Ein Gedächtnis für Heeßel

Ursula Lübbe (von links), Ortsvorsteher Heiko Reißer, Holhger Wißmer, Friedrich Plass und Irmgard Puschkat werfen vor der Alten Dorfschule schon mal einen ersten Blick in einige alte Unterlagen und Festschriften.

Arbeitsgruppe will alte Unterlagen sammeln und sichten, um eine Dorfchronik zu erstellen

HEESSEL (fh). Heike und Holger Wißmer sind 2007 nach Heeßel gekommen und haben das Haus und Grundstück am Heisterkampsweg gekauft. Gern wüssten die beiden Heeßeler etwas mehr über die Vergangenheit ihres Hofes. Doch mit den Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die sie vom Vorbesitzer Albert Krone übernommen haben, können sie wenig anfangen. "Wir wissen einfach nicht, wer darauf zu sehen ist und bei welchen Anlässen die Fotos gemacht wurden", so Holger Wißmer.
Auch deshalb möchte er sich der neuen Arbeitsgruppe anschließen, die sich im Ort auf eine historische Spurensuche begeben und eine Dorfchronik für Heeßel erstellen will. Die Idee haben Ortsvorsteher Heiko Reißer und seine Frau Monika bei der jüngsten Bürgersprechstunde vorgestellt. "Viele Dorfbewohner haben bereits ihr Interesse signalisiert und wollen alte Unterlagen beisteuern", freut sich Monika Reißer.
Mit dem Projekt wolle sie verhindern, dass immer mehr Wissen über die Geschichte des Dorfes unwiederbringlich verschwindet. "Als vor ein bis zwei Jahren einige alteingesessene Heeßeler gestorben sind, ist uns bewusst geworden, dass ihre Erinnerungen nie aufgeschrieben wurden und wir sie jetzt nicht mehr fragen können", beschreibt sie ihre Motivation. Und nicht nur um die mündliche Überlieferung ginge es dabei. "In vielen Kellern und auf Dachböden schlummern noch Dokumente, die für Heeßel von historischer Bedeutung sind. Doch die Erben haben oft kein Interesse daran und entsorgen sie einfach, wenn sie die Häuser verkaufen", so ihre Erfahrung.
Deshalb dürfe die Dorfchronik nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Noch vor der Sommerpause soll es ein erstes Treffen geben; der genaue Termin wird noch bekannt gegeben. Dazu sind alle Bewohner aus Heeßel und Burgdorf eingeladen, die noch alte Fotos und Schriftstücke besitzen oder mithelfen wollen, die Unterlagen zu sichten, um beispielsweise die Entstehung der Siedlungen, die Vergangenheit der Höfe oder die Geschichte der Feuerwehr nachzuzeichnen.
Einen zusätzlichen Anstoß zu dem Projekt hat der Verkauf der Alten Dorfschule neben der Aral-Tankstelle gegeben: Denn auch dieses alte Fachwerkhaus erzählt ein Stück Dorfgeschichte. Nach bisherigem Kenntnisstand des Ortsvorstehers haben die Preußen sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut, nachdem sie das Königreich Hannover annektiert hatten und zusehends die Schulpflicht durchsetzten. Bis Anfang der 1930er Jahre sei dort unterrichtet worden.
Der Rechtsanwalt Karl-Heinz Vehling, der die eine Hälfte der Alten Dorfschule erworben hat, hätte den Altbau gerne saniert. Doch Dachsparren und Balken bestehen nicht wie sonst üblich aus massiver Eiche, sondern aus Nadelholz und sind massiv vom Holzwurm befallen. Deshalb sieht sich der neue Besitzer gezwungen, den Bestand abzureißen, will aber zumindest die Fassade zur Straße hin wieder in Fachwerkoptik aufbauen, um den dörflichen Charakter zu erhalten.
Dahinter soll ein Neubau entstehen, der im Erdgeschoss einen Tagungsraum beherbergt. "Das könnte auch eine neue Heimat für die Dorfgemeinschaft werden. Wir könnten den Raum beispielsweise für Bürgersprechstunden oder Kaffeetrinken nach Beerdigungen nutzen", so Ortsvorsteher Heiko Reißer. Auch der Sportverein könnte ihn für Yoga oder Seniorensport ohne Geräte nutzen und so die Halle entlasten.
Beim Ausräumen der Alten Schule habe Vehling viele historisch wertvolle Dokumente über das Gebäude und seine Nutzung gefunden. "Darunter sind auch die Unterlagen eines Schulmeisters und alte Schulhefte", schwärmt Monika Reißer. Diese Fundstücke hätten noch einmal einen zusätzlichen Motivationsschub gegeben, die Dorfchronik nun tatsächlich anzugehen.
Zumal Vehling von seinem Bruder noch ein ganz besonderes Dokument erhalten hat: Eine alte Karte, die die Besiedlung des deutschen Ostens im 12. und 13. Jahrhundert zeigt. Darauf sind weder Burgdorf noch Hannover eingezeichnet - Heeßel hingegen schon. Das hänge wohl damit zusammen, dass die Heeßeler Burg zeitweise Sitz des Geschlechtes Depenau gewesen sein soll. Vermutlich aufgrund einer Stiftsfehde mit dem Bischof von Hildeheim sind die Depenaus nach Osten vertrieben worden und haben dann wohl in einer Karte auch ihre alte Heimat eingezeichnet. "Es liegt viel Arbeit vor uns", betont Ortsvorsteher Heiko Reißer. Denn an Hinweisen, denen der Arbeitskreis nachgehen kann, scheint es nicht zu mangeln.