Einsatz für die Erinnerung

Judith Rohde erhält den Blickwechsel-Preis 2019 für langjähriges und innovatives Engagement im christlich-jüdischen Dialog. (Foto: Stefan Heinze)
 
Das Symbol des Blickwechselpreises: ein künstlerisch gestalteter Granatapfel – ein Symbol dafür, wie eine Frucht viele neue Früchte hervorbringen kann. (Foto: Stefan Heinze)

Judith Rohde erhält den Blickwechselpreis des Vereins "Begegnung – Christen und Juden Niedersachsen"

BURGDORF (fh). Der Verein "Begegnung – Christen und Juden Niedersachsen" zeichnet Judith Rohde mit dem Blickwechselpreis aus. Damit würdigt er vor allem ihr vielseitiges Engagement im Burgdorfer Arbeitskreis Gedenkweg 9. November. Seit 2010 ist sie Sprecherin dieser Gruppe, aber ihr Einsatz für den christlich-jüdischen Dialog und für die Erinnerung an den Holocaust reicht noch viel weiter zurück. Und das hängt nicht zuletzt auch mit ihrem Vornamen zusammen - Judith. "Er kommt aus dem Hebräischen und heißt übersetzt Frau aus Judäa oder jüdische Frau", erläutert Rohde.
Etwa 40 Jahre sei es jetzt her, dass ein Lehrer sie darauf aufmerksam gemacht habe. "Er hat mir vor Augen geführt, dass das als Taufname für ein christliches Kind im Deutschland der Nachkriegszeit nicht ganz unproblematisch ist", so die 53-Jährige. Denn darin schwinge auch die lange Geschichte der christlichen Judenfeindlichkeit mit und die Zwangstaufen von Juden. "Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, was ich da mit mir herumtrage", sagt Rohde. Das habe mit dazu beigetragen, dass sie sich schon seit ihrer Jugend mit dem besonderen Verhältnis von Christen und Juden, von Deutschland und Israel auseinandersetze.
Und dieses Thema hat sie in all den Jahren nicht mehr losgelassen, auch weil es immer wieder neue Berührungspunkte gab. Schon als Jugendliche habe sie über ihren Sportverein in ihrem Heimatdorf im Schwarzwald an einem Israel-Austausch teilgenommen und eine junge israelische Leichtathletin zu Gast gehabt. "Weil wir damals beide noch nicht so sattelfest in der englischen Sprache waren, haben wir uns gegenseitig ein paar Brocken Deutsch und Hebräisch beigebracht", erinnert sie sich.
Das habe sie dann während ihres Studiums an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover wieder aufgegriffen: Zusammen mit dem Pfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde initiierte sie den Arbeitskreis "Jüdisches Leben – christliches Leben". Diese Gruppe habe sich mit theologischen Themen wie beispielsweise den jüdischen Festen ebenso beschäftigt wie mit der Erinnerungskultur. "Wir haben engen Kontakt zu jüdischen Kommilitonen gepflegt, denn die Tierärztliche Hochschule in Hannover war damals Ausbildungsstätte für Studenten aus Israel", so Rohde. Einer von ihnen habe ihnen auch Hebräisch beigebracht: "Das ist lange her und heute sind meine Kenntnisse eher wackelig. Aber es reicht, um beim Lesen einiges zu verstehen, zumindest mit Hilfe eines Wörterbuchs."
Nach ihrem Studium arbeitete Rohde zunächst in Freiburg, bevor sie im Jahr 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Tierärztliche Hochschule Hannover zurückkehrte und mit ihrer Familie nach Burgdorf zog. Seit 2008 vertritt sie nun die evangelische Martin-Luther-Gemeinde Ehlershausen in dem Arbeitskreis 9. November. "Unsere Pastorin Susanne Paul hat mich damals darauf angesprochen. Für mich war das ein Glücksfall. So bin ich wieder zu dem Arbeitsfeld gekommen, das mir am Herzen liegt und in dem ich mich ehrenamtlich mit viel Freude engagiere", sagt Rohde.
Der Arbeitskreis ist ein gemeinsames Projekt von der katholischen St.-Nikolaus-Gemeinde, drei evangelischen Gemeinden und dem Kulturverein Scena. Er wurde 1988 anlässlich des 50. Jahrestags der Reichspogromnacht gegründet und geht auf die Initiative des früheren Burgdorfer Pastors Rudolf Bembenneck und der damaligen Kirchenvorsteherin der St.-Paulus-Gemeinde, Gertrud Mrowka, zurück. Ziel ist es, die Erinnerung an die jüdische Gemeinde Burgdorfs wachzuhalten und Kenntnisse über das historische und heutige Judentum zu vermitteln.
"Auch wenn ich als Person mit dem Blickwechsel-Preis ausgezeichnet werde, ist das eine Anerkennung für den ganzen Arbeitskreis und seine jahrzehntelangen Bemühungen", betont Rohde. 2010 hat sie den Vorsitz der Gruppe übernommen und seitdem viele Ausstellungen mitgestaltet und Vorträge gehalten. Kürzlich hat Rohde in dem Buch "Das ist das Ende!" Rechercheergebnissen des verstorbenen Pastors Rudolf Bembenneck veröffentlicht. Es gibt Einblicke in die Geschichte der jüdischen Gemeinde Burgdorf und zeichnet die Biographien und Schicksale von jüdischen Mitbürgern in Burgdorf während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nach.
Und die nächsten Projekte sind schon in Planung: Im Herbst soll es beispielsweise eine Vortragsreihe geben. Und langfristig will der Arbeitskreis die Jugendarbeit intensivieren. "Zusammen mit der Rudolf-Bembenneck-Gesamtschule aber auch mit anderen Burgdorfer Schulen", betont Rohde. Es sei wichtig, junge Menschen wieder verstärkt an das Thema heranzuführen und den Faden der Erinnerungsarbeit nicht abreißen zu lassen. Dabei seien Schülerarbeiten im Fach Geschichte ebenso denkbar wie Patenschaften für Stolpersteine. "Auch über neue Konzepte wollen wir nachdenken, beispielsweise eine App für Smartphones, die zu den Stolpersteinen und anderen Erinnerungsorten in Burgdorf führt", erläutert Rohde.
Der Verein "Begegnung – Christen und Juden Niedersachsen" wird Judith Rohde den Blickwechselpreis bei seinem Sommerfest verleihen. Es beginnt am kommenden Sonntag, 18. November, um 15 Uhr in der St.-Petri-Gemeinde in Hannover-Kleefeld. „Damit würdigen wir ihren dauerhaften, vielfältigen und nachhaltigen Einsatz im christlich-jüdischen Gespräch“, begründet die Vereinsvorsitzende Karin Haufler-Musiol. Die Laudatio hält Landessuperintendentin Petra Bahr und mit der Auszeichnung wird Rohde ein künstlerisch gestalteter Granatapfel überreicht. "Ein Symbol dafür, wie eine Frucht viele neue Früchte hervorbringen kann", heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins.