Eine Kirche für den Stadtteil

Der Vorsitzende der Paulus-Stiftung Stefan Zorn (von links) und Pastor Matthias Paul freuen sich auf das Jubiläumsjahr mit fünf Konzerten für fünf Jahrzehnte.
 
Kurz vor der Einweihung 1973 sieht es hinter der St. Paulus-Kirche noch nach Baustelle aus. (Foto: privat)

Die St. Paulus-Gemeinde feiert ihren 50. Geburtstag / Sie bietet Gottesdienste, Hausaufgabenhilfe und Kinderbetreuung an

BURGDORF (fh). Die St. Paulus-Gemeinde hat zwar nicht mehr so viele Mitglieder wie bei ihrer Gründung am 1. Januar 1969 und erst recht nicht so viele wie in der optimistischen Anfangsphase prognostiziert, aber zu ihrem 50. Geburtstag sieht Pastor Matthias Paul sie trotzdem auf einem guten Weg. „Die Zeiten, in denen es jedes Jahr rund 100 Gemeindemitglieder weniger wurden, sind vorbei. Jetzt sind die Zahlen wieder stabil“, sagt er. Aus Sicht von Stefan Zorn, dem Vorsitzenden der gemeindenahen Paulus-Stiftung, liegt das nicht nur an den Neubaugebieten und glücklicher Fügung, sondern vor allem auch an dem vielfältigen Engagement und der praktischen Arbeit der Gemeinde.
Als er 2001 von Bayern aus nach Burgdorf gezogen war, sei ihm das schnell aufgefallen, obwohl ihn der wenig sakral anmutende Kirchbau zunächst irritiert habe. „Das Kirchenzentrum war hier in der Südstadt die erste Adresse für alles im sozialen Bereich. Ein Fels in der Brandung in einer unruhigen Zeit“, schildert er seinen Eindruck. Damals seien gerade die letzten Spätaussiedler gekommen und die ersten Migranten. „Viele prophezeiten den Untergang des Abendlandes. Und der würde sich natürlich zuerst in der Burgdorfer Südstadt bemerkbar machen“, sagt Zorn in ironischem Unterton, wird dann aber schnell wieder ernst: „Mitten in dieser Gemengelage hat die Paulus-Gemeinde gezeigt, dass es geht – dass man zusammenleben kann.“

Neuer Aufbruch in der Gemeinde

Ohne es zu wissen war er damals in eine Zeit des Neuaufbruchs hineingeraten. 1997 hatte Pastor Paul als Berufsanfänger seine Stelle angetreten. Zusammen mit der damaligen Kirchenvorsteherin Gertrud Mrowka und weiteren haupt- und ehrenamtlichen Unterstützern versuchte er, die Gemeinde, die zusehends an Bedeutung für die Stadtteilbewohner verloren hatte, wieder aus der Krise zu führen. Und das mit ganz handfesten, praktischen Projekten: mit Sprachkursen beispielsweise, Hausaufgabenhilfe für die Kinder und der Lebensmittelausgabe der Burgdorfer Tafel; 2008 ist dann die Kinderbetreuung in der Krippe hinzugekommen.
So ganz neu war all das gar nicht. Auch zur Zeit der Gemeindegründung vor 50 Jahren habe es in der Südstadt einen großen Bedarf an Sozialarbeit gegeben. Denn in der Umgebung befanden sogenannte Schlichtwohnungen, einfache Baracken für Menschen ohne Geld und Ausbildung, denen sonst die Obdachlosigkeit gedroht hätte. „Schon damals hat die St. Paulus-Gemeinde ganz praktische Unterstützung angeboten“, so Paul.
Überhaupt sei der Gemeinde der Geist des gesellschaftlichen Aufbruchs in die Wiege gelegt gewesen. Als sie 1969 unter Federführung des damaligen Pastors Justus Oldecop gegründet wurde, dachte in der Landeskirche noch niemand daran, Pfarrbezirke zusammenzulegen; stattdessen wurden große Gemeinden geteilt. „Jeder sollte in ein paar hundert Metern fußläufig eine Kirche erreichen können“, beschreibt Paul das damalige Ideal.

Ein moderner Kirchbau

Und in der Südstadt hatte ohnehin niemand Zweifel daran, dass es einer eigenen Kirche bedurfte. Trotz aller sozialen Probleme war sie damals Burgdorfs aufstrebender Stadtteil. „Es war eine Erweiterung bis zur Mülldeponie geplant. Unsere Kirche sollte nicht am Stadtrand liegen, sondern im Zentrum des neu entstehenden Siedlungsgebiets“, erklärt Paul. Die Gründergeneration ging davon aus, dass aus den anfangs 6000 Mitgliedern bis zu 12.000 werden würden. Dazu ist es freilich nie gekommen, unter anderem weil mit der Gebietsreform 1974 die Ortschaften eingegliedert wurden und die Südstadt Konkurrenz im Westen Burgdorfs bekam. Heute hat die St. Paulus-Gemeinde etwa 3.250 Mitglieder.
In den ersten Jahren wurden die Gottesdienste noch in der Aula der benachbarten Grundschule gefeiert, doch schon 1973 konnte der Kirchneubau des Architekten Paul Friedrich Posenenske eingeweiht werden. Ganz im Zeichen des gesellschaftlichen Aufbruchs kam er mit viel Beton und Glas, dafür aber ohne Turm und ursprünglich sogar ohne Orgel daher – gewissermaßen so modern, dass sie Stefan Zorn selbst dreißig Jahre später bei seiner Ankunft in Burgdorf auf den ersten Blick wenig kirchlich vorkam. „Es sollte keine triumphierende Kirche sein, sondern eine Kirche, die den Menschen dient“, erläutert Paul das Konzept, dem er sich auch heute noch verpflichtet fühlt.
Für ihn sei es ein biographischer Glücksfall gewesen, gerade in diese Gemeinde zu kommen. „Mit der Architektur der St. Paulus-Kirche hatte ich mich schon während des Studiums befasst. Sie kommt in vielen Fachpublikationen über moderne Kirchbauten vor“, sagt er. Eine Besonderheit war, dass die künftigen Nutzer, also die Gemeindemitglieder, schon bei der Bauplanung mit einbezogen wurden – damals noch ein echtes Novum. Und diesem Aufbruchsgeist sei die Paulus-Gemeinde treu geblieben. „Sie war in den zurückliegenden 50 Jahren seit ihrer Gründung ein tolles Labor. Sie hat sich immer wieder umorientiert und auf die Bedürfnisse der Menschen eingestellt“, so Pauls Fazit.


Das Jubiläumsprogramm

Die Paulus-Stiftung schenkt der Gemeinde zum runden Geburtstag fünf Konzerte für fünf Jahrzehnte. Sie finden über das ganze Jahr verteilt im Kirchenzentrum, Berliner Ring 17, statt. "Wir wollen Musik erklingen lassen, die es noch gar nicht oder zumindest nicht so oft in der Paulus-Kirche zu hören gab", sagt der Stiftungs-Vorsitzende Stefan Zorn.

- Freitag, 15. März, 20 Uhr
Chor des Herrn K.
(Rock und Pop)

- Freitag, 28. Juni, 19.30 Uhr
Chorange aus Uetze
(Alte Musik, Gospel, Jazz und mehr)

- Freitag, 13. September, 19.30 Uhr
Mundwerk
(A-cappella, von mittelalterlicher Musik über jiddische Weisen bis hin zu Pop)

- Sonntag, 27. Oktober, 19.00 Uhr
The Churchills
(David Bowie, Cat Stevens, Leonard Cohen und andere)

- Sonntag, 8. Dezember, 17 Uhr
Ökumenische Chorgemeinschaft St. Paulus und St. Nikolaus
(Advents- und Weihnachtslieder)

Eine weitere Besonderheit im Jubiläumsjahr ist die Goldene Konfirmation des ersten Konfirmandenjahrgangs am 4. August.