Die Natur vor der Haustür

Ernst Schmidt vom Nabu zeigt beim Neujahrsspaziergang Schwalbennester, unter anderem an der Rudolf-Bembenneck-Gesamtschule.
 
Der Regionsabgeordnete Oliver Brandt (von rechts) und seine Frau Evelin unterhalten sich beim Neujahrsspaziergang mit Ernst Schmidt vom Nabu.

Der 40. Neujahrsspaziergang des Nabu führte zu Schwalbennestern im Stadtkern und in der Weststadt

BURGDORF (fh). Es war ein Neujahrsmorgen wie aus dem Bilderbuch: Die Temperatur lag knapp unter dem Gefrierpunkt, die Sonne stand tief am blauen Himmel und die nächtlichen Nebel hatten sich gelichtet. Gegen 11 Uhr trafen sich rund 70 Naturfreunde – dick eingepackt – auf dem Schützenplatz, um sich dem Neujahrsspaziergang des Nabu Burgdorf, Lehrte, Uetze anzuschließen. „Es werden jedes Jahr mehr Teilnehmer. Ich bin überwältigt“, sagte Ernst Schmidt.
Er selbst leitete die Tour jetzt zum fünften Mal – ihre Premiere hatte die Veranstaltung aber bereits am 1. Januar 1981, sodass es jetzt der 40. Nabu-Neujahrsspaziergang war. Er hat seit vielen Jahren seine treuen Fans, zieht aber auch immer wieder neue Teilnehmer an. So war beispielsweise Carmen Bleicher von den Stadtwerken Burgdorf mit ihrem Mann zum ersten Mal dabei. „Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Es ist wirklich interessant und das Wetter ist natürlich auch traumhaft“, freute sie sich. Sie hätten sich das schon seit Jahren vorgenommen: „2020 haben wir den guten Vorsatz nun endlich umgesetzt.“
Auch der Regionsabgeordnete Oliver Brandt und seine Frau hatten den Neujahrsspaziergang schon seit längerem im Auge und rafften sich diesmal auf. Die Uhrzeit habe ihn nicht abgeschreckt, betont Brandt. „Ich bin Nestflüchter. Es war für mich eher eine Herausforderung, überhaupt bis 8 Uhr liegen zu bleiben“, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Dabei wussten die Teilnehmer vorher gar nicht so genau, worauf sie sich einlassen: Denn worum es diesmal gehen sollte, war nicht bekannt. Erst am Treffpunkt auf dem Schützenplatz hat Ernst Schmidt das Geheimnis gelüftet: Als Thema hatte er „Schwalben“ ausgewählt, die als Kulturfolger nahe beim Menschen leben. Und so führte er die Gruppe diesmal nicht ins Grüne, sondern die Straßen entlang. An vier Gebäuden im Stadtkern gibt es noch Schwalbennester: an der Rudolf-Bembenneck-Gesamtschule Vor dem Celler Tor, an der Grundschule Gartenstraße, am Rathaus IV und am Bauhof an der Friederikenstraße.
Zu sehen bekamen die Teilnehmer die Schwalben freilich nicht. Denn sie überwintern im Moment in Afrika und kehren erst ab April für die Brut zurück. Warum hat Ernst Schmidt für den Neujahrsspaziergang trotzdem diese Vögel ausgewählt? „Im vergangenen Jahr haben die vier Kolonien entgegen dem Trend enorm Zuwachs bekommen. Die Zahl der Nester hat sich fast verdoppelt“, sagt er und fügt hinzu: „Ich habe keine Erklärung dafür. Aber es ist natürlich eine erfreuliche Entwicklung.“
Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bestände insgesamt stark zurückgehen. „Die Vögel leiden unter dem Insektensterben genauso wie unter der Versiegelung von Flächen“, betont die Schwalben-Beauftragte Dagmar Hartmann, die Schmidt bei dem Rundgang unterstützte. So gebe es beispielsweise immer weniger Lehmpfützen, die sie für den Bau ihrer Nester benötigen. Außerdem würden aufgrund von schärferen Hygienevorschriften Ställe zusehends geschlossen, sodass es gerade für Rauchschwalben weniger Brutplätze gebe.
Und auch für die Mehlschwalben werde es immer schwieriger: Ein Problem seien beispielsweise Dach- und Fassadensanierungen. „Sie sind bei alten Gebäuden natürlich irgendwann nötig und der Nabu würde sich niemals dagegen sperren“, betont Hartmann. Doch häufig gingen dabei Nistplätze verloren und wenn für den Anstrich eine Farbe mit Lotus-Effekt verwendet wird, würden auch neue Nester nicht mehr daran haften. „Dabei ließe sich oft ganz einfach Abhilfe schaffen“, so die Expertin. Betroffene könnten sich beim Nabu jederzeit beraten lassen.
Einen solchen Fall habe es jüngst auch am Meisenweg in der Burgdorfer Weststadt gegeben, wo die Hausverwaltung eines Mehrfamilienhauses Nester abschlagen wollte, ohne Ersatz zu schaffen. Doch aufgrund eines anonymen Hinweises schaltete sich der Nabu ein. „Wir haben erläutert, dass Schwalben unter Schutz stehen und es strafbar ist, ihre Nester einfach zu entfernen“, so Hartmann. Der Nabu habe der Hausverwaltung dann künstliche Nester zur Verfügung gestellt, die mittlerweile zusammen mit Kotbrettern an der Fassade montiert wurden.
Oft würde den Tieren nicht aus bösem Willen, sondern aus Unkenntnis das Leben schwer gemacht. „Viele Menschen bekommen gar nicht mehr mit, was sich in der Pflanzen- und Tierwelt unmittelbar um sie herum abspielt“, sagt Schmidt und fügt hinzu: „Was ich nicht kenne, kann ich nicht schützen.“ Deshalb sei es dem Nabu ein wichtiges Anliegen, zu informieren und den Menschen die Natur wieder näher zu bringen - und das nicht nur beim Neujahrsspaziergang.