender Weise ein Spiegelbild des heutigen Ringens um Flüchtlingskontingente in Europa."