"Eine bewegte Zeit bis zum Schluss"

Auch beim Einlauf zu ihrer Entlassungsfeier halten die Zehntklässler der Realschule den nötigen Abstand.
 
Seine Abschiedsrede für den letzten Jahrgang der Realschule Burgdorf hat Schulleiter Kai Klinge gleich viermal gehalten - denn wegen der Corona-Epidemie bekam jede zehnte Klasse ihre eigene kleine Entlassungsfeier.

Mit der Entlassung ihres letzten zehnten Jahrgangs endet nach mehr als 150 Jahren die Ära der Realschule Burgdorf

Burgdorf (fh). Unter ganz besonderen Bedingungen ist jetzt die 159-jährige Geschichte der Realschule Burgdorf zu Ende gegangen: Vor einer Woche haben die Schüler des allerletzten Jahrgangs ihre Abschlusszeugnisse erhalten – doch statt einer großen Entlassungsfeier mit Gruppenbild, Live-Musik und vielen Umarmungen, gab es nun für jede der vier zehnten Klassen eine eigene Zeremonie mit ausreichend Abstand und Schutzmasken. „Wir sind aber sehr froh, dass das überhaupt so möglich ist“, betonte Schulleiter Kai Klinge.
Wegen der Corona-Beschränkungen sei lange unklar gewesen, ob die Klassen für die Entlassungsfeiern ebenso wie für den Unterricht in zwei Hälften aufgeteilt werden müssten. „Das ist uns zum Glück erspart geblieben“, sagt Klinge und ergänzt: „Im Laufe der Jahre sind die Klassengemeinschaften immer mehr zusammengewachsen. Es ist schön, dass sie sich nun zumindest gemeinsam verabschieden können.“ Was ihn dabei ganz besonders stolz mache: Trotz der Widrigkeiten haben alle 98 Schüler in diesem Jahr einen Abschluss geschafft: 50 erhielten einen einfachen Realschulabschluss, 47 einen erweiterten und einer einen Hauptschulabschluss. „Das ist ein tolles Ergebnis. Gerade in Anbetracht der Rahmenbedingungen können wir sehr zufrieden damit sein“, hob der Schulleiter hervor.
Bürgermeister Armin Pollehn richtete per Video ein Grußwort an die Absolventen, ebenso die Schülersprecherin Aylin Savucu und die Elternratsvorsitzende Kerstin Bersdorf. Und weil der Abschlussgottesdienst in der Pauluskirche ausgefallen war, hatte auch Matthias Paul eine Videobotschaft aufgenommen. Was sie alle betonten: Unter welch wechselhaften und teils schwierigen Bedingungen dieser Jahrgang seine Schulzeit und vor allem den Abschluss gemeistert habe.
Denn rund zwei Monate vor ihren Prüfungen mussten die Schulen wegen der Corona-Epidemie von einem Tag auf den anderen schließen. Auch die Abschlussfahrt nach Berlin, die für Ende März geplant war, fiel kurzfristig aus. Und anstatt nun noch einmal besonders intensiv im Klassenverband zu arbeiten, lernten und wiederholten die Schüler zu Hause. „Sie mussten im Hauruckverfahren eigenständiges Arbeiten und in besonderem Maße Selbstdisziplin lernen“, sagt Klinge. Die Lehrer hätten sie dabei nach Kräften per E-Mail, Videokonferenzen und Lernplattform unterstützt. Doch den Präsenzunterricht habe das trotzdem nicht ersetzen können.
Deshalb gehörten die Realschüler in Niedersachsen bundesweit zu den ersten, die ab dem 27. April wieder in die Schule zurückkehren konnten, wenn auch nur in halben Klassen alle zwei Tage im Wechsel. Nicht einmal einen Monat später standen dann auch schon die Abschlussprüfungen an – in Deutsch und Englisch sogar mit landesweit vorgegebenen Aufgaben. Um sie darauf vorzubereiten haben alle zehn Lehrer der Realschule Burgdorf die verbleibenden drei bis vier Wochen wieder vor Ort unterrichtet. „Auch diejenigen, die zur Risikogruppe gehören. Es gab bei uns null Ausfall“, betonte Klinge und fügte hinzu: „Das wissen wir zu schätzen. Durch ihren Einsatz hat der Schulabschluss auch in dieser Ausnahmesituation nicht allzu sehr gelitten.“
Das Lernen unter Corona-Bedingungen sei für die Schüler aber nicht die erste Herausforderung gewesen. „Es war eine sehr bewegte Zeit bis zum Schluss“, betonte Klinge. Eigentlich hätten die Besonderheiten schon mit ihrer Einschulung an der Realschule begonnen: „Sie wussten von Anfang an, dass sie unser letzter Jahrgang sind und einige hatten deshalb anfangs auch Bedenken“, so der Schulleiter. Während Haupt- und Realschule ausliefen, wurde die die Integrierte Gesamtschule (IGS) Jahrgang um Jahrgang aufgebaut.
Und eben das habe zu Spannungen geführt. So sei beispielsweise vorgeschlagen worden, dass die Realschüler in Con­tainer umziehen sollten, um das Gebäude Vor dem Celler Tor für die neue Schulform frei zu machen. „Wir fühlten uns in die Ecke gedrängt und haben dagegen protestiert“ erinnerte Klinge. Schließlich habe man dann 2017 dem Umzug in den Neubau neben dem Gymnasium zugestimmt, der ursprünglich für die Gudrun-Pausewang-Grundschule gedacht war. „Als wir dort ankamen, waren die Klassenräume noch leer. Alle haben mit angepackt, um Tische und Stühle aufzustellen“, schildert Klinge den Zusammenhalt. Und auch mit den Waschbecken und Toiletten in Grundschulgröße habe man sich arrangiert.
Eben diese vielen Veränderungen griff auch die Elternratsvorsitzende Kerstin Bersdorf in ihrem Grußwort auf. „Wer in seiner Schulzeit mit so wechselhaften Bedingungen klar gekommen ist, kann gelassen in die Zukunft blicken“, versicherte sie den Schülern und fügte hinzu: „Sollte irgendjemand Ihnen mal vorwerfen, dass Sie unflexibel seien, können Sie ihm getrost ins Gesicht lachen.“
Eine weitere Herausforderung sei 2015 die Aufnahme der Flüchtlinge gewesen. „Von einem Tag auf den anderen saßt ihr bei uns im Unterricht, noch fast ohne Deutschkenntnisse“, rief der Schulleiter der Realschule Burgdorf Kai Klinge in Erinnerung. Es sei vor allem ihrer Lernbereitschaft und ihrem Fleiß aber auch dem Zusammenhalt in den Klassen und der Schulgemeinschaft zu verdanken, dass fünf Jahre später nun alle erfolgreich ihren Abschluss absolviert haben.
Eine von ihnen ist Aya Shahin aus der 10d, die sich bei der Entlassungsfeier ihrer Klasse in einer kleinen Rede für die Unterstützung bedankte. „Viele haben mir dabei geholfen, dem Unterricht zu folgen, Texte zu verstehen, aber auch dabei, mich einzuleben und Freunde zu finden“, sagte die 20-Jährige, die 2015 aus Syrien nach Burg­dorf gekommen war. Nun habe sie die Chance, eine Ausbildung in ihrem Traumberuf als Pflegerin zu beginnen.
Dabei hob sie auch ganz besonders das Engagement von Schulleiter Kai Klinge hervor, mit dem sie nach der Zeugnisübergabe zur Erinnerung noch schnell ein Selfie machte – wenn auch mit dem nötigen Abstand.