Ein Mordfall mit Geschichte

Gerd Bohne hat den Kriminalroman "Die Brosche" veröffentlicht.

In dem Roman "Die Brosche" verknüpft der Burgdorfer Autor Gerd Bohne einen Kriminalfall mit einer historischen Spurensuche

BURGDORF (fh). Wie ein klassischer Krimi beginnt auch der Roman „Die Brosche“ mit einer Leiche: Bei Nacht und Nebel wird sie im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Tschechien in die Elbe geworfen. Doch dem Burgdorfer Autor Gerd Bohne geht es nicht so sehr um eine rasante Mörderjagd: Stattdessen stehen Wirtschaftskriminalität, die italienische Mafia und zweifelhafte Finanzgeschäfte im Mittelpunkt seiner Geschichte.
In seinem Beruf in der internationalen Recycling-Wirtschaft habe er vieles davon ganz ähnlich miterlebt. „Fast alle meine Figuren haben reale Vorbilder, die ich noch lebhaft vor mir sehe“, sagt der 66-Jährige. Das gelte für den zwielichtigen Finanzfachmann Egon Watepfuhl genauso wie für dessen Opfer, den Ziegeleibesitzer Gundolf Wernicke, den er nach allen Regeln der Kunst über den Tisch zieht und damit in den Bankrott treibt.
Doch diese rücksichtslose Bauernfängerei ist nur ein Handlungsstrang – eine andere Spur weist in die Vergangenheit. Denn bei dem Toten in der Elbe wird eine Brosche gefunden, die anscheinend aus dem verschollenen Schatz von Clara Petacci stammt, der Geliebten des italienischen Diktators Mussolini. Wie ist sie vom Comer See in die Elbe gelangt und wo befindet sich der Rest des Schmucks? Diese und viele weitere Fragen führen zurück in die deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Und so ist „Die Brosche“ zugleich eine Liebeserklärung an die Recherche in historischen Archiven. „Ich interessiere mich schon seit langem für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und gehe seit vielen Jahren auf historische Spurensuche“, sagt Bohne und ergänzt: „Meine Dienstreisen habe ich genutzt, um Dokumentensammlungen auch außerhalb Deutschlands zu besuchen.“ In eben dieser Rolle tritt der Autor auch selbst in dem Buch auf: Während die Polizei nach den Tätern sucht, durchforstet sein Roman-Ich Hermann Weber alte Aktenbestände – und deckt dabei manch unerwartete Verbindung auf.
Die Übergänge zwischen erlebter und erfundener Geschichte erscheinen fließend: Wenn er über sein Buch spricht, streut Bohne allenthalben Anekdoten und Erfahrungen aus seinem Berufsleben und aus seiner privaten Biographie ein. „Es macht Spaß über Dinge zu schreiben, die man kennt“, sagt er. Kein Wunder also, dass einige kurze Episoden seines Kriminalromans in Burgdorf spielen, wo Bohne seit 2001 mit seiner Frau wohnt.
Immerhin habe ihm Kleinstadt an der Aue auch noch einige entscheidende Puzzleteile für seine Geschichte geliefert und damit den letzten Anstoß gegeben, tatsächlich ein Buch zu schreiben - oder vielmehr eine fünfbändige Buchreihe. Der zweite Teil mit dem Titel „Kapplers Hut“ ist fast fertig und soll noch im Januar ins Lektorat gehen. „Dort spielt Burgdorf noch eine weit größere Rolle“, kündigt der Autor an.
Und schon der Titel lässt erahnen, dass die Spuren wieder in die Vergangenheit weisen: Denn Herbert Kappler war während des Nationalsozialismus als ranghoher Beamter des SS-Geheimdienstes in Rom stationiert. Dort plante er die Deportation der Juden aus der Stadt und war 1944 verantwortlich für ein Massaker, bei dem er 335 Zivilisten erschießen ließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er deshalb in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt - doch 1977 gelang ihm wenige Monate vor seinem Tod die Flucht in seine Heimat. „Während das in Deutschland nahezu unbekannt ist, ist er in Italien zur Symbolfigur für die Kriegsverbrechen der Nazis geworden“, sagt der Burgdorfer Autor und fügt hinzu: „Dass die Bundesrepublik nach der Flucht seine Auslieferung verweigerte, war für viele Italiener ein Ausdruck deutscher Überheblichkeit.“
Und warum verarbeitet Bohne diese Ereignisse jetzt zu einem Kriminalroman? Schon in den siebziger Jahren habe ihn der Fall beschäftigt, seitdem sei ihm der Name immer wieder in den ungewöhnlichsten Zusammenhängen begegnet. "Ein Freund hat mit beispielsweise von seinem Schwiegervater erzählt, der im Suff Nazi-Parolen grölte und auf dem Wohnzimmerschrank einen Hut aufbewahrte, der angeblich Kappler gehört haben soll“, erinnert sich Bohne.
Viele Jahre später sei er dann auf das Buch von Kapplers Ehefrau gestoßen, in dem sie berichtet, dass seine letzte Reise kurz vor dem Tod nach Burgdorf führte – zum 70. Geburtstag eines ehemaligen Gestapo-Beamten. „In meinem Kopf hat sich das immer mehr zu einer Geschichte zusammengefügt“, sagt Bohne. Und die schreibt er jetzt auf.